Eine perfekte Abseitsfalle

"Ladies´ Night" im Wuppertaler TiC-Theater - eine Inszenierung von Ingeborg Wolff

von Frank Becker
Ladies´ Night
 
Komödie von Stephen Sinclair und Anthony McCarten
in der Bearbeitung von Gunnar Dreßler
 
 
 
Inszenierung: Ingeborg Wolff - Bühne: Iljas Enkaschew - Kostüme: Kerstin Faber - Choreografie: Sinead Kennedy
Besetzung: Iljas Enkaschew (Dave), Tobias Unverzagt (Barry), Oliver Brick (Norman), André Klem (Graham), Jean-Philippe Ili (Gavin), Fabrizio Costa (Wesley)
 
Bitterernst
 
Es ist zwar eine Komödie, die mit leichter Hand aber Tiefgang gekonnt inszeniert sowie engagiert
und temporeich gespielt folglich für die gewünschte Heiterkeit, ja sogar den gezielt angepeilten Jubel, überwiegend bei den Damen sorgt - es ist aber vor allem ein Sozial-Drama mit bitterernstem Hintergrund, das Stephen Sinclair und Anthony McCarten mit „Ladies´ Night“ 1987 geschrieben haben. Der 1997 von Peter Cattaneo im englischen Sheffield gedrehte und vielfach ausgezeichnete Film „The Full Monty“ (Ganz oder gar nicht) machte auf die durch den Niedergang der englischen Stahlindustrie ausgelöste Problematik der hohen Arbeits- und Perspektivlosigkeit unter den Männern der Region aufmerksam. Der enorme Kinoerfolg zog bis heute eine Welle von großartigen Bühnenaufführungen nach sich, so auch jetzt im Wuppertaler TiC-Theater. Regie führte Ingeborg Wolff, verdiente Schauspielerin und Grande Dame der Wuppertaler Bühnen – ihre zweite Inszenierung fürs TiC nach dem äußerst erfolgreichen „Bezahlt wird nicht“ von Dario Fo.
 
Eine perfekte Abseitsfalle
 
Die persönliche und wirtschaftliche Situation der sechs Männer in diesem Stück ist fatal, scheint aussichtslos. Job weg, quälendes Anstehen beim Arbeitsamt, Ehe gefährdet oder geschieden – ja selbst an den Freitod wird gedacht. Da ist der Mißmut der ohne Verschulden ins Abseits geratenen mehr oder weniger gestandenen Kerle angesichts des Erfolges der Men-Strip-Truppe der „Chippendales“ verständlich. Ihre Frauen rennen hin, kreischen, jubeln und geben die wenigen Pfund aus, die noch geblieben sind. Aber halt... wieso eigentlich nicht auf diesen Zug aufspringen und selber für die Ladies strippen?
Ex-Stahlarbeiter Dave (exorbitant: Iljas Enkaschew) kann zunächst den übergewichtigen Kumpel Barry (mutig und komödiantisch: Tobias Unverzagt) für die Idee gewinnen, als Dritter im Bunde kommt das hilflos verzweifelte Muttersöhnchen Norman (berührend: Oliver Brick) hinzu. Weil ihr ehemaliger Vorarbeiter Graham (charakterstark: André Klem) mal einen Tanzkurs besucht hat, muß er die Choreographie übernehmen. Als Nr. 5 kommt Selbstdarsteller Gavin (köstlich: Jean-Philippe Ili) mit einem ganz besonders überzeugenden Argument dazu und als Nr. 6 der maulfaule Wesley (eine Überraschung: Fabrizio Costa). Die Truppe steht.


Das Argument - Foto: A. Fischer
 
Stripper mit Umbauverpflichtung
 
Ingeborg Wolff hat vor allem den Prozeß des „Klick im Kopf“ von sechs Durchschnittskerlen und mit Hilfe der Choreographin Sinead Kennedy den der tänzerischen Entwicklung ihrer Protagonisten brillant, humorvoll und mit der nötigen Delikatesse umgesetzt. Das Zögern und Hoffen, der Trotz, die Sorge um die persönliche Reputation, die „Angst des Tormanns beim Elfmeter“, das Entdecken der Abseitsfalle für das Tanzprojekt – all das wird paßgenau mit Enkaschews intelligentem variablen Bühnenbild auf die kleine Bühne des TiC-Studios gebracht. Der soziale Zündstoff bleibt stets im Blick, hier liegen Existenz-Sorgen und brennender Optimismus dicht beieinander. Trotz aller Drastik kommt die Inszenierung ohne Plattheiten aus, der Witz bleibt – wenn auch Harry das Obszöne liebt – überwiegend fein: „Wir werden Stripper!“ – „Aber nicht heute, meine Mutter wartet mit dem Essen.“ (Norman). Die erotische Annäherung von Gavin und Norman wird dezent gehalten, die Soli von Tobias Unverzagt (sic!) und Jean Philippe Ili lösen Begeisterung aus, kurze, knackige Szene machen die Handlung überschaubar.

Showdown - Foto: A. Fischer

Es kommt zum Showdown, in dem unsere sechs Helden zeigen in der alles entscheidenden Schluß-Nummer zu Tom Jones´ „You can leave your hat on“ (um einen Hauch zu knapp gehalten), was sie können und was sie haben – na ja, nicht ganz, verständlicherweise. Man hat ja noch ein Leben neben dem Theater. Macht Spaß und ist zu empfehlen.
 
Weitere Informationen unter: www.tic-theater.de