Wem Gott will rechte Gunst erweisen...

Joseph von Eichendorff / Hans Traxler – „Aus dem Leben eines Taugenichts“ in einer bildschönen Neuausgabe

von Frank Becker

Titelzeichnung: Hans Traxler
Wem Gott will rechte Gunst erweisen
 
Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt;
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.

Die Trägen, die zu Hause liegen,
Erquicket nicht das Morgenrot,
Sie wissen nur von Kinderwiegen,
Von Sorgen, Last und Not um Brot.

Die Bächlein von den Bergen springen,
Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,
Was sollt ich nicht mit ihnen singen
Aus voller Kehl und frischer Brust.

Den lieben Gott lass ich nur walten;
Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
Und Erd und Himmel will erhalten,
Hat auch mein Sach aufs best bestellt!
 
Er ist Inbegriff romantischer Träumerei, ungezügelten jugendlichen Übermuts und der unbeschwerten abenteuerlichern Wanderlust, die einen jungen Burschen heil durch die Welt und viele Abenteuer bringt. Eichendorffs „Taugenichts“, sicher eine der meistgelesenen Novellen der deutschen Literatur seit 1826, ist jetzt, rechtzeitig zum Frühling, beim Reclam Verlag in einer besonders attraktiven Ausgabe neu aufgelegt worden.

Hans Traxler (*1929), einer der ganz großen deutschen Illustratoren und Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule (u.a. „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“, „Die Reise nach Jerusalem, „Der große Gorbi“, „pardon“ und „Titanic“), hat sich liebevoll des Taugenichts angenommen und neben den stimmungsvollen ganzseitigen Farbillustrationen zum Text auch die Vorsatzpapiere (sie stellen die dramatis personae vor) und den wunderhübschen Leineneinband gestaltet. Seit Erica von Kager (1925) hat das niemand so liebevoll geschafft.

Dieser „Taugenichts“ ist ein hervorragendes Exempel hoher traditioneller Buchkunst, ein haptisches und optisches Vergnügen, mal ganz abgesehen von dem wundervollem Humor, der die Novelle durchwebt, welche das Herz berührt und erfreut, während ihre Sprache seit der Erstveröffentlichung nicht übertroffen werden konnte. Das und die Volkstümlichkeit der eingeflochtenen Gedichte, die in berühmten Vertonungen zu Volksliedern wurden („Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ lernten wir im Frühling in der Volksschule mit Blick auf den blühenden Flieder im Garten des Schulmeisters, „Wir bringen dir den Jungfernkranz“, „Schweigt der Menschen laute Lust“ und „Wohin ich geh und schaue“ sind Klassiker deutscher Lyrik und deutschen Liedes geworden), macht aus dem „Taugenichts“ ein Buch, das nicht nur dadurch unsterblich geworden ist.

Wer Glück hat, findet als guten Freund und Reisebegleiter für unterwegs (zu Hause hat man ja jetzt die schöne Traxler-Ausgabe) vielleicht im Antiquariat noch die um 1900 erschienene Reclam-Oktav-Ausgabe in Ganzleder mit Goldschnitt für die Jackentasche.

Wenn ich ein Vöglein wär,
Ich wüßt wohl, wovon ich sänge,
Und auch zwei Flügel hätt,
Ich wüßt wohl, wohin ich mich schwänge!
 
Joseph von Eichendorff – „Aus dem Leben eines Taugenichts“
Novelle
© 2007 Philipp Reclam jun., Stuttgart, 147 Seiten, ill. Ganzleinen mit 18 ganzseitigen und einer doppelseitigen farbigen Illustration von Hans Traxler
16,90 €

Weitere Informationen unter:  www.reclam.de
 
Umschlagzeichnung © Hans Traxler