Charakterbilder

St├Ądtebund Theater Hof: "My fair Lady"

von Alexander Hauer
Städtebund Theater Hof

My fair Lady
 


Musikalische Leitung
: Lorenz C. Aichner - Inszenierung: Karsten Jesgarz - Bühne: Heiko Mönnich - Kostüme: Annette Mahlendorf - Chor: Michel Roberge - Choreographie: Barbara Buser - Bilder von SFF Fotodesign Hof
Besetzung: Professor Henry Higgins: Thilo Andersson - Eliza Doolittle: Lisa Henningsohn - Alfred P. Doolittle: Jürgen Schultz - Oberst Pickering: Peer Schüssler / Karsten Schröter - Mrs. Higgins: Marianne Lang - Mrs. Pearce: Stefanie Rhaue - Freddy Eynsford-Hill: Florian Bänsch - Mrs. Eynsford-Hill: Susanne Hagen - Harry und Jamie: Christian Seidel und Hans-Peter Leinhos

Opernchor theater hof - Ballett theater hof - Hofer Symphoniker
 
Ach det is so wundascheen
 
Es war eine Veranstaltung wie aus dem Lehrbuch. Karsten Jesgarz und Lorenz C. Aichner zeigten

Jürgen Schultz, Thilo Andersson - Foto © SFF Fotodesign
der Welt mal wieder, daß Franken sich langsam zum Musicalstützpunkt in Deutschland entwickelt. Und das ohne superduper, extrem hochgejubelte Großveranstaltungen, für die extra ein neues Haus gebaut werden muß.
My fair Lady, unter den „klassischen“ Musicals vielleicht das bekannteste, begeisterte das gesamte Auditorium, was nicht nur den flott beschwingt spielenden Hofer Symphonikern oder der voller hintergründigem Charme sprühenden Regie zu verdanken ist. Ein geschlossen gutes Ensemble, ein sanges- und spielfreudiger Chor, wie nicht anders zu erwarten aufs Beste geführt von Michel Roberge, eine Ballett-Truppe die alles gab, ja, auch die Statisterie muß gelobt werden. Also, alles in allem ein kleines Gesamtkunstwerk.
 
Regiekonzept geht auf
 
Karsten Jezgarz verkürzte das Musical um 4 Bilder auf angenehme drei Stunden, die wie im Flug vergingen. Schon während der antreibenden Ouvertüre gehen Blumenmädchen durch den Zuschauerraum und versprühen Fliederduft, der wunderbar zum Umbauvorhang paßt. Das erste Bild läßt in das Menschengewimmel vor der königlichen Oper Convent Garden eintauchen. Karsten Jesgarz zeigt hier sein besonderes Geschick, große Menschengruppen sinnvoll und stimmig auf die Bühne zu bringen. Das Bühnenbild von Heiko Mönnich besteht aus zwei Elementen, die durch klug durchdachte Veränderungen sowohl Londoner Innenstadt, als auch Higgins Wohnung, genau wie Kneipe, Markt, etc. sein können. Die Kostüme von Annette Mahlendorf sind der Zeit verpflichtet und für das Ascotbild besonders aufwendig gestaltet. Die Kostüme bedienen die Dramaturgie des Stückes, in der es neben der Unmöglichkeit des Zusammenlebens von Mann und Frau auch um eine Gesellschaft geht, die in Konventionen erstarrt ist. Neben den Kostümen von Eliza, deren Wandel vom ungebildeten, aber durchaus emanzipierten Blumenmädchen zur selbstbewußten Frau auch in der Kleidung dargestellt wird, zeugen besonders die Kostüme von Higgins, Pickering und Mrs. Higgins von besonderer Liebe zum Detail.
 
Typen
 
Thilo Andersson gibt einen sehr jungen, aber in alten Wertvorstellungen verhafteten, egoistischen Hagestolz, der sich in Tweedanzug und Strickjacke am wohlsten fühlt. Peer Schüssler, witzig aufgedreht wie immer, zeigt als Pickering durchaus menschliche Tiefe, die aber durch übertriebene Liebe zum Militär und auch nach der Pensionierung weiterhin bestehende Bereitschaft zur Befehlserfüllung unterdrückt wird. Marianne Lang wird ihrer Rolle als Mrs. Higgins mehr als gerecht. Es gelingt ihr souverän, der Mutterfigur glaubhafte Zweifel am Handeln ihres Sohnes zu vermitteln. Gleichen  Erfolg hat Stefanie Rhaue mit der Ausgestaltung der Haushälterin Mrs. Pearce. Ohne großen Text, mit kaum einer Möglichkeit ihren strahlenden Mezzo einzusetzen, gelingt ihr die Darstellung des guten Geistes im Higgins’schen Männerhaushalt. Florian Bänsch zeigt mit Freddy Eynsford-Hill, einem leicht vertrottelten High Society Bürscherl, sein Können als versierter Musicaldarsteller.
 
Lisa Henningsohn – eine glaubwürdige Eliza
 
Jürgen Schultz als philosophierender Müllkutscher hat neben den Szenen der Eliza die beiden großen

Thilo Andersson, Lisa Henningsohn, Peer Schüssler - Foto © SFF Fotodesign
Abräumer des Abends. Die beiden Showstopper mit seinen Kumpels Harry und Jamie, Christian Seidel und Hans-Peter Leinhos und dem Ballett brachten die Zuschauer zum Rasen. Jürgen Schultz gehört sicher nicht zu den Leichtesten im Ensemble, brachte aber in Barbara Busers witziger Choreographie alles und noch etwas mehr. Ja und dann gab es noch sie: Lisa Henningsohn. Nach ihrem sensationellen Auftreten in „Sound of Music“ waren die Erwartungen an sie sehr hoch. Schafft es die sympathische Schwedin, der Eliza, dieses berlinernde Gossenkind, diese Hinterhofpflanze glaubwürdig auf die Bühne zu bringen? Um gleich auf den Punkt zu kommen, sie hat es geschafft. Mit einer Mischung aus schauspielerischem Talent, tänzerischen Vermögen und glasklarem Sopran zog sie das Publikum in ihren Bann.
 
Charaktere
 
Nun ist die Eliza auch die einzige wirklich durchweg sympathische Figur in Lerner und Loewes Shaw-Adaption. Der Vater betätigt sich ohne mit der Wimper zu zucken als Zuhälter seiner Tochter, Higgins ist ein beziehungsunfähiger Egomane, der auf die Gefühle anderer kein Rücksicht nimmt, ebenso wie Pickering, der als ehemaliger Oberst verlernt hat selbständig zu denken und zu handeln. Loewes Musik und das Libretto von Lerner, und in unserem Fall auch die geniale Übersetzung von Robert Gilbert, gelingt es aber diese sozialen Aspekte auszuklammern, und so bleibt ein vergnüglicher Abend der (meinerseits) dringend nach einer Wiederholung schreit.

Weitere Informationen unter: www.theater-hof.de

Redaktion: Frank Becker