Rittergut Varresbeck – wenn Häuser auswandern

Der Architekt Christoph Grafe über den Prozeß der Translozierung

von Uwe Blass

Christoph Grafe - Foto: UniService Transfer
Rittergut Varresbeck – wenn Häuser auswandern
 
Der Architekt Christoph Grafe über den Prozeß der Translozierung
 
Am 8. März 1960 bat die UNESCO um internationale Hilfe zur Rettung der Tempelanlagen in Abu Simbel. Im Zuge des Baus des Assuan-Staudamms drohten sie unterzugehen. Unter den zahlreichen Vorschlägen und Plänen zur Rettung der Bauwerke erhielt im Juni 1963 ein schwedisches Projekt den Zuschlag. Dazu wurde der Tempel komplett zerlegt und auf einer 64 Meter höher gelegenen Ebene wieder aufgebaut. Translozierung nennt man diesen Vorgang, der 1972 auch das sogenannte Rittergut Varresbeck in Wuppertal-Elberfeld ereilte. Christoph Grafe, Architekturprofessor an der Bergischen Universität, weiß mehr über das Versetzen von Gebäuden.
 
Nachhaltiges Nutzen von Bausubstanz
 
Der Begriff der Translozierung leitet sich vom lateinischen trans (hinüber) und locus (Ort) ab“, beginnt Grafe, „und es hat damit zu tun, daß ein Gebäude von einem Ort zu einem anderen gebracht wird. Das ist keine ganz neue Praxis. Gerade für Fachwerkbauten oder für auf Holzskeletten basierenden Bauten ist das etwas, was es seit vielen Jahrhunderten schon gibt.“ Ein Grund dafür war die Wiederverwendung von Konstruktionselementen. „Die Ständehäuser und Bauernhäuser vor allem im Norden

Abu Simbel, Verlegung der Sitzbilder
sind ja immer Skelettbauten gewesen, wo dann ein Dach draufgesetzt wurde. Wenn ein Haus an einer anderen Stelle wiedererrichtet werden mußte, hat man einfach diese Konstruktion noch einmal benutzt.“ Dabei spielten nicht unbedingt kulturelle Argumente eine Rolle, sondern eher die nachhaltige Verwendung gängigen Baumaterials. „Früher war das sowieso alles nachhaltiger als das, was wir heute machen“ betont er.
 
Translozierung in der Moderne
 
Das Translozieren von Gebäuden in der Moderne, also seit der Zeit der industriellen Revolution, habe dann noch andere Motive, wie z. B. Straßenerweiterungen oder die Zusammenlegung mehrerer historischer Bauten. „Manchmal ist es auch so, daß das Einzelobjekt gar keinen hohen Denkmalwert hat, daß man aber dann Erinnerungsinseln herstellt. So ist z. B. die Altstadt in Hannover entstanden“, erzählt der Fachmann. „Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurden im Zuge des Wiederaufbaus in den 1950er Jahren verbliebene oder andernorts in Hannover (und der Region) gerettete Fachwerkhäuser abgetragen und im Bereich um die Kreuzkirche und den Ballhof neu aufgebaut.“ Erst im letzten Jahr ging die spektakuläre Versetzung einer 600 Tonnen schweren Holzkirche in Kiruna (Schweden) durch die Medien, die aufgrund von Bodensenkungen durch den Bergbau transloziert werden mußte. Grafe kennt auch ein ganz transloziertes Dorf in Nordholland. „Das ist Zaanse Schans, das bekannteste Freiluftmuseum der Niederlande. Dieses Dorf besteht aus solchen klassischen nordholländischen Holzhäusern, die da alle zusammengeführt worden sind, weil sie an anderer Stelle im Weg standen.“ Zwischen 1961 und 1974 wurden viele alte Gebäude und Windmühlen aus der Umgegend zur Zaanse Schans transportiert, wieder aufgebaut und in ihren ursprünglichen Zustand versetzt. „Die klassischen Freiluftmuseen“, konstatiert Grafe, „auch hier in der Umgebung in Hagen, Lindlar oder Kommern, sind alle aus dieser Situation heraus entstanden, weil sonst die Gebäude abgerissen worden wären.“
 
Skelettkonstruktion wird durchnummeriert
 
Nun handelt es sich bei dem namentlich als Rittergut Varresbeck bekannten Gebäude aus Wuppertal um keine kleine Hütte, denn das imposante Bauwerk hatte ein aus schweren Eichenbalken bestehendes Fachwerk, das von einem Walmdach abgeschlossen wurde. Im Inneren des Hauses gab es die über zwei Geschosse reichende ´Herrschaftsdiele` mit den zwei offenen Kaminen. Das Haus verfügte insgesamt über 25 Räume. Und doch konnten Gebäude dieser Größe ohne Probleme umgesetzt werden. „Das hängt immer von der Konstruktion ab. Es war in dem Fall auch eine Skelettkonstruktion, d.h. wenn man die Ausfachungen rausgenommen hatte, blieb nur das Skelett übrig, und das war dann leicht zu translozieren, weil es im Grunde ein Baukasten ist.“ Im August 1972 wurde das alte Gebäude auseinandergenommen, durchnumeriert und verladen. „Wenn ein Gebäude an irgendeiner Stelle 400 Jahre gestanden hat, haben sich die Balken natürlich im Laufe der Zeit verformt. Da kann man dann nicht die Balken an anderer Stelle wieder einbauen, denn jedes einzelne Teil hat natürlich die Spuren der Zeit in sich. Man muß also genau den Balken wieder dahin setzen, wo er vorher gewesen ist“, erklärt der Architekt. Und so verließ ein Stück Geschichte die Stadt und sollte erst nach rund 30 Jahren wieder aufgebaut werden.
 
