Villon - Das Große Testament (16)

...mit guten Lehren und wenig Hoffnung

von Ernst Stankovski

François Villon
Das Große Testament

Übertragen von Ernst Stankovski



Ballade
mit guten Lehren für alle, die einen
schlechten Lebenswandel führen.
 
Ablaßkrämer, Hehler, Diebe,
Spitzbuben, dem Knast entsprungen.
Wucherer der Gossenliebe,
von der eig'nen Gier verschlungen.
Mit heraushängenden Zungen
gleicht ihr irren Hasentreibern.
Was ihr mit viel List errungen,
landet bald bei Wein und Weibern.
 
Musikanten, Possenreißer
wie die Alten so die Jungen.
Würfelspieler, Recht - Bescheißer,
stets nur aus auf Plünderungen.
Kaum ist euch ein Coup gelungen
geht's euch so wie allen Räubern:
was mit Frechheit ward errungen,
landet bald bei Wein und Weibern.
 
Auch die Bauern, die sich rackern,
schweiß gebückt die Felder dungen,
mühevoll die Erde ackern,
sind ins gleiche Spiel gezwungen.
Was in harter Fron errungen
von den müd' geschaffnen Leibern,
ist dem Beutel bald entsprungen - ­
landet auch bei Wein und Weibern.
 
Envoi
Mäntel, Wämser, schmuckumschlungen,
reißt den Tand von euren Leibern!
Und, eh' Schlimm'res euch gesungen,
tragt ihn gleich zu Wein und Weibern.


...und gibt den Armen und den Toten ihren Teil


146  Zu euch sprech' ich, ihr Saufkumpane, / die ihr die Lust erkauft mit Pein.
Heut' schreibt ihr Glück auf eure Fahne, / geblendet von dem schönen Schein,
doch bald brennt sich das Leid euch ein, / färbt schwarz, was heut' so wangenrot.
Am Ende steht Gevatter Hein, / den letzten Krug kredenzt der Tod.
 
147  Dem Blindenheim von Quinze-Vings, / das jedesmal für wenig Geld
am Friedhof singt die Litanei, / wenn einer scheidet aus der Welt,
sei meine Brille zugestellt. / Damit sie besser seh'n, die Blinden,
ob der, für den man sie bestellt, / hier liegt, mit oder ohne Sünden.
 
148  Zu End ist für ihn Scherz und Spiel / und all das Glück, das er genossen.
Ob er in weiche Kissen fiel, / mit Wein den Wanst sich vollgegossen,
ob er getollt bei Tanz und Possen / oder um Frauengunst gebuhlt,
das große Hauptbuch ist geschlossen / und unter'm Strich verbleibt die Schuld.
 
149  Im sechseckigen kalten Karner / kannst du die Schädelhaufen finden,
wo, zahnlos grinsend, grause Warner/ von der Vergänglichkeit dir künden.
Vergessen sind sogar die Sünden / schon, von dem bleichenden Gebein hier.
Ob sie in Schlössern saßen oder Pfründen, / die größten Zwerge werden klein hier.
 
150  Die Köpfe, die sich bittend neigten / vor andern, heute hohl wie sie,
die einst sich stolz erhoben zeigten / in Herrschsucht oder Bonhomie.
Hier liegen sie sich vis-a-vis / und was der Kopf einmal gewesen,
ob Dummkopf, Starrkopf, gar Genie, / kannst du am Schädel nicht mehr lesen.
 
151  Der Geist ist tot, der Leib zerfallen, / die Knochen längst vom Fleisch entblößt,
und ob sie Herren, ob Vasallen, / sie sind vermodert und verwest.
Sie feierten ihr letztes Fest, / nach dem kein Aufwachen mehr ist,
und ihre Seelen sind erlöst, / wenn Du so willst, Herr Jesu Christ.
 
152  Ich widme dies Legat den Toten, / die aus der andren Welt uns grüßen,
uns stumm, als so beredte Boten / das Ziel des Lebens lassen wissen:
Daß alle wir bald sterben müssen, / daß Rechenschaft erfolgen muß,
wir alle Sünden bitter büßen / vor Gott - und Sankt Dominikus.
 
153  Dem reichen Herrn Jaquet Cardon / kann ich nichts schenken, was von Wert
für ihn, er hat ja alles schon. / Doch weil er gerne Lieder hört,
die lustig sind und unbeschwert / wie: »Mach dein Tor au'f, Guillemette!«
so sei ihm dies Chanson verehrt, / er sing's zum Einschlafen im Bette.


Wer den Original-Ton hören möchte, kann das mit der CD zum Programm: www.kip-media.de
Informationen über Werk und Wirken Ernst Stankovskis unter: www.ernst-stankovski.com und www.musenblaetter.de

Lesen Sie am kommenden Mittwoch weiter:
"Das Große Testament" des François Villon.
Redaktion: Frank Becker