Die Rätsel einer chinesischen Prinzessin
Musikwissenschaftler Thomas Erlach über die Premiere der
Oper Turandot von Giacomo Puccini vor 100 Jahren in Mailand
Die Oper Turandot basiert auf einem Märchenstück von Carlo Gozzi aus dem 18. Jahrhundert, welches Giacomo Puccini in der Übersetzung von Friedrich Schiller vorlag. Worum geht es in der Oper?
Thomas Erlach: Die Oper Turandot spielt in China in sagenhafter Vergangenheit, die zu Grunde liegende märchenhafte Geschichte stammt allerdings aus Persien. Die Titelfigur ist die unverheiratete Tochter des chinesischen Kaisers, die sich eine Aura der Unnahbarkeit zugelegt hat. Es gibt zahlreiche Männer, die sich für sie interessieren, aber diese müssen drei Rätsel lösen, um Turandots Herz zu gewinnen – wenn sie jedoch falsch antworten, werden sie hingerichtet. Im Laufe der Oper erfährt man, daß Turandot aufgrund eines uralten schlimmen Vorfalls in der Familiengeschichte so seltsam handelt, also unter einer Art traumatischem Zwang steht. Zu Beginn der Oper sind bereits zahlreiche Bewerber hingerichtet worden, die die Rätselfragen nicht beantworten konnten, die Stimmung ist deswegen ziemlich bedrückend, aber mit Calaf erscheint nun endlich ein aussichtsreicher Kandidat, dem es tatsächlich gelingt, die Rätsel zu lösen. Turandot sperrt sich aber trotzdem dagegen, ihn zum Mann zu nehmen, so daß die Auflösung des dramatischen Knotens verzögert wird. Calaf stellt ihr eine Art Gegenrätsel: Turandot muß bis zum nächsten Morgen den Namen des erfolgreichen Bewerbers herausfinden, dann darf sie auch ihn töten lassen. Dies gelingt ihr jedoch nicht, obwohl sie das ganze Land deswegen in Aufruhr versetzt. Eine weitere Frauenfigur, die junge Dienerin Liù, ist das genaue Gegenteil der kaltherzigen Turandot: sie liebt Calaf schon seit langer Zeit und kennt als einzige seinen Namen, verrät ihn aber nicht, sondern nimmt sich am Ende das Leben, um ihn vor dem Tod zu schützen. Es folgt ein etwas rätselhaftes Schlußduett zwischen Calaf und Turandot, in der dieser ihr freiwillig seinen Namen verrät, Turandot sich daraufhin völlig verwandelt und dem Volk schließlich Calaf als ihren künftigen Ehemann präsentiert.
Turandot ist eigentlich ein schrecklicher Charakter. Trotzdem wurde das Thema im 19. Jahrhundert bereits in verschiedenen deutschen Opern verwandt. Was macht es so spannend?
Thomas Erlach: Die Spannung wird durch verschiedene Aspekte erzeugt. Das Schreckliche an Turandot liegt daran, daß sie aufgrund des erwähnten Familienfluchs nicht liebesfähig ist. Sie schützt ihre Unberührtheit durch Rätselaufgaben und drakonische Strafmaßnahmen, Calaf aber durchbricht diesen Fluch, weswegen sie in Panik gerät und alles unternimmt, um sich nicht verändern zu müssen. Bei aller Fremdartigkeit der Figuren und des chinesischen Ambientes ist die Konstellation tiefenpsychologisch gut nachvollziehbar. Es kommen klassische Märchenmotive darin vor wie die „Freierprobe“ vor einer Hochzeit, die Dreizahl der Rätsel und das Rumpelstilzchen-Motiv, die uns vertraut erscheinen, aber ebenso wurde immer wieder darauf hingewiesen, daß man in der Handlung gewisse Bezüge zu Puccinis Leben entdecken kann, der selbst ein äußerst unzuverlässiger Ehemann war und wohl eine große Faszination an der Turandot-Figur empfand, weil sie seinem gewohnten Frauenbild widersprach. Zudem sorgen die starken Kontraste in der Oper für Spannung – große Chorgruppen und ein riesiges Orchester wirken mit den hochdramatischen und psychologisch aufgeladenen Hauptrollen zusammen und erzeugen viel Abwechslung und einen langen Spannungsbogen. Liùs Menschlichkeit macht sie zur Sympathieträgerin, und daß sie am Ende sterben muß, ist für das Opernpublikum ein äußerst bewegender, tragischer Moment des Stücks, der auch immer wieder zu Diskussionen über weibliche Rollenbilder führt.
