Das Verbrechen ruht nie
Capitano Rossi ermittelt im Tessin
Die schöne Promenade mit Zypressen, Palmen, Platanen, Blumen, und dem Blick über den See auf den Monte Bré kennt keine Gebirgsstürme. Der Lago kräuselt seine Oberfläche unter leichten, südlichen Winden. Meist herrscht an dem drittgrößten Finanzplatz aber ein Hauch von Welt, wenn Banker aus Mailand, London (und der Restschweiz) schwitzend mit Anstrengung im Gesicht vorbei joggen, im Sommer Touristen aus Arabien wie zu Hause äußerst bewegungsarm spazieren, um jede überflüssige Anstrengung zu vermeiden, Japaner alles fotografieren und die Chinesen die heimischen Wolkenkratzer vermissen. Der deutschsprachige Autor, der unter Pseudonym schreibt, ist im Tessin zu Hause und kennt sich dort aus: nicht nur mit der Lebensweise und den häßlich schönen Lebensgenußmitteln wie Brutti ma Buoni, sondern auch mit der Kriminalpolizei und der örtlichen Mafia. Chef der Luganer Kripo ist Capitano Rossi und sein Bruder Fabrizio, der bei der anstehenden Kommunalwahl Bürgermeister von Lugano werden will ist Capo der regionalen Mafia, Seine geschäftlichen Interessen reichen jedoch weit über Lugano hinaus bis Nigeria. Für beide Brüder ist ihre Familie das wichtigste im Leben, sagen sie jedenfalls, und beide glauben, für den Tod ihres kleinen Bruders verantwortlich zu sein, der als Fünfjähriger in ihrem Beisein ertrank. Auf Enzo, den Capitano, wartet zu Hause aber auch Maria, die ihn bekocht und trotz noch nicht unterschriebenem Konkubinats-Vertrag auch beschläft.
„Wenn die Polizei alles wüßte, wäre das Leben langweilig. Ja, aber wenn die Polizei zu wenig weiß, kann es für manche Leute gefährlich werden.“ Zwischen luxuriöser Langeweile und mafiöser Gefahr spielt das Leben in Lugano.
Der spannende, gut lesbare Krimi beginnt damit, daß der misogyne Capitano von seiner Untergebenen, ihm aber intellektuell wohl überlegenen Unterkommissarin, Ispettrice Gemma Crivelli per SMS beim Seifenblasen mit seiner Geliebten auf der Sonnenterrasse gestört wird. Zwei Leichen auf einmal wurden gefunden. Unfalltote?
Die Ispettrice ist belastet durch ihre schwer pflegedürftige Mutter. Sie würde sie gern im schönsten, unbezahlbaren Seniorenpalast hoch über dem See mit Terrasse unterbringen, wodurch sie von ihren Ermittlungen immer wieder abgelenkt wird.
Am Ende fliegt der Capitano mit dem Privatflugzeug seines reichen Bruders zu dessen Frau nach England. In der Kabine sitzt (zufällig?) im gegenüber namens Caruso, der nicht singt, aber sich ins Gespräch drängt, viel erzählt, auch dem Capitano bis dahin Unbekanntes, und die tragische Geschichte ihrer beiden Familien miteinander verknüpft. Er ist an einem Bauprojekt in Lugano interessiert, fördert deswegen Fabrizios Wahl zum Bürgermeister und steigt in Paris aus, während Enzo weiter nach London fliegt, um von seiner Schwägerin tiefere Einsichten in die aufregende Familiengeschichten zu erlangen. Er fragt sich zwischendurch, wie erfolgreich er eigentlich als Polizist und wie sinnvoll die Kripo überhaupt ist. Denn 50% aller Morde und mehr werden in der Schweiz gar nicht als Morde erkannt. Also laufen dort, bezogen auf die letzten 10 Jahre, rund 500 Mörder frei herum. Die beiden ursprünglichen Morde hat ein psychotischer Rumäne gestanden. Wie weit bestimmt eigentlich die Mafia das Sterben? Caruso und Fabrizio werden wohl von der Ndrangheta gesteuert, einer kalabrischen Mafiastruktur, die in ganz Europa, in beiden Amerikas bis hin nach Australien überaus aktiv ist.
Im Castello di vincigliata, tatsächlich eine sensationelle Location bei Florenz, hat Fabrizio vor Zeiten mit ungeheurem Popanz seine Frau Jackie geheiratet, die aber glaubte, niemanden in ihrem Leben so geliebt zu haben wie ihren Vater, der umgekommen ist, als sie fünf Jahre alt war. Ihr Sohn zeichnet sie in Handschellen gefesselt. Beim Tete-à-Tete mit ihr in London wird die Geschichte unübersichtlich, spielt auch in Texas. Jedenfalls benutzt Caruso ein Familienfest, um öffentlich für Fabrizio als Bürgermeister von Lugano zu werben. Mit einem großen, überraschenden Anschlag der Mafia endet das Buch, nicht die Geschäfte der Ndrangheta! Folgeromane können erwartet werden. Auf der Buchrückseite wird die neue Krimireihe angekündigt: „Intelligent, spannend, mit Esprit und Charme“ – so kommt der erste Band jedenfalls schon mal daher.
Toni Rivera – „Die Familie sehen und sterben“
Mörderisches Lugano, Band 1
© 2026 Verlag Galiani, Berlin / Kiepenheuer & Witsch Köln, 280 Seiten, Klappenbroschur – ISBN: 9783869713175
17,- €
Weitere Informationen: https://www.galiani.de
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