Villon - Das große Testament (13)

Worin er es den Weibern, vor allem denen von Paris gehörig eintränkt

von Ernst Stankovski
François Villon
Das Große Testament

Übertragen von Ernst Stankovski


Ballade
von den Frauen von Paris
 
Alle Frauen sind geschwätzig,
ob sie stricken, sticken, spinnen,
sie verlier'n von früh bis spät sich
an den Tratsch, den sie ersinnen.
Bettlerinnen, Königinnen
tratschen das und tratschen dies,
doch des Tratsches Meisterinnen
sind die Frauen von Paris.
 
Lose Reden über jeden
lieben Florentinerinnen,
und es lästern über Schwestern
sogar Ursulinerinnen. .
Damen oder Dienerinnen
lästern das und lästern dies.
Schlimmer als Turinerinnen
sind die Frauen von Paris.
 
Stets den Mund voll großer Worte
nehmen die Berlinerinnen
und eine noch schlimm're Sorte
sagt man, sind die Wienerinnen.
Giftig wie Bedienerinnen
bös, verlogen und picksüß.
Doch die giftigsten der Spinnen
sind die Frauen von Paris.
 
Envoi
Prince, kommt mit mir an die Seine
in das Lästerparadies.
Biß' ger beißt keine Hyäne
als die Frauen von Paris.

...und setzt noch eins drauf

135  Wenn sie zu zweit und dritt so sitzen / und bös ihre Histörchen tauschen,
mit lustgespalt'nen Zungenspitzen / sich keck an Klatsch und Tratsch berauschen,
schleich' dich hinzu, sie zu belauschen. / Denn selbst Macrobius´ Schauderdramen vermochten nichts so aufzubauschen / wie die Gespräche uns'rer Damen.
 
136  Den armen Nonnen vom Montmartre, / durch ihre Not allzeit in Zwisten,
weil sie ihr Leben dort trotz harter / Klosterfron auch mit Diensten fristen,
dieselbst man unter guten Christen / grad Nonnen niemals dürfte schaffen,
vermach' ich, Gott zu überlisten: / Ein and'res Kloster - voller Pfaffen.
 
137  Den Kammerzofen und Lakaien, / die buckelnd sich ihr Brot verdienen,
schenk' ich die besten Leckereien / aus ihrer Herrschaft Magazinen
(womit sie sich stets selbst bedienen, / wenn ihre Herrschaft nicht drauf paßt).
Trotzdem, all das vermach' ich ihnen / und nachher noch: Daß man sie faßt.
 
138  Den lieben, braven, biedern Mädchen, / die tanzen nach der Eltern Ruten,
vermach' ich nicht ein faules Fädchen. / Dann lieber alles armen Nutten,
die sich nach fremden Ruten sputen, / parieren müssen Herrenworten,
brutalen, geilen oder guten / und frommen an den Klosterpforten.
 
139  Bei Cölestinern und Kartäusern, / die, eingepfercht zu Gottes Ehren
in engen aber warmen Häusern, / ihr Fleisch kasteiend, das verzehren,
was diese Sünd'rinnen entbehren. / Jaqueline, Perette, und die andern,
die kaum des Hungers sich erwehren ­/ und für ihr Brot zur Hölle wandern.
 
140  Noch eine sei vergessen nicht: / Von Margot sprech' ich, meiner Fetten
mit ihrem süßen Lustgesicht, / die heimisch war in allen Betten
(bei Gott, auch fromm in allen Metten!). / Triffst du sie wo, krumm oder grade,
sie ist wohl auch nicht mehr zu retten, / dann bring' von mir ihr die Ballade.
 
(Diese deftige Ballade von Villon und der dicken Margot in der nächsten Woche – hier!)


Wer den Original-Ton hören möchte, kann das mit der CD zum Programm: www.kip-media.de
Informationen über Werk und Wirken Ernst Stankovskis unter: www.ernst-stankovski.com und www.musenblaetter.de

Lesen Sie am kommenden Mittwoch weiter:
"Das Große Testament" des François Villon.
Redaktion: Frank Becker