Am 25. April 1926 wurde Turandot in der Mailänder Scala unter dem Dirigat von Arturo Toscanini uraufgeführt und endete abrupt. Warum?
Thomas Erlach: Puccini hat an Turandot jahrelang gearbeitet, er starb jedoch 1924, bevor er sie fertigstellen konnte. Aufgrund seiner Lebensweise (er war Kettenraucher) war er an Kehlkopfkrebs erkrankt, was trotz damals moderner Behandlungsmethoden – er unterzog sich einer Radium-Therapie mit radioaktiven Nadeln im Kehlkopf – zu einem sehr schmerzhaften Leiden und schließlich zum Tod im Alter von 65 Jahren führte. Die komponierte Partitur endet mit dem Tod der Liù, es fehlte also die Schlußszene, die dann 1926 von Franco Alfano, einem Kollegen Puccinis, nachkomponiert wurde. Alfano war selbst Opernkomponist, er mußte aber zu dieser Vervollständigung eines fremden Werks eigens überredet werden, und zwar durch Intervention des italienischen Ministerpräsidenten – so bedeutend war die Uraufführung von Puccinis Werk damals. Arturo Toscanini hingegen war damals bereits ein sehr berühmter Dirigent, den mit Puccini eine langjährige Freundschaft verbunden hatte, die durch ein ständiges Auf und Ab geprägt war, manche sprechen gar von einer Achterbahnfahrt aus Zerwürfnissen und Versöhnungen. Obwohl der Schluß der Oper inzwischen vorlag, entschied sich Toscanini dafür, sich bei der Uraufführung nach dem Tod der Liù ans Publikum zu wenden mit den Worten: „Hier endet das Werk des Meisters“ und die Vorstellung abzubrechen. Schon im Vorfeld der Premiere gab es eine gewisse Aufregung wegen der Weigerung Toscaninis, vor der Aufführung die Hymne der italienischen faschistischen Bewegung spielen zu lassen, weswegen Mussolini seine Teilnahme unter einem Vorwand absagte.
Die Oper wurde also erst nach Puccinis Tod durch den Komponisten Franco Alfano nach den Skizzen Puccinis vollendet. Doch der komponierte einen sehr bombastischen Schluß, den Toscanini aber ab der zweiten Aufführung nicht übernahm. Warum nicht?
Thomas Erlach: Die Frage des Turandot-Schlusses ist ein wenig kompliziert. Alfano komponierte zunächst einen Schluß von 377 Takten unter Berücksichtigung einiger Skizzen Puccinis. Diese Fassung mußte jedoch aufgrund von Einwendungen Toscaninis, die er Alfano durch den Verlag Ricordi mitteilen ließ, um fast ein Drittel gekürzt werden, weil er sich nicht an Abmachungen gehalten habe. Diese zweite Fassung dauert nur noch 15 Minuten, ist weniger homogen als die erste und läßt vor allem für die zentrale Kuß-Szene sehr wenig Zeit, dafür enthält sie etwas mehr originale Noten aus Puccinis schlecht lesbaren Skizzen. Toscanini ließ ab der zweiten Aufführung diesen verkürzten Alfano-Schluß spielen, und das ist bis heute die am häufigsten zu hörende Aufführungsvariante. Die ursprüngliche Fassung des Alfano-Schlußes galt lange als verschollen, wurde erst im Jahre 1982 wieder aufgeführt, und gelegentlich kann man auch noch die Torso-Fassung der Uraufführung hören, die mit Liùs Tod endet. Schließlich wurde im Jahr 2002 ein alternativer Schluß von dem Avantgarde-Komponisten Luciano Berio angefertigt, der heute gelegentlich erklingt und den Bombast der Alfano-Fassungen vermeidet. Hinter dem Schluß-Problem steht die ungelöste Frage, wie sich Puccini die Verwandlung Turandots in eine liebende Frau musikalisch vorgestellt hat. Die vorhandenen Skizzen hierzu sind leider nicht aussagekräftig (an einer Stelle schrieb er an den Rand: „Melodie finden!“), und die Lösung Alfanos ist zu abrupt, um die Verwandlung glaubwürdig zu machen. Nach dem tragischen Tod der Liù wirkt der triumphale Schluß ziemlich äußerlich.
