Stabilisierte Strukturen und vereinfachte Prozesse

Franziska Hilger über Nachhaltigkeit im Sport

von Uwe Blass

Franziska Hilger - Foto: Samuel Stracke
Stabilisierte Strukturen 
und vereinfachte Prozesse

Wirtschaftswissenschaftlerin Franziska Hilger
denkt Nachhaltigkeit im Sport mit
 
Nachhaltigkeit im Sport! Gibt es sowas überhaupt? Bei Sportarten, die Naturräume zur Sportausübung nutzen, kann man das noch nachvollziehen, doch es gibt Zusammenhänge zwischen Nachhaltigkeit und Sport, die weniger offensichtlich sind. Dazu gehören u.a. Respekt, Toleranz, Teamgeist oder Weltoffenheit. Und in diesen Bereichen kann man durch Aktionen, Vereinsfeste, Veranstaltungen oder auch Mannschaftsfahrten nachhaltiger agieren, wenn man weiß, wie!
Franziska Hilger, ehrenamtliche Schiedsrichterin im Fußballverband Rheinland und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Unternehmertum, Innovation und Transformation an der Bergischen Universität, versucht, durch
wissenschaftliche Kompetenz, sportliches Engagement und gesellschaftliche Verantwortung das Thema Nachhaltigkeit verstärkt im Fußball zu implementieren.
 
Schiedsrichtererfahrung wissenschaftlich nutzen
 
Ich bin seit 2010 ehrenamtlich als Schiedsrichterin im Fußballverband Rheinland tätig und habe in dieser Funktion über viele Jahre Spiele bis zur höchsten Verbandsklasse der Herren, der Rheinlandliga, geleitet“, sagt die Doktorandin der Wirtschaftswissenschaften. „Ab 2020 war ich darüber hinaus als DFB-Schiedsrichterin deutschlandweit aktiv – sowohl als Assistentin in der 2. Frauen-Bundesliga als auch als Schiedsrichterin in der B-Juniorinnen-Bundesliga. In besonders intensiven Phasen habe ich bis zu 80 Spiele pro Saison geleitet. Ich habe praktisch schon auf jedem Sportplatz in Deutschland gepfiffen“, lacht sie. „Durch meine langjährige Tätigkeit als Schiedsrichterin habe ich den Fußball in all seinen Facetten kennengelernt und gespürt, welche gesellschaftliche Kraft dieser Sport entfalten kann.“ Mit Beginn ihrer Promotion tritt die engagierte Sportlerin auf dem Spielfeld zwar etwas kürzer, ihre Begeisterung für den Ballsport ist aber ungebrochen. Die neugewonnene Zeit nutzt sie nun, um ihre Expertise als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bergischen Universität Wuppertal stärker in den Sport einzubringen. Sie ist Mitglied der Kommission Gesellschaftliche Verantwortung im Fußballverband Rheinland und widmet sich dort schwerpunktmäßig dem Thema Nachhaltigkeit. Zudem ist sie sachkundige Bürgerin im Umwelt- und Sportausschuß der Stadt Wuppertal.
 
