Let´s fake an Opera

Verdis „Rigoletto“ in Bonn

von Peter Bilsing
Let´s fake an Opera
 
Verdis „Rigoletto“ in Bonn
 
Premiere: 25.10.2009

Musikalische Leitung: Enrico Delamboye / Inszenierung: Bruno Berger-Gorski / Bühne und Kostüme: Fred Fenner / Daniel Nunez-Adinolfi  / Licht: Max Karbe / Choreinstudierung: Sibylle Wagner / Fotos: Thilo Beu / Hochkreuzallee 104 / 53175 Bonn / Tel: 0228/778225
Besetzung: Der Herzog von Mantua: George Oniani - Rigoletto: Mark MorouseGilda: Julia Novikova - Graf von Monterone : Martin Tzonev – Graf von Ceprano: Johannes Marx – Die Gräfin: Christina Kallergis – Marullo: Sven Bakin – Borsa: Aram Mikayelyan - Sparafucile: Ramaz Chikviladze – Maddalena: Anjara I. Bartz – Giovanna: Erika Detmer - Ein Gerichtsdiener: Johannes Flögl – Ein Page: Brigitte Jung - Herrenchor und Statisterie des Theater Bonn  -  Beethoven Orchester Bonn
 


Irgendwo in der Zukunft...


Wir befinden uns im Jahre 8 nach Westerwelle und Angie – also irgendwo in der Zukunft. Was gestern noch wie ein Märchen klang, ist heute schon Wirklichkeit geworden. Es gibt „die da oben“ und „jene dort unten“, die in der Kanalisation leben. Waren es bei Wagner noch die Nibelungen, sind es hier „die armen Schweine“ vermenschlichten Elends – Opfer des Nord-Süd-Gefälles oder des

Chor, Statisterie - Foto © Thilo Beu
Ost-West-Konflikts, wie auch immer man es sehen mag. Geflüchtete aus noch elenderen Staaten und jetzt Opfer der Zivilisation unserer Mehrwertkultur, die insbesondere, wenn sie Frauen und Minderjährige sind, noch brauchbar erscheinen – wenn auch als brutal Vergewaltigte und perverse Spielbälle bei den Orgien der Edlen und Reichen, der Magnaten und Banker, der Paten und Bau-Oligarchien bzw. der Müllmilliardäre. Einer von ihnen ist der „Herzog von Mantua“. Herrscher über ein Röhrensystem unendlichen Ausmaßes, welches eigentlich – wie wir im Anfang sehen – zu einer gigantischen Raffinerie gehört. Zugleich ist er noch Inhaber einer großen Baufirma und, was nur logisch erscheint, auch Müllmagnat. So lassen sich nach alter Mafia-Manier die vielen Leichen praktisch und betonsicher entsorgen. Er ist einer der wahrlich wichtigen „Leistungsträger“ in dieser fiktiven Gesellschaft.
 
Ein böses Märchen von übermorgen

Dies ist also nicht notwendigerweise Verdis „Rigoletto“ wie er auf der Spielplan-Ankündigung steht und ihn Opern-Museumsbesucher erwarten, sondern ein böses Märchen von übermorgen mit Musik von gestern, vom alten Verdi. Und so futuristisch schön spielten auch die Damen und Herren vom Beethoven Orchester Bonn unter der hervorragenden Leitung von Enrico Delamboye. Musik, die wie Flammen in den sprichwörtlichen Troubadour-Himmel lodert, auf sehr hohem Qualitätsniveau und mitreißend überzeugend.

