Alles ist irgendwie

Absurdität mit Methode in Slawomir Mrozeks „Tango“

von Frank Becker
Alles ist irgendwie
 
Absurdität mit Methode in Slawomir Mrozeks „Tango“
 
Inszenierung: Iwona Jera - Bühne und Video: Sami Bill - Kostüme: Dorien Thomsen - Dramaturgie: Sven Kleine
Besetzung: David Schirmer (Artur) - Astrid Breitbach (Ela) - Martin Engler (Stomil) - Hans Richter (Eugenia) - Marco Wohlwend (Eugen) - Gregor Henze (Edek) - Anne-Catherine Studer (Ala)


Wir erleben nach dem europaweiten Zusammenbruch des totalitären Kommunismus und der Neuordnung Europas vor 20 Jahren derzeit eine neue Welle von Umstürzen und Veränderungen, jetzt in der arabischen Welt. Noch ahnt niemand, wohin der Weg führt, doch wird deutlich, daß die beteiligten Völker nach sich wiederholendem Muster entweder der Einflüsterung oder der Gewalt eines charismatischen Despoten erliegen oder nach einer Phase der Scheinzufriedenheit selber zur Revolution schreiten.
 
Chaos, Entropie, Anarchie
 

Wozu Revolution? - Wohlwend, Richter, Studer, Henze (in der Tür von oben), Engler (Mitte), Schirmer - Foto © Uwe Stratmann

Slawomir Mrozek schrieb 1964 im kommunistischen Polen „Tango“ als Parabel auf die im Sprachgebrauch des Ostblocks ständig mit der Konterrevolution ringende Revolution – das Vokabular der politischen Demagogie gleich von welcher Seite eignete und eignet sich noch immer als Munition im Krieg der Worte. Vortrefflich besonders für das Libretto einer Polit- und Gesellschafts-Satire.
Iwona Jera hat das Stück, das die begrenzte Welt einer Familie als pars pro toto präsentiert, ins Heute übersetzt, läßt die den deutschen Zuschauern zeitlich und inhaltlich nähere saturierte Generation der Alt-68er argumentieren und die mit der gewohnten Freiheit unzufriedene Jugend in Gestalt von Artur (gekonnt verunsichert: David Schirmer) nach Ordnung rufen. Die Revolution ist lange vorbei, man suhlt sich in der erkämpften Freiheit, die neuen bequemen Mechanismen sind eingefahren. Alle sind anscheinend zufrieden, bis auf Artur, dem es überhaupt nicht mehr gefallen mag, wie diese Freiheit interpretiert wird. Er sieht darin Chaos, Entropie und Anarchie, spricht von „dem Bordell, in dem nichts funktioniert, weil alles erlaubt ist“, möchte seinen Vater Stomil (in allen Facetten glänzend: Martin Engler), der es gelassen hinnimmt, daß seine Frau Ela (schrill in ihrer Ziellosigkeit: Astrid Breidbach) mit dem abgefeimten, undurchsichtigen Fremden Edek (vielschichtig: Gregor Henze) schläft, chancenlos zur Konterrevolution anstacheln. „Empöre dich!“ Man ruht in sich. Oma Eugenia (bodenständig: Hans Richter, der vor Jahren mit Becketts „Glückliche Tage“ im Absurden Theater glänzte) möchte nur noch spielen und Tango tanzen – gelegentlich vom Enkel zur Strafe auf den bereitstehenden blumengeschmückten Katafalk geschickt. Am Ende wird sie, wenn sie ihn tatsächlich braucht, energisch darauf aufmerksam machen müssen, daß sie stirbt. Vor dem Streit um Bestand und Konterrevolution zählt das persönliche Schicksal nicht.


Na gut: Revolution - Richter, Breidbach, Engler, Studer, Henze, Wohlwend - Foto © Uwe Stratmann
 
Empöre dich!
 
Nur einer folgt opportunistisch und auch ein bißchen unter Zwang dem Ruf des „Revolutionärs“: Onkel Eugen (burlesk und beweglich: Marco Wohlwend). Und eine möchte in der Zuckerwattewelt der Gegenwart nichts als ihre Freiheit. Dafür ist Ala (von Raffinesse und explosiver Weiblichkeit: Anne-Catherine Studer) sogar bereit, Artur zu verführen, ja ihn pro forma gar zu heiraten, was ja auch schon Konterrevolution ist. Iwona Jera illustriert die Charaktere exquisit mit den Kostümen von Dorien Thomsen, die Vorgänge, Differenzen, Wortgefechte mit dem intelligenten Bühnenbild beweglicher Türen (der dicke Stomil muß fast immer durch die schmalste Tür) von Sami Bill.
Im Moment der Wahrheit, die Familie hat sich der Gewalt der auf sie gerichteten Waffe gebeugt, sieht Artur die Sinnlosigkeit seines Weges. Doch die Bauten der Vergangenheit sind bereits eingerissen, als Kathedrale der Zukunft ist ein neues Haus errichtet, das den morbiden Hauch einer Gruft verströmt, auf deren Tür projiziert ein dicklicher Gott (na klar, ein Mann) leibhaftig den Takt auf rasenden Uhren trommelt.
Schade um die schöne Revolution? Ach was, Edek nutzt die Gunst der führerlosen Stunde, reißt Macht und Waffe an sich, tötet Artur, ruft eine neue Zeit aus und tanzt mit Onkel Eugen. Und ein bißchen tanzt auch die tote Oma. Ensemble und Inszenierung haben Mrozeks Groteske mitreißend umgesetzt. So funktioniert zeitlose Satire. So funktioniert Theater.


Tango! -Richter, Wohlwend, Henze, Studer, Henze, Studer (verdeckt), Breidbach, Engler, Schirmer - Foto © Uwe Stratmann
 
Weitere Informationen: www.wuppertaler-buehnen.de