Villon - Das große Testament (18)

...hier bittet er um ewige Ruh und bestimmt seine Testamentsvollstrecker

von Ernst Stankovski
François Villon
Das Große Testament

Übertragen von Ernst Stankovski



Rondeau

Herr schenk' ihm DU die ewige Ruh!
Sein Leben lang war er gehetzt.
Kahl wie ein Rettich ist er jetzt ­-
ein bös gerupfter Kakadu.
Es kläfft die Meute immerzu,
wohin er seinen Fuß auch setzt.
Herr, schenk' ihm DU die ewige Ruh!
 
Er lief sich Löcher in die Schuh',
eiskalt der Kälte ausgesetzt.
Er appellierte bis zuletzt,
doch alle Türen fielen zu.
Herr, schenk' ihm DU die ewige Ruh!
 
 
 
...Villon bestimmt seine Testamentsvollstrecker

166  Die ew'ge Ruh beginnt auf Erden, / wie jeder weiß, mit viel Krawall.
Drum wünsch ich, daß geläutet werden / die Münsterglocken überall.
Verkündet meistens sonst ihr Schall / dem Volk von Schrecken, Kriegen, Feuern –
­zur Freude tönen sie diesmal: / Villon ist tot - ein Grund zum Feiern.
 
167  Für jeden Glöckner sechs Laib Brot! / (Sie soll'n sich nicht bei mir beklagen.)
Doch sei es von besondrem Schrot. / Mit solchen Broten, hart im Magen,
hat man St. Stephanus erschlagen. / Vollant, ein Mann wie Stein so hart,
er wird die feste Kost vertragen. / Der Zweite sei Jean de la Garde.
 
168  Doch wie aus Mehl nicht nur der Bäcker, / nein, auch der Ofen bäckt den Wecken,
braucht jedes Testament Vollstrecker, / die es voll Würde auch vollstrecken.
Ehrbare Herrn nur, keine Gecken / sucht man für dieses Amt sich aus.
Nicht brauchen meine sich verstecken. / Sechs sind's, aus allerbestem Haus.
 
169  Der erste der Vollstrecker sei / hier vom Pariser Criminal
der Chef, Herr Martin Bellefay - / ­ich traf ihn viel zu viele Mal.
Der zweite, Monsieur Columbal / der Herr der Obersten Instanzen,
komm' mit dem Richter Jouvenal, / nach meinem Spruche hier zu tanzen.
 
170 Doch sollten sie sich etwa zieren, / der weite Weg sie vielleicht stör'n,
die hohe Ehre gar genieren, / weiß ich drei andre edle Herrn:
Jaques James, dem alle Puffs gehör'n, / Philipp Brunel, der sonst nichts kann
als in Prozessen falsch zu schwör'n, / und Jaques Rugier - von nebenan.
 
171  Sie werden's trefflich überwachen / trotz ihrer ärmlichen Gewänder
und mindestens so ehrsam machen / wie die drei großen Sechzehnender.
Zuletzt als Testamentstreuhänder / ein Pfäfflein, jung und wangenrot.
Auch ihm werd' was, dem Segenspender, / sein Name ist Thomas Tricot.
 
172  Ich kenn' da noch ein Gnadenbild, / vor das ich immer gerne trete.
Es ist ein altes Kneipenschild, / drauf steht ZUM LOCHE DER PERNETTE
(Pernette war stets nett im Bette). / Kaplan Tricot, so keusch und fein,
sprech' ich das Loch zu der Pernette - / ­und wenn er Glück hat, fällt er rein.
 
173  Die Kerzen, Sarg und Totenwagen / besorge Herr Guillaume de Ru.
(Man darf mich auch im Bahrtuch tragen / ohne Gepränge und Getu'.)
Ich kann nicht mehr - ich will zur Ruh', / ich glaub', es ist bald ausgelitten.
Hört mir noch einmal alle zu, / ich will euch um Vergebung bitten.

 

Wer den Original-Ton hören möchte, kann das mit der CD zum Programm: www.kip-media.de
Informationen über Werk und Wirken Ernst Stankovskis unter: www.ernst-stankovski.com und www.musenblaetter.de

Lesen Sie am kommenden Mittwoch weiter:
"Das Große Testament" des François Villon.
Redaktion: Frank Becker