Welche Rätsel sind denn bei Turandot zu lösen?
Thomas Erlach: Der entscheidende Punkt ist zunächst: Die Rätsel dienen vor allem der Abwehr des Liebeswerbens durch Turandot, ihr genauer Inhalt ist demgegenüber sekundär. In Puccinis Oper nehmen die Rätsel im zweiten Akt zudem die Position des traditionellen Liebesduetts ein, sie haben also auch eine dramaturgische Funktion und sollen die Singstimmen zur Geltung bringen. In den verschiedenen Vorlagen des Stücks bei Gozzi und Schiller werden verschiedene Rätsel gestellt, die eher wenig mit der sonstigen Geschichte zu tun haben. In Puccinis Fassung hingegen werden diese Rätsel tiefenpsychologisch zugespitzt, es handelt sich also nicht um Wissensfragen wie in einer Quizsendung, sondern um Fragen nach dem, was in der gegebenen Situation existentiell bedeutsam ist. Es wird jeweils nach einem bestimmten Wort gefragt, und die Antworten Calafs lauten: die Hoffnung, das Blut und Turandot. Das letzte der drei Rätsel macht zudem deutlich, daß Turandot sich im Grunde selbst ein Rätsel ist.
Die Oper spielt in China. Wodurch erreichte Puccini den Eindruck einer fernöstlichen Klangwelt?
Thomas Erlach: Puccini ist ja ansonsten vor allem als Komponist schöner Melodien bekannt, man denke an seine meistgespielten Opern La Bohème oder Tosca. In Turandot ist seine Klangsprache deutlich herber und moderner, schließlich ist das Werk erst nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, zeitgleich mit Schönbergs Zwölfton-Kompositionen und unter dem Einfluß von Strawinskys Balletten und Strauss‘ Musikdramen. Der Orchesterklang ist äußerst farbig, schöne Melodien kommen zwar immer noch vor, aber die Rhythmik und Harmonik sind innovativ und dominieren den Höreindruck. Die fernöstliche Klangwelt spielte ja für Puccini bereits in Madame Butterfly eine Rolle, in Turandot ist sie aber ausgeprägter, nicht im Sinne eines bloßen Exotismus, sondern als teilweise beängstigend wirkende Fremdartigkeit. Pentatonik spielt dabei eine große Rolle, also die Arbeit mit nur fünf Tönen, die in einer bestimmten Tonfolge häufig wiederkehren und eine Art Leitmotiv für Turandot bilden. Ebenso hat in Turandot das umfangreiche Schlagwerk eine große Bedeutung sowie das ständige Wiederkehren bestimmter komplizierter rhythmischer Konstellationen, wie es in dieser Zeit etwa auch bei Strawinsky zu finden ist. Puccini hat sich ferner für einige Melodien auch von Originalzitaten aus chinesischen Spieldosen anregen lassen und ausführliche Studien dazu betrieben. Interessant sind auch die Figuren der drei Minister Ping, Pang und Pong, die eine Art chinesische Version der überlieferten europäischen Komödienfiguren darstellen – übrigens sind das äußerst schwierige Partien für die Sänger.
