Die gestohlene Kindheit

Eva Bertram - "2 Ein Kind 1998-2009"

von Frank Becker

© Hatje Cantz
Eva Bertram: „2 Ein Kind – 1998-2009“
 
Fotografien von Eva Bertram
mit Texten des Philosophen Andreas Steffens

 
Eva Bertram hat in ihrem Langzeit-Fotoprojekt „2 Ein Kind“ über einen Zeitraum von elf Jahren das Aufwachsen und die Entwicklung ihrer Tochter mit der Kamera verfolgt, in Schnappschüssen und Inszenierungen festgehalten. Ein auf den ersten Blick unverfängliches, an die Idee eines Familienalbums auf höherer Ebene erinnerndes Vorhaben. Beim mehrfachen Betrachten hingegen wirkt die öffentliche Präsentation dieses Kindes auf den Rezensenten unangenehm, ja peinlich, dringt er doch mit dem Auge und mit dem Verstand wie uneingeladen (vom Kinde, notabene) in die intime Welt dieses kleinen Menschen ein, dem hier durch die Mutter die Selbstbestimmung genommen wurde. Mehr noch: Eva Bertram – eine interessante Fotografin, wie ihr Band „Inseln“ belegt - reißt mit ihrem Buch dem Kind den Schleier des Geheimnisses der Kindheit vom zarten Gesicht, exponiert, inszeniert das unmündige Mädchen auf beinahe voyeuristische Manier.

Selbst Andreas Steffens´ einfühlsamer, in die Tiefe des Themas Kindheit gehender Essay „Fotografie der Kindheit, Kindheit der Fotografie“ vermag dieses bedrückende Gefühl nicht zu mildern. Wo er die Geschichte einer/der Kindheit sieht, die „Bildkunst einer ästhetischen Tochterkonstitution“, ein „Dokument, das verewigt, was zum ersten Mal war“, sehe ich den kaum zu ertragenden Diebstahl einer ungestörten Kindheit mit all ihren Wandlungen.
Mir fällt dazu Friedrich Hölderlin ein, der 1797 in seinem „Hyperion“ schreibt: "Ruhe der Kindheit! himmlische Ruhe! wie oft steh´ ich stille vor dir in liebender Betrachtung, und möchte dich denken! (...) Ja! ein glücklich Wesen ist das Kind, solang es nicht in die Chamäleonsfarbe der Menschen getaucht ist. - Es ist ganz was es ist, und darum ist es so schön. Der Zwang des Gesetzes und des Schicksals betastet es nicht! im Kind ist Freiheit allein. - In ihm ist Frieden! es ist noch mit sich selber nicht zerfallen. Reichtum ist in ihm; es kennt sein Herz, die Dürftigkeit des Lebens nicht. Es ist unsterblich, denn es weiß vom Tode nichts. Aber das können die Menschen nicht leiden. Das Göttliche muß werden, wie ihrer einer, muß erfahren, daß sie auch da sind, und eh es die Natur aus seinem Paradiese treibt, so schmeicheln und schleppen die Menschen es heraus, auf das Feld des Fluchs, daß es wie sie im Schweiße des Angesichts sich abarbeite.
Aber schön ist auch die Zeit des Erwachens, wenn man nur zur Unzeit uns nicht weckt."
 
Eva Bertram – „2 Ein Kind - 2 One Child“
Gestaltung von Eva Bertram, Hans Schumacher, Text von Ulrich Pohlmann, Andreas Steffens (Deutsch, Englisch)
© Hatje Cantz 2010, 160 Seiten, 76 farbige Abb.
21,70 x 25,10 cm, gebunden, 29,80 € - ISBN 978-3-7757-2621-4

Weitere Informationen unter: www.hatjecantz.de