Indian Summer

"Trau keinem ├╝ber 60" im Essener Theater im Rathaus

von Frank Becker
 
Die dritte Jahreszeit


Tournee-Theater Thespiskarren zu Gast in Essen


Claus Biederstaedt inszeniert  "Trau keinem über 60"
Eine nachdenkliche Komödie von Gunther Beth und Barbara Capell

Inszenierung: Claus Biederstaedt/Gunther Beth - Bühne: Hannelore Hirthe-Kuschnitzky - Kostüme: Kara Schutte - Maske: Nadya Timons - Fotos: Dietrich Dettmann
Besetzung: Ilja Richter (Robert Schweizer) - Karin Dor (Andrea) - Gunther Beth (Tom Schweizer, Roberts Sohn) - Gabriele Nickolmann (Emily Aumeister) - Udo Thies (Oliver, Andreas Sohn)

Eine Wiederaufnahmen am Theater im Rathaus Essen, gestern, 4. April 2009

Vater mit Fernbedienung

Können Sie sich einen Buchhändler vorstellen, der sich mit 59 (!) zur Ruhe gesetzt und alle seine

Ilja Richter - Karin Dor
Bücher abgeschafft hat, stattdessen in einer fremden Stadt ohne erkennbares Motiv und ohne irgendwelche Verbindung einen Single-Haushalt mit allerlei technischem Schnickschnack betreibt, aber an seiner Firma, auf deren Familientradition er pocht, noch 51 % der Anteile hält? Ich kann das nicht, doch Autor Gunther Beth kann. Robert Schweizer - Ilja Richter(57), er ist wie auch schon zuvor Peter Fröhlich (70) kollegial für den erkrankten Claus Biederstaedt (80) eingesprungen - ist in der nachdenklichen Komödie von Gunther Beth und Barbara Capell dieser unglaubhafte Buchhändler. Seine überraschende Begegnung mit der charmanten Andrea (Karin Dor, 73) läßt den Herbst noch einmal in den herrlichsten Farben neuer Verliebtheit leuchten. Illustriert wird das hintersinnig durch Vivaldis "Jahreszeiten". Doch nun treten Söhne auf den Plan, denen die Verbindung aus subjektiven Erwägungen nicht behagt.


Generationenkonflikte

Roberts Sohn Tom (Gunther Beth, 67) hat vor, das erfolgreiche Familienunternehmen mit dem

Karin Dor - Ilja Richter
Buchhandelsriesen Aumeister zu fusionieren, Andreas Sohn Oliver (Udo Thies, 51), möchte als gescheiterter Pädagogik-Student nicht das Hotel Mama verlieren. Hinzu kommt noch die dynamische junge Buchhandelschefin Emily (Gabriele Nickolmann, 52), die Roberts Firma schlucken will. Warum ich jeweils das Alter der Darsteller nenne, ist schnell erklärt: Die Generationenkonflikte, die Gunther Beth in seinem Stück transportieren möchte, zeigen sich besonders bei der Besetzung auf der Bühne. Wenn der Sohn (Beth) realiter fast zehn Jahre älter ist als der Vater (Richter), wirkt das peinlich. Wenn die durchaus charmante Karin Dor, Ex-Bond-Girl, deutsche Film-Ikone der 60er und heute eine Dame von Format nach einer Liebesnacht in Roberts Bett bis zum Hals zugeknöpft im (passenden!) Pyjama erwacht und die Bühnenküsse nicht einmal angedeutet sind, nimmt die Peinlichkeit noch zu. Es gäbe für sie gewiß angemessenere Rollen. Daß die dynamische Emily (Buchhandels-"Jugend") ebenso wie der verkorkste Macho-Student mit Ödipus-Komplex auch schon jenseits der 50 ist, macht das schlechte Bild komplett. Besetzungsfehler.


Ansätze

Dabei sind die Ansätze des Stücks nicht einmal falsch. Das Leben mit einer Woche zu vergleichen

Ilja Richter - Udo Thies - Gabriele Nickolmann - Karin Dor
und den eigenen Standort am Freitagnachmittag zu definieren hat Witz und Weisheit. Daß das früher durch Verliebtheit entstandene Herzflattern heute vom Treppensteigen herrührt, können alle, die dieses Alter erreicht haben wissend belächeln. Und den Spruch "...jemand wie Sie, in Ihrem Alter..." haben alle über 60 schon verdauen müssen. Auch die Karikatur der jungen Dynamik und des egoistischen Scheiterns ("Hauptsache ich habe meine innere Mitte und meine Freiheit") ist gut skizziert - doch sind die Skizzen in dieser Komödie trotz etwas Tiefgang nicht zum Bild geworden. Die Bitternis der Konfliktsituationen wird am dichtesten durch den sympathischen Ilja Richter vermittelt, der jedoch seine Textunsicherheiten kaum verbergen konnte. Sein Widerpart Udo Thies gibt die nötige Galle in den Honig der späten Liebe. Es kommt - wir haben es ja schließlich mit einer Boulevard-Komödie zu tun - dann doch zum Happy End für zwei Paare. Freundlicher Applaus des Essener Publikums. Aber ein Buchhändler ohne Bücher? Nee!

Weitere Informationen und Termine unter:
www.theater-im-rathaus.de