Jazz und Lyrik

Bergische Biennale für Neue Musik: Das Peter Ortmann Quartett trifft Heiner Waniek

von Frank Becker

Heiner Waniek - Foto © Frank Becker
Jazz und Lyrik in schönster Form
 
Bergische Biennale für Neue Musik:
Das Peter Ortmann Quartett trifft Heiner Waniek
 

Remscheid. Das hätte auch Ernst Jandl (1925-2000) gefallen: Peter Ortmanns nahtloses dreiteiliges Jazz-Intro zu Heiner Wanieks Vortrag von Jandls „wo bleibb da“, „die wanderung“ und „die tassen“. Das in den 60er und 70er Jahren zur Blüte gelangte Genre Jazz & Lyrik feierte am Dienstagabend mit Charlotte Ortmann (ts, ss, fl), Dominic Brosowski (dr), Caspar van Meel (b) und Peter Ortmann (p) im Remscheider kunstraum basilica und im Verein mit Heiner Waniek fröhliche Urständ. Mit Musik von J.S. Bach bis Hanns Eisler, von Robert Schumann über Thelonious Monk bis Charlotte Ortmann spannte sich der Bogen zu Texten von Jandl, Kurt Schwitters, Eugen Gomringer, Carl Michael Bellman und Friedrich G. Klopstock. Die 8. Bergische Biennale für Neue Musik und die von Peter Ortmann entwickelte Perfomance „Tri-A-tonus“ machten es möglich.
 
Man hört sie nicht oft, Kurt Schwitters´ „Ursonate“ – wenn aber, soll sie so klingen wie aus Wanieks energischem, die Metrik des Dada-Poeten nachempfindenden Bariton. Daß diese Texte bei Heiner Waniek in bewährten Händen, besser: Stimmbändern liegen, machte den Abend mit dem virtuosen Jazz des Quartetts zu einem einzigen Quell der Freude. Ist Waniek doch als geradezu akrobatischer Spezialist für konkrete Poesie, experimentelle Lyrik und Werke des Dada weit über die Region bekannt. Auch eine Tänzerin (Hilke Kluth) war dabei, die rotmähnig im Hintergrund auf wackelndem Podest turnend und schließlich in eine Mülltonne (sic!) steigend zur irritierenden Marginalie wurde.
 
Daß sich Charlotte Ortmann und Dominic Brosowski seit ihren Jazz-Löwen-Tagen zu respektablem

Caspar van Meel - Foto © Frank Becker
Format entwickelt haben, war unüberhörbar. Charlotte glänzte an Tenor- und Sopransaxophon ebenso wie an Querflöten von Piccolo bis Alt. Das Quartett unter Charlottes Vater Peter Ortmann, mit Caspar van Meel am Kontrabass, der jüngst in der Show „Bonjour Kathrin“ mit Claudia Schill und Helmut Sanftenschneider Furore machte, zeigte sich in bester Form und Spiellaune.
In Monks „Reflections“ hauchte Charlotte sinnlich die Querflöte, ließ Brosowski  zärtlich die Besen kreisen, zeigte sich van Meel „sophisticated“ am Kontrabaß und spielte Peter Ortmann das E-Piano sanft swingend. Charlottes „Drahtseilakt“ und „Flowers in the Wind“ oder Eislers Filmmusik zu „Kuhle Wampe“ wurden zu Jazz-Delikatessen.
J.S. Bachs „Ruhet wohl ihr heiligen Gebeine“ folgte der Tradition Ingfried Hoffmanns, Ward Swingles und Jacques Loussiers, die erkannt hatten, daß in Bach die Wurzel des Jazz liegt. Und mit ihm Carl Michael Bellmans „Trinklied“ (Das "Notabene" aus Fredmans Episteln in der deutschen Fassung von Klabund) zu kombinieren ist ein Geniestreich.
 
Holt mir Wein in vollen Krügen!
(Notabene: Wein vom Sundgau)
Und ein Weib soll bei mir liegen!

Charlotte Ortmann - Foto © Frank Becker

(Notabene: eine Jungfrau)
Ewig hängt sie mir am Munde.
(Notabene: eine Stunde...)
 
Ach, das Leben lebt sich lyrisch
(Notabene: wenn man jung ist),
Und es duftet so verführisch
(Notabene: wenn's kein Dung ist),
Ach, wie leicht wird hier erreicht doch
(Notabene: ein Vielleicht noch...)
 
Laß die Erde heiß sich drehen!
(Notabene: bis sie kalt ist)
Deine Liebste, sollst du sehen
(Notabene: wenn sie alt ist...)
Lache, saufe, hure, trabe –
(Notabene: bis zum Grabe).
 
Daß Charlotte Ortmann im Verlauf des Konzerts zum musikalisch fesselnden Angelpunkt wurde, sei am Rande erwähnt.
Wanieks Paradenummer „etüde in f“ (Jandl) machte mit Charlottes Komposition „Flowers in the Wind“ den pointierten Schluß. Herrlich, witzig, musikalisch. Möchte man gleich noch mal hören.


Peter Ortmann Quartett, v.l.: P. Ortmann, C. van Meel, Charlotte Ortmann, Dominic Brosowski - Foto © Frank Becker
 
Die Bergische Biennale für Neue Musik wird bis zum 5. Juni fortgesetzt. Das weitere Programm finden sie unter: www.bergische-biennale.de