Intrinsifizierung, oder wie handele ich nachhaltig aus eigener Überzeugung
 
Hilger versucht mit Ihrem Engagement, Erkenntnisse Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit auf die Strukturen ehrenamtlicher Arbeit im gemeinnützigen Sport zu übertragen. „In meiner Arbeit am Lehrstuhl und im Rahmen meiner Promotion beschäftige ich mich intensiv mit der Frage, wie nachhaltiges Verhalten so gefördert werden kann, daß Menschen es aus eigener Überzeugung zeigen und nicht nur aufgrund äußerer Vorgaben. Es geht also darum, wie aus zunächst extern angestoßenem Verhalten eine innere Motivation entstehen kann. Wissenschaftlich sprechen wir hier von einer „Intrinsifizierung.“ Gerade bei Nachhaltigkeitsthemen sei diese Fragestellung besonders dringlich und zugleich sehr komplex. Viele Maßnahmen griffen tief in sehr individuelle Lebensbereiche ein und berührten Gewohnheiten, Routinen und die persönliche Entscheidungsfreiheit. Beispiele fänden sich etwa im Bereich Konsum, Wohnen oder Mobilität. Das mache ihre Umsetzung anspruchsvoll, aber auch anfällig für Widerstände. Gesellschaftliche Veränderungen spiegeln sich sehr deutlich im Sport. Als zentrales Beispiel nennt Hilger den Rückgang ehrenamtlichen Engagements. „Immer weniger Menschen sind bereit, langfristige Verantwortung zu übernehmen, obwohl der Spielbetrieb im gemeinnützigen Sport genau davon lebt.“ Dabei biete gerade der Sport einen besonders geeigneten Ort, an dem Transformationsprozesse aktiv gestaltet werden könnten. Dazu Hilger: „Sportvereine und -verbände erreichen nahezu alle gesellschaftlichen Gruppen – unabhängig von Alter, sozialem Hintergrund oder Bildungsgrad. Sie sind Orte der Begegnung, genießen Vertrauen und haben eine enorme Reichweite. Genau diese Eigenschaften machen den Sport auch für meine Forschung so relevant“. Sie sind nicht abstrakt, sondern praktisch erfahrbar. Nachhaltiges Verhalten gelinge, wenn es als selbstverständlicher Teil der Vereins- und Verbandskultur etabliert werden könne. Davon profitierten dann beide Seiten. „Der Sport stärkt seine Ehrenamtsstrukturen und seine Zukunftsfähigkeit und zugleich können gesellschaftliche Themen wie Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit oder Bildung wirkungsvoll in die Breite getragen werden. Im Sport habe ich wirklich alle Menschen zusammen: unterschiedliches Alter, Herkunft, Bildungsstand.“ Daher müsse man den Sport nutzen, um den gesellschaftlichen Wandel zu gestalten.
Im Rahmen ihrer Arbeit am Lehrstuhl bezieht sie daher auch die Perspektiven unterschiedlichster Akteure der Nachhaltigkeitstransformation mit ein. Hilger organisiert mit Lehrstuhlangehörigen dazu regelmäßig Exkursionen zu Firmen, bei denen die Studierenden Einblicke in konkrete Transformationsprozesse erhalten. Ganz aktuell sagt sie: „In diesem Zusammenhang werden wir auch eine Exkursion zum DFB nach Frankfurt durchführen. Dort haben die Studierenden die Möglichkeit zu erleben, wie sich eine der größten Sportorganisationen Europas mit ihrer gesellschaftlichen und ökologischen Verantwortung auseinandersetzt. Auf diese Weise versuche ich, meine ehrenamtliche Tätigkeit im Sport gezielt mit meiner Arbeit am Lehrstuhl zu verknüpfen.“
 
Ehrenamt basiert auf Freiwilligkeit, Motivation und Identifikation
 
Veränderungen sind immer schwierig, aber möglich, weiß Hilger, wenn man an Bestehendem andockt. „Die Erkenntnisse aus der transformativen Wirtschaftspolitik zeigen sehr deutlich, daß Veränderungsprozesse nur dann funktionieren, wenn sie anschlußfähig an bestehende Strukturen sind und von den beteiligten Akteurinnen und Akteuren mitgetragen werden. Überträgt man diese Perspektive auf den gemeinnützigen Sport, wird schnell klar: Ehrenamtliche Strukturen lassen sich nicht einfach ´von oben` verändern oder durch Vorgaben steuern. Ehrenamt basiert auf Freiwilligkeit, Motivation und Identifikation – genau das macht es wertvoll, aber zugleich auch verletzlich.“ Daher sei es wichtig, daß Maßnahmen nicht als zusätzliche Belastung wahrgenommen werden dürften, denn Ehrenamtliche arbeiteten schon jetzt oft an ihrer Belastungsgrenze, weil der Spielbetrieb natürlich immer im Vordergrund stehe und aufrechterhalten werden müsse. Daher sagt Hilger ganz deutlich: „Transformation gelingt hier nur, wenn Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung als Unterstützung dieser Kernaufgabe verstanden werden, etwa indem Strukturen stabilisiert, Prozesse vereinfacht oder neue Formen der Anerkennung geschaffen werden.“ Zwar sei der gemeinnützige Sport stark von historisch gewachsenen Strukturen geprägt, so daß Veränderungsprozesse nur sehr langsam verliefen und Ressourcen auch immer begrenzt seien, doch darin sieht die Doktorandin ein enormes Potential. „Sportorganisationen haben eine hohe Reichweite, genießen Vertrauen und verfügen über funktionierende Netzwerke. Werden Ehrenamtliche frühzeitig eingebunden und Maßnahmen so gestaltet, daß sie an bestehende Werte und Praktiken anknüpfen, können transformative Ansätze durchaus Wirkung entfalten. Aus meiner Sicht liegt die größte Herausforderung weniger im ´Ob`, sondern im ´Wie`.“
 