Mark Morouse, George Oniani - Foto © Thilo Beu
Doch langsam und chronologisch setzen wir der kühnen Sichtweise und Umwandlung des Stoffes durch das Regieteam um Bruno Berger-Gorsky erst einmal desen eigene Stellungnahmen voran, die sich durchaus interessant liest:
 
„Während der jahrzehntelangen Rezeptionsgeschichte der Oper wurden die Charaktere nicht klar geprüft….Für uns ist Rigoletto der einzige Schuldige an der Desillusionierung von Gildas Lebensträumen und deshalb an ihrem Selbstmord!....er verschuldet durch sein provokantes Auftreten in der Gesellschaft des Herzogs Gildas Entführung. Als Vater kann er Gilda nicht erwachsen werden lassen und respektiert ihre Entwicklung zur werdenden Frau nicht, statt diese pädagogisch zu fördern….Der Herzog ist als Gegenpol zu Gilda genauso ein Außenseiter…“
 
Kühne Thesen, aber bei längerem Nachdenken doch in vielem erheblich näher an Victor Hugos Original „Le Roi s´ amuse“, als die in nicht wenigen Bereichen doch allzu simple und unlogische Opernumsetzung von Piave/Verdi. Oder haben Sie sich nicht – Hand aufs Herz! – auch immer über den Blödsinn geärgert, daß man Rigoletto die Augen verbindet und er dennoch doof und ohne zu fragen sorglos mitarbeitet, oder daß der Profikiller Sparafucile so stümperhaft sein Handwerk vollzieht, daß die Ermordete erst scheinbar tot ist, aber dann noch minutenlang singen kann? Es gäbe unzählige weitere Sinnlosigkeiten zu benennen, ähnlich dem noch sinn-unverständlicheren „Troubadour“.

Anfangs noch betulich


Leider ist das Konzept im ersten Akt noch relativ betulich, allzu betulich, umgesetzt. Das Regieteam hätte vielleicht einmal bei Bieito hospitieren sollen. Die Ver-Prügelszenen wirken wie Karaoke auf einem Kindergeburtstag, eine Nackte allein macht noch keine Orgie - auch wenn sie sich noch so lasziv über den Boden rollt oder an der Strip-Stange räkelt und die wenigen Sado-Maso-Momente, wenn erwachsene Männer als gestriegelte Domina-Hunde blöd grinsend an Dominas Hand lecken, provozieren nur mitleidvolles Lächeln. Warum so etwas das Premierenpublikum zu spontanen „Buhs“ reizt, erschließt sich mir zumindest auch nicht.

Ramaz Chikviladze, Mark Morouse - Foto © Thilo Beu
Natürlich ist es nur logisch, daß man die Opfer aus den Röhrenwelten erstmal ordentlich wäscht und dampfend desinfiziert – Szenen, worauf der Regisseur anscheinend viel Wert legte, denn sie laufen auch schon vor der Vorstellung im Pausenraum über Monitore.
 
Daß Rigoletto den quasi Drogenbauchladen der Opiate und Extasypillen, nämlich seinen Glitzer-Rucksack (sprich: Buckel) ablegt, wenn er zu Gilda geht, ist verständlich, wenn auch nicht ganz neu. Sparafucile entsteigt furchterregend einem Gullideckel – dezentes Gelächter im Publikum! Wenn Rigoletto auf einer Riesenleiter zur Bühne herabgelassen wird, hat das etwas; die minutenlange Demontage der Sicherungsseile dann allerdings nicht mehr. Ausgesprochen lächerlich, als wären wir bei „Wetten daß…“ wirkt es, wenn vor den Augen des eben verbundenen Rigolettos noch der Blinzeltest mittels Handwinken gemacht wird. Fast hätte ich vergessen zu erwähnen, daß natürlich Gildas Gefühle, die sich sichtbar als Luftblasen darstellen, auch realistisch in Szene gesetzt werden. Gilda präsentiert sich mit ihren Alteregos in den vielen Kanalfluchten. Auf einen nach vorne langsam rollenden Riesenball wird das Gesicht des Herzogs projiziert… Dennoch kommt wenig echte Stimmung auf, denn das Bühnenbild erinnert irgendwie in der Stilisierung an Dutzende von Auspuff-Endrohren ehemaliger Monstertrucks und Motorräder.
 