In der Schlußszene gibt es einen alles verändernden Kuß, den man musikalisch bis heute, da Unterlagen von Puccini dazu fehlen, nicht befriedigend lösen konnte. Was ist das Problem?
Thomas Erlach: Hierzu muß man sich die Situation im Stück einmal genau ansehen. Calaf muß gewissermaßen mehrere Anläufe nehmen, um Turandots Herz zu erobern. Zunächst muß er ihre drei Rätsel lösen, aber Turandot verweigert sich ihm nach seinem Erfolg, entgegen der vorher angekündigten Bedingungen der Frageprobe, woraufhin Calaf erklärt, daß er ihre frei erwiderte Gegenliebe wünscht. Er stellt ihr die Gegenaufgabe, im Laufe der Nacht seinen Namen herauszufinden, was ihr aber bis zum Morgengrauen nicht gelingt. Zudem steht Turandot unter dem starken Eindruck von Liùs Suizid, den sie als heldenmütige Tat einer liebenden Frau bewundert – etwas, das für sie völlig neu ist. Nun stehen sich Turandot und Calaf zum ersten Mal allein gegenüber, aber Turandot ist immer noch nicht bereit oder in der Lage, ihn als Mann zu lieben. In der Partitur heißt es nun: „Er ergreift mit Gewalt Turandot, schleppt sie vom Pavillon, wirft sie in seinen Armen herum und überschüttet sie mit Küssen.“ Dieser erzwungene Kuß verunsichert Turandot erheblich, aber erst die dann folgende Preisgabe des Namens durch Calaf selbst bringt sie dahin, ihre Gefühle für ihn zu verändern. Insofern ist der Kuß also nicht der letzte, sondern der vorletzte Schritt zur Lösung des dramatischen Konflikts, und das ist mit Sicherheit auch menschlich die nachvollziehbarere Interpretation.
Eine weltberühmte Arie aus dieser Oper ist Nessun dorma (Keiner schlafe). Sie gehört zum Standardrepertoire aller großen Tenöre und hat auch in diversen Filmen Eingang gefunden. Was macht sie so einzigartig?
Thomas Erlach: Nessun dorma ist nur bedingt eine Opernarie im traditionellen Sinn. Sie ist zunächst recht kurz und zudem eingebunden in den Handlungskontext. Konkret heißt das: Puccini hat so komponiert, daß das Publikum am Ende der Arie nicht applaudieren kann, weil das Orchester ohne Unterbrechung kräftig weiterspielt und erst nach einer Weile leiser wird. Das zeigt, daß Puccini nach Nessun dorma keinen Zwischenapplaus wollte, wie es sonst bei seinen Opern häufig üblich ist. Eine Herauslösung der Arie aus dem Kontext, wie das zum Beispiel in dem berühmten Video mit Paul Potts der Fall ist, widerspricht völlig dem Sinn und Zweck dieser Komposition. Bemerkenswert ist weiterhin, daß die zweistrophig angelegte Arie nur aus sehr wenigen musikalischen Elementen besteht, die Akkorde allerdings äußerst raffiniert gestaltet sind und die unheimliche Atmosphäre in der nächtlichen Situation beschreiben, als Calaf von allen gesucht wird, um seinen Namen in Erfahrung zu bringen. Daß er trotzdem siegesgewiss ist, wird durch die Steigerung in Tonhöhe und Dynamik am Schluß zum Ausdruck gebracht, wenn er das berühmte „vincerò“ (ich werde siegen) singt. Die entsprechende Phrase wurde übrigens schon vorher am Ende des zweiten Aktes einmal vorweggenommen und tauscht dann ganz am Ende des Alfano-Schlusses wieder auf. Puccini ist eben durch und durch Musikdramatiker – die zentralen musikalischen Ideen haben immer eine Bedeutung im Gesamtaufbau des Stücks und kehren mehrfach in verschiedener Beleuchtung wieder.
Uwe Blass
Prof. Dr. Thomas Erlach ist seit 2014 Universitätsprofessor für Didaktik der Musik an der Bergischen Universität.
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