Entfernungen

"Wer hat Angst vor Virginia Woolf" in Remscheid/Wuppertal

von Frank Becker
Lebenslügen

Edward Albees
"Wer hat Angst vor Virginia Woolf"
in einer überzogenen Wuppertaler Inszenierung


Inszenierung: Kirsten Uttendorf - Ausstattung: Heiko Mönnich - Licht: Michael Friebele - Dramaturgie: Alexandra Jacob - Fotos: Michael Hörnschemeyer
Besetzung: An Kuohn (Martha) - Andreas Möckel (George) - Olga Nasfeter (Honey) - Henning Strübbe (Nick)

Demaskierung

Remscheid/Wuppertal - Die von Heiko Mönnich postmoden-kubistisch gestaltete Bühne zeigt mit ihren dunkel gehaltenen rechteckigen und würfelförmigen Elementen von Anfang an große Distanzen und läßt Kälte spüren -

Strübbe, Möckel, Kuohn, Nasfeter - Foto © Michael Hörnschemeyer
daran kann auch der flackernde Gaskamin nichts ändern. Selbst das Licht bekommt scharfe Kanten. "Was für ein tristes Loch..." zitiert Martha in der ersten Szene Bette Davis (oder war es doch Prinzessin Li in "Fü-Fü"?: "
Was für ein finsteres Loch! Wer hierher kommt, dem leuchtet keine Sonne mehr."). In der Tat. Da fühlt sich auch der Zuschauer fremd, befremdet. Soll wohl so sein. Kirsten Uttendorf setzt in ihrer Wuppertaler Inszenierung von Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?", die gestern dank der Zusammenarbeit beider Häuser im Remscheider Teo Otto Theater ihre Premiere feiern konnte, auf Düsternis, Endzeit Lebenslügen, gibt Edward Albees geschliffenem Sarkasmus mit der Textfassung von Alissa und Martin Walser und vielen heruntergelassenen Hosen einen vulgären Tritt. Denn Walsers Sprache ist gemein, Uttendorfs Auffassung zu kompromißlos demaskierend.

Weniger Ein- als Ausfälle

Zwei Paare prallen aufeinander: George (Andreas Möckel) und Martha (An Kuohn), beide vom Leben enttäuscht und offenbar durch harte Drinks und gegenseitige Haßliebe noch eben so überlebensfähig

Möckel, Strübbe, Nasfeter - Foto © Michael Hörnschemeyer
- und Nick (Henning Strübbe) und Honey (Olga Nasfeter), bereits am Anfang ihrer Ehe einem fatalen Irrtum unterlegen und auf dem besten Wege, so zynisch wie George und Martha zu werden. Was George an Zielen als Hochschulprofessor nie erreicht hat, was Martha als Frau versagt blieb, wirft seine düsteren Schatten auf den ehrgeizigen College-Kollegen Nick und seine als unbedarftes Dummchen gezeichnete Frau Honey. Wo Albee Charaktere, Typen gezeichnet hat, läßt Uttendorf
Karikaturen aufmarschieren, deutlich überzeichnete Klischees. Einzig Andreas Möckel kann sich in dem emotionsreichen Stück, bei dessen Wuppertaler Inszenierung diese Emotionen maßlos überzogen werden, gegen das auf brüllende Effekte, ordinäre Ausfälle und überdrehten Aktionismus setzende Regie-Konzept behaupten. Gezeichnet von den Mißerfolgen in Beruf und Leben, krank am Hohn und an der fehlenden Liebe Marthas, voller Frustration und Aggression in eine Lebenslüge verstrickt, kann sich George dank seines Scharfsinns einen winzigen Raum zu Atmen verschaffen, während Martha, skrupellos, verwöhnt, hysterisch und herrisch, ein Weib, das das Maul nicht halten kann, im eigenen Elend erstickt. Möckel gibt seinen Part überragend, souverän, perfekt im Timing, eloquent in der Sprache. Da ist nichts zu viel. An Kuohns Martha hingegen ist, wenn auch stark im Ausdruck, durchweg heftig überzeichnet. Der ständige Dampfdruck, unter dem ihr Kessel zu stehen scheint, wirkt auf die Dauer unglaubhaft, ihre Hysterie ist Klischee.

Alles auf Möckels Schultern

Noch schlechter kommt das "junge" Paar weg. Da ist Henning Strübbe, als unablässig grinsender, großmäuliger Stenz daher, der schulterklopfend unerwünschte Vertraulichkeit probiert, eigentlich ein Würstchen, das sich aber in der Pflicht sieht, aufzuschließen. Anfängliche Ansätze von gebotener

Möckel, Nasfeter, Kuohn, Strübbe - Foto © Michael Hörnschemeyer
Zurückhaltung weichen rasch lärmender Anbiederung. Uttendorf scheint Gefallen an seinem plakativ in Unterhosen präsentiertem Geschlecht gefunden zu haben - das wirkt weder originell noch provozierend, allenfalls peinlich (für Strübbe). Gänzlich falsch wurde Honey angelegt, laut Text schmalhüftig und unscheinbar ("...ne kleine Maus ohne Hüfte"). Hier aber wird eine Honey beinahe als derber Bauerntrampel und pures Dummchen vorgeführt. Olga Nasfeter hätte da sicher mehr vermocht, vermutlich hat man sie nicht gelassen. Also trampelt sie durch die ungemütliche Szenerie, rennt ums Karree und verbreitet in jeder Äußerung fühlbar Unglaubhaftigkeit. Eine der wenigen wirklich guten Szenen Strübbes ist der verbale Duell mit Möckel - das aber liegt sicher an Möckels ansteckender Kraft. Wobei wir noch einmal bei Andreas Möckel sind, auf dessen Schultern allein das Gelingen des dreistündigen Haß- und Sauf-Marathons liegt. Er stemmt das, ohne ihn würde die Inszenierung zur überlangen Bedeutungs- und Belanglosigkeit verkommen.

Bis zu Hals in Beton

"Alles an seinem Ort, alles zu seiner Zeit" - ein Zitat Georges, das Kirsten Uttendorf nicht beherzigt hat. Zu langatmig ihre Inszenierung, zu weitläufig der Raum, wenn er auch die inneren Entfernungen verdeutlichen soll - das ginge auch auf kleinerem Raum mit entsprechend differenzierter Schauspielkunst. Fürchterlich die Kostüme (mal abgesehen von George) - vermutlich hat Heiko Mönnich auch das Kleid der Regisseurin entworfen, man hat selten so schlechte Garderobe gesehen. Zu laut, zu hektisch, zu viel Brandy (so viel kann doch kein Mensch saufen, ohne ins Lallen zu verfallen) zu viele Eiswürfel - auch hier ersetzt ein Symbol die seelische Kälte. Eine Initiation mißlingt - bei Albee geplant, bei dieser Aufführung nicht gelungen. "Ich stelle mir vor, wie Du bis zum Hals in Beton steckst", sagt George zu Martha, als er ihre Ausbrüche nicht mehr erträgt. Wieso sehe ich dieses Bild mit jemand ganz anderem....

Weitere Informationen, auch über Termine unter: www.wuppertaler-buehnen.de
Und wer den Anlaß zum Titel noch mal sehen möchte: www.youtube.com/