Verdi und die Bau- und Müll-Mafia

Ab dem zweiten Akt wird alles es besser, stringenter und logischer. Die ganze linke Hälfte der Bühne

Julia Novikova (oben), Mark Morouse (rechts), Chor - Foto © Thilo Beu
nimmt ein großes Baugerüst ein, rechts sehen wir das Heck einer gewaltigen veritablen Strech-Limousine, das mobile Freudenzimmer des Magnaten – die mittlere Röhre ist als Auftrittsarena mit Discolicht wie im ersten Akt, geblieben. Die leuchtend gelben und orangenen Anzüge der Schergen des Herzogs mit den drei weißen Reflektionsstreifen an der Seite und dem Bowler auf dem Kopf erinnern mehr an Adidas, als an den Film „Clockwork Orange“, woran man wohl bei der Konzeption gedacht hatte. Immerhin sind die Kostüme (Fred Fenner & Daniel Nunez-Adinolfi) von origineller Zuschneideform und Farbe. Allerdings hätten, meiner verdorbenen Meinung nach, die Gespielinnen im ersten Akt in diesem Zebrastreifen-Look auf Schießer-Unterwäsche durchaus verzichten dürfen.
 
Es ist also eindeutig die Mafia, die hier im zweiten Akt tätig wird – die Müll- und Gebäudemafia; daher auch das große Original-Baustellensschild aus Italien. Die Leichen von wohl ehemaligen Geschäftspartnern und Gespielinnen wurden in derbe Leinensäcke gepackt und lagern noch als Bodenmüll unter dem großen Gerüst. In so einen Sack wird auch später Sparafucile die ermordete Gilda stecken, soviel schon jetzt.
Im Weiteren bleibt man aber relativ werktreu – was gesungen wird, findet auch so statt. Gemordet und geliebt wird, etwas umständlich natürlich, auf dem Gerüst, aber das macht durchaus Sinn, und Gilda steckt auch nicht verkehrt herum im Sack, sondern singt nach etwas umständlichem Öffnungs-Procedere brav und wunderbar zurückhaltend, als wären wir bei Otti Schenk.

"Coup de Theatre" im Finale


Im Finale gelingt dann doch ein überzeugender „Coup de Theatre“, eine tolle und furiose

Anjara I. Barz, George Oniani, Chor, Staisterie - Foto © Thilo Beu
Schlußszene, denn vom Gerüst aus hat unser Herzog die letzten Worte der sterbenden Gilda mitbekommen, und die Regie macht uns klar, daß er das Mädel doch wohl richtig geliebt hat. Er rennt verzweifelt davon. Wenn Rigoletto dann den Riesenvorhang, welcher die Vorderbühne von der Hinterszene trennte, herunterreißt, sehen wir ein Bild des Grauens: Der Herzog hat all seine Mitgangster exekutiert und sich erhängt. Das überzeugt nachhaltig. Ein toller Schluß!
Ein weiterer Grund nach Bonn zu fahren ist auf jeden Fall die musikalische Seite. Nicht nur ist Julia Novikova eine traumhafte Gilda, sondern auch der Rigoletto von Mark Morouse sollte nicht so leicht seinesgleichen finden; George Oniani ist ein standfester und ausgesprochen höhensicherer Herzog, überzeugend Ramaz Chikviladze als Sparafucile und Martin Tzonev als Monterone. Der Herrenchor (Sibylle Wagner) war gut disponiert und die Statisterie ausgesprochen gut auf das skurrile Thema eingestellt – wenn im Programmheft gestanden hätte: „Wir danken dem Ensemble der Rio-Rita-Bar“ hätte ich´s glatt für bare Münze genommen. Bravi!
 
Ansehnlich und unterhaltsam

Ein durchaus ansehnliches Konzept mit leichten Umsetzungsschwächen; immerhin kein Opernmuseum. Alles ist sehr farbenprächtig, schöne Kostüme und schöner Gesang. Nehmen Sie ruhig ihre Kinder mit, denn so züchtig und nett anzusehen und von harmloser Gestalt wurde selten das Thema Orgie und SM abgehandelt. Ein unterhaltsamer Abend.

Weitere Informationen unter: www.theater-bonn.de

 
Redaktion: Frank Becker