Translozierte Häuser verlieren ihre historische Identität
 
Eine Translozierung hat für den historischen Bau auch Nachteile, denn Fachleute sagen, er werde als historische Quelle entwertet. Dazu Grafe: „Es geht vor allem darum, daß Gebäude ihrer Umgebung beraubt werden, denn dann ist nicht mehr nachvollziehbar, wie das Gebäude irgendwann in seiner Umgebung gestanden hat oder warum es dort gebaut worden ist. Ein Teil der historisch wichtigen Information geht durch die Translozierung verloren. Auf der anderen Seite kann man aber auch sagen, daß über die Umsetzung neue Bezüge entstehen, die womöglich interessanter sind, als die, die es vorher gab.“
 

Haus Varresbeck Frontansicht - Foto: UniService Third Mission

Haus Varresbeck wird in Gut Hungenbach wieder aufgebaut
 
Haus Varresbeck wurde 1972, also acht Jahre vor Eintreten des Denkmalschutzgesetzes bereits abgebaut und, da sich in Wuppertal kein adäquater Ort fand, nach Gut Hungenbach ins beschauliche Kürten, in den Rheinisch-Bergischen Kreis gebracht, wo es als Altenheim genutzt werden sollte. Doch baurechtliche, planungsrechtliche und auch finanzielle Probleme sowie später hinzukommende Fragen des Denkmalschutzes verzögerten den Wiederaufbau um 30 Jahre. Als man dann endlich beginnen konnte, hatte mangelhafte Lagerung den Eichenbalken stark zugesetzt, so daß die Gebäudekonstruktion neu gefertigt werden mußte. Heute wird das Haus als Tagungsort oder für Feiern genutzt. Der einst unter der Erde befindliche Gewölbekeller liegt nun oberirdisch mit hellen Panoramafenstern und eignet sich mit ca. 100 qm für Veranstaltungen von bis zu 50 Gästen. Ebenso beeindruckend gestaltet ist der frühere Rittersaal, den man auch für Veranstaltungen buchen kann.
Gut Hungenbach besteht aus einem Gebäudeensemble von mehreren Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert sowie Fachwerkhäusern, die alle transloziert wurden, um sie zu erhalten.
 
Erhaltung vor Ort statt Translozierung ins Freilichtmuseum
 
Ein weiteres Fachwerkhaus in der Emilstraße, welches heute neben dem Teschemacher Hof als das älteste Fachwerkhaus in Wuppertal gilt, sollte eigentlich ins Freilichtmuseum Kommern transloziert werden. Das sogenannte Hofeshaus Lütterkus-Heidt konnte jedoch ins 21. Jahrhundert gerettet werden. Das um das Jahr 1600 erbaute Fachwerkhaus überstand im Gegensatz zu vielen anderen Gebäuden den Barmer Angriff 1943 und beherbergte in den 1950er Jahren aufgrund der Wohnungsnot 20 Mietparteien. In den 1970er Jahren stand es sogar vor dem Abriß und war nicht mehr bewohnbar. Ideen, das Haus ins Freilichtmuseum Kommern zu translozieren wurden nicht umgesetzt, denn die Erbengemeinschaft verkaufte das Gebäude 1978 und der darauffolgende Erwerber setzte schließlich eine neun Jahre andauernde, 1,2 Millionen DM teure, denkmalgerechte Restaurierung um. Es entstanden insgesamt fünf Wohneinheiten. Das Hofeshaus Lütterkus-Heidt gilt heute als das schönste Gebäude am Platz.
 

Haus Varresbeck auf Gut Hungenbach Foto: UniService Third Mission
„Die Praxis des Translozierens ist sehr interessant und wurde über viele Jahre auch kritisch beäugt“, sagt Grafe abschließend. „Man muß sagen, es sind ganz häufig Modernisierungen, die dazu führen, daß Häuser versetzt werden, also z. B. die Vergrößerung einer Straße. Heute reden wir wieder darüber, weil wir darüber nachdenken, Gebäude nachhaltig wiederzuverwenden, und da verändert sich auch die Beurteilung der Translozierung. Es ist eben eine ganz alte Praxis, die mit der sinnvollen Wiedernutzung von Materialien einhergeht, und auch mit dem zirkulären Bauen zu tun hat.“
 
Uwe Blass
 
Prof. Dr.-Ing. Christoph Grafe leitet seit 2013 den Lehrstuhl für Architekturgeschichte und -theorie an der Bergischen Universität.
 
Redaktion Musenblätter: Frank Becker