Der Begriff Nachhaltigkeit stößt oft auf Ablehnung
 
Nachhaltigkeit werde häufig vor allem mit Verzicht oder zusätzlichen Anforderungen verbunden, weiß Hilger, sei daher oft negativ besetzt und stoße auf Ablehnung.
Doch bei genauerem Hinsehen stelle man dann fest, daß der Sport bereits heute einen erheblichen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leiste. Gesundheit und Wohlbefinden, Geschlechtergerechtigkeit, hochwertige Bildung sowie soziale Teilhabe, aber auch Integration und der Aufbau resilienter Teilhabe gehörten bereits dazu. „Wenn Sportorganisationen erkennen, welchen gesellschaftlichen Mehrwert sie bereits schaffen, können sie selbstbewusster mit neuen Anforderungen umgehen, gezielt Fördermöglichkeiten nutzen und langfristig attraktiv für Engagierte bleiben.“
 
Nachhaltigkeit kann Leitprinzip sportlicher Organisationsentwicklung sein
 
Nachhaltigkeit kann ein Leitprinzip sportlicher Organisationsentwicklung sein, wünscht sich Hilger, aber nur, wenn es aus den Vereinen oder Verbänden selbst herauswachse. Eine umfassende Nachhaltigkeitsstrategie sei daher nicht direkt zielführend, kleine, aber regelmäßige Maßnahmen schon eher. „Ein konkretes Beispiel dafür war eine digitale CO-Bilanzierung in Sportvereinen, die wir gemeinsam mit dem DFB durchgeführt haben. Entgegen den Erwartungen nahm  daran eine ganze Reihe von Vereinen teil, die sich bereits selbstorganisiert und aus eigener Motivation mit dem Thema auseinandersetzen wollten. Genau solche Signale sind enorm wichtig. Sie zeigen, daß es bereits intrinsisch motivierte Akteurinnen und Akteure gibt und daß es Aufgabe des Verbandes ist, diese Entwicklung zu erkennen und gezielt zu unterstützen.“ Weitere Planungen von Nachhaltigkeitsprojekten, wie z. B. Gesprächsrunden zwischen Ehrenamtlichen und externen Experten, geschulte Clubberatungen oder niederschwellige Informations- und Austauschformate sind in Arbeit.
 
Nachhaltigkeitsaspekte im Hochschulsport
 
„Der Hochschulsport hat ein großes Potential, Nachhaltigkeit nicht nur organisatorisch umzusetzen, sondern vor allem über Engagementförderung erlebbar zu machen“, sagt Hilger. Das funktioniere schon, wenn studentische Übungsleitungen Nachhaltigkeitsaspekte in ihre Arbeit integrieren würden, etwa bei der Organisation von Veranstaltungen, der Materialnutzung oder der Mobilität. „Für die Weiterentwicklung sehe ich vor allem Potenzial in der stärkeren Vernetzung von Forschung, Lehre und Praxis. Der Hochschulsport kann hier als Reallabor dienen, in dem neue Ansätze der Nachhaltigkeit erprobt und weiterentwickelt werden“, erklärt die Fachfrau. In der Umsetzung bedeutet das vor allem, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Menschen Gestaltungsspielräume haben und Sinn in ihrem Engagement erkennen.“ Hilger ist sich sicher: „Ob im Hochschulsport, in Sportverbänden oder in Lehrveranstaltungen: Wenn Nachhaltigkeit konkret erfahrbar wird und an bestehende Praxis anschließt, kann sie Teil der eigenen Haltung werden. Engagement wird dadurch nicht zusätzlich belastet, sondern aufgewertet. Nachhaltigkeit wird nicht als Pflicht verstanden, sondern als etwas, das Orientierung gibt und Sinn stiftet. Genau darin liegt für mich der Kern gelungener Umsetzung: Menschen sollten nicht das Gefühl haben, etwas umsetzen zu müssen, sondern erleben, daß nachhaltiges Handeln ihnen selbst und der Organisation langfristig nutzt.“
 
Uwe Blass
 
Franziska Hilger (M. Sc.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Unternehmertum, Innovation und Transformation an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Bergischen Universität, der Schumpeter School of Business and Economics.