Meuterei gegen die Bounty

In Bochum erleidet die B├╝hnenfassung des Filmklassikers Schiffbruch

von Andreas Rehnolt
Die Brotfrucht
ist ein Philodendron
 


Schauspielhaus Bochum gerät bei Uraufführung der
"Meuterei auf der Bounty" schwer ins Wanken
- und erleidet Schiffbruch
 
Bochum - Zugleich mit der weltweit bekannten Messe "Boot 2010" in Düsseldorf hatte gestern, am 23. Januar im Schauspielhaus Bochum das Stück "Meuterei auf der Bounty" Premiere. Bei der Uraufführung in der eigenen Fassung des Theaters unter der Regie von Henner Kallmeyer konnten die Zuschauer vor allem eins bewundern: Die grandiose Bühnentechnik. Da hoben und senkten sich die Planken des angedeuteten Schiffs je nach Wetterlage mal sacht, mal heftig, sodaß in den vorderen Reihen durchaus so etwas wie Seekrankheit spürbar wurde. Dafür sorgte dann auch noch die im Bühnen-Hintergrund per Film eingespielte rollende See samt Vollmond. Indes, ohne sichtbares Steuerruder und ohne Beiboot mußte die gut 90-minütige Inszenierung Schiffbruch erleiden.
 
Nur eine Handbreit Wasser unterm Kiel

Die mehrfach mit großem Erfolg verfilmte wahre Geschichte einer Schiffsreise zur Beschaffung von Setzlingen des Brotfruchtbaums im Jahr 1787 von England über Tahiti zu den westindischen Inseln in 90 Minuten Bühne verpacken zu wollen, ist eine Nummer zu groß fürs Theater. Mit drei Matrosen in Anzughosen, einem Schiffskoch, einem Gärtner und den beiden Protagonisten Fletcher Christian (Andreas Bittl) als 1. Offizier und William Bligh (Martin Bretschneider) als herrschsüchtigem Kapitän war denn auch die Besatzung eigentlich zu sehr ausgedünnt, um die "Bounty" über die schwankenden Bretter der Bochumer Bühne schippern zu lassen.
 
Da half dann auch nicht, daß es lediglich die berühmte Handbreit Wasser unterm Kiel der "Bounty" gab. Beim Versuch, Cap Hoorn zu umschiffen, mußte der Mann in den Wanten den hörbaren Sturm mit dem Schütteln der Seile sichtbar machen. Keine Windmaschine im Einsatz, und die Wassermassen, die einstens bei "Peer Gynt" im Bochumer Theater zum Einsatz kamen, blieben diesmal in der Requisite. Die Karibik unterm Kiel der "Bounty" still wie der nahe Baldeney-See zur Hoch-Zeit der Wochenend-Segler. Nur die schicksalsschwangeren Beschreibungen vom Schiffskoch (Jost Grix) ließen erahnen, in was für ein Wetter das Bühnenschiff geraten ist.
 
Vergewaltigung? Jawoll, Herr Kapitän!

Was in den Filmen 1935 mit Clark Gable und Charles Laughton, 1962 mit Marlon Brando und Trevor Howard und zuletzt 1984 mit Mel Gibson und Anthony Hopkins stets zu packendem Kino-Abenteuer geriet, blieb in der Bühnenfassung blaß. Wie will man auch die langsam aber stetig anwachsende Wut über den nach Disziplin und sadistischen Bestrafungen geifernden Kapitän bei Mannschaft und 1. Offizier nachvollziehbar darstellen, wenn nur drei Fälle (Auspeitschen, Wasser-Rationierung und Wantenklettern) gespielt werden. Kurz bevor die Situation an Bord des Bühnenschiffs erstmals zu eskalieren droht, erreicht die "Bounty" dann Tahiti.
 
Von der Insel bekommen die Theaterbesucher allerdings nichts zu sehen. Nur ein schwarzhaariges einsames Mädchen macht Bauchtanz vor den Matrosen, die nach zehn Monaten und gut 27.000 Meilen auf See nur allzu gern zupacken. In der zentimeterhohen Brandung der Karibik führen die drei Matrosen Balztänze auf, um dann die Insel-Schöne brutalst mehrfach zu vergewaltigen. Kurz danach singt die Mannschaft von "der Liebe der Matrosen", und immer wieder "Jawoll, Herr Kapitän." Ein einsamer Setzling des Brotfruchtbaums, der sich in Bochum allerdings für botanisch interessierte Theaterfans leicht als simpler Philodendron erkennbar ist, wird an Bord geholt. Der nicht vorhandene Anker wird gelichtet und die Rückreise beginnt.
 
Stapellauf = Schiffbruch

Als dann jedoch die Trinkwasservorräte der Mannschaft zur Pflege der Pflanzen zweckentfremdet werden, bricht der Aufstand an Bord aus. Dann geht alles rasend schnell, das unsichtbare Beiboot wird samt ungeliebtem Kapitän ausgesetzt, Zweifelhafte Matrosen werden zu ebenso zweifelhaften Offizieren gemacht, und die Meuterer treten die Rückfahrt nach Tahiti an. Dann sind die 90 Minuten vorbei und das Ende der wahren Geschichte, die für alle an der Meuterei Beteiligten schließlich tödlich ausging, wird in Bochum gar nicht mehr gespielt. Das Ende findet im Kopf der Zuschauer statt, die am Premierenabend lautstark applaudierten. Warum nun allerdings die "Meuterei auf der Bounty" im Bochumer Schauspiel vom Stapel lief, wollte sich dem Rezensenten und vielen Zuschauern nicht wirklich erschließen. Vermutlich lag es doch an der räumlichen und thematischen Nähe zur Internationalen Boots-Messe in der Landeshauptstadt Düsseldorf.
 
Nächste Vorstellungen: 25.01. (19.30 Uhr), 05.02. (19.30 Uhr), 12.02. (20.00 Uhr), 19.02. (20.00 Uhr)
Weitere Informationen unter: www.schauspielhausbochum.de

Redaktion: Frank Becker