„Gebaute Gemeinschaft“
in der James Simon Galerie zu Berlin
Der fruchtbare Halbmond erstreckt sich vom Persischen Golf im Südosten über den Irak bzw. Mesopotamien, über die Flußebenen von Euphrat und Tigris, entlang der syrisch türkischen Grenze bis in die Levante. Heutzutage fällt die Region vor allem durch Kriege und Zerstörung auf. Am Nordrand der syrischen Wüste liegen in der Südtürkei Göbeklitepe und Taş Tepeler. Dort haben Menschen nach dem Ende der letzten großen Eiszeit seit ca. 12.000 v. Chr. die große neolithische Transformation befördert, die im 11. Jahrtausend v. Chr. durch die jüngere Dryas noch mal verzögert wurde, eine Kaltphase, wahrscheinlich in Folge einer Unterbrechung des Nordatlantikstroms. Aber seit ca. 9700 v. Chr. herrschte günstigeres Klima und man begann dort Hütten zu bauen, Siedlungen anzulegen und die Toten auf Friedhöfen zu beerdigen. Man jagte und sammelte nicht mehr im Umherziehen sondern wurde wurde im Laufe von einigen Jahrtausenden seßhaft. Das Leben in Göbeklitepe und Taş Tepeler im 10. Jahrtausend v. Chr. ist das Thema der Ausstellung im Vorderasiatischen Museums zu Berlin.
Seit Jahrzehnten wird in der Region geforscht und ausgegraben. Schon in den 80ern des 20. Jahrhunderts wurde in der Provinz şanliurfa ein Monumentalgebäude mit steinzeitlichen Skulpturen aus dem 9. Jahrtausend v. Chr. entdeckt, in Göbeklitepe 1995 noch ältere ausgegraben. 2021 richtete das Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Türkiye das Forschungsprojekt Taş Tepeler ein, in welchem 36 akademische Institutionen aus der Türkei, Deutschland, Japan, den USA, China u.a. zusammenarbeiten, um Verständnis für Architektur und Kunst, für die Lebensweise und Ernährung der Steinzeitmenschen zu wecken. Die haben bereits runde oder auch rechteckige monumentale Gebäude mit einem Durchmesser von bis zu 30 m und mehr unterirdisch angelegt, vielleicht für Zusammenkünfte mit Musik und Tanz. Es handelt sich um die ersten steinernen Monumentalgebäude weltweit. Aus Stein gehauene Skulpturen lassen Rückschlüsse auf Leben und Gebräuche zu. Stützpfeiler stellen Menschen dar, Ritzzeichnungen zeigen Menschen in Bewegung. Steinköpfe und Masken wurden gefunden Eine erstaunlich naturalistische Eberstatue aus Göbeklitepe war offensichtlich bemalt. Eingeritzte Steinböcke oder Wildesel sind zu erkennen. Die steinzeitliche Jagd z.B. auf Gazellen erfolgte mit großen, aus Stein gemauerten Fallen, in die die Tiere getrieben wurden. Diese „Wüstendrachen“ sind noch heute in der Landschaft sichtbar. Die Mauer liefen trichterförmig aufeinander zu und ließen die Tiere in ein Gehege mit Fallgruben laufen. Pfeil- oder Speerspitzen waren notwendig, um gefangene Tiere zu erlegen Die Jagd war ein bedeutendes archaisches Gemeinschaftserlebnis der Urzeit, welches bis in heutige Schützenvereine fortzuwirken scheint. Die Siedlungen mit Gemeinschaftsbauten, Jagdanlagen zur Sicherstellung der Nahrung und Zisternen existierten vom Beginn des Holozäns um 9700 v. Chr. bis zum Ende dieser noch akeramischen Phase des Neolithikums im 8. Jahrtausend.
Männliche, menschliche Skulpturen bestanden im wesentlich aus Kopf und Penis, gefährliche Tiere wurden damals schon als männlich dargestellt. In Göbeklitepe ist nur einmal das Bild einer Frau gefunden worden.
Verena Kabukcu und Eleni Asouti schreiben über den Ursprung der Landwirtschaft. Zunächst wurden wilde Linsen, und Erbsen angebaut, erst später gab es wildes Getreide, Einkorn und Emmer. Ab 8300 v. Chr. lassen sich dann regional angebautes Getreide und Gras nachweisen, zwar noch kein englischer Golfrasen aber doch auch keine Steppe mehr. Aus den Steinzeichnungen läßt sich auch die Tierwelt erschließen (Essay von Nadja Pöllath, Stephanie Emra, Joris Peters). Daß Schafe und Ziegen mit Abfällen von Hülsenfrüchten gefüttert wurden, zeigt, daß sie im 8. Jahrtausend auch schon als Haustiere gehalten wurden.
Die Beerdigungsriten in Göbeklitepe (Julia Gresky) sind nicht ganz klar. Gräber mit Skeletten wurde bis vor kurzem noch nicht ausgegraben. Schädel scheinen eine große Bedeutung gehabt zu haben, weisen auch Bohrlöcher auf, aber wohl nicht in Folge chirurgischer Behandlung. Karies gab es damals schon. Spuren körperlicher Gewalt sind an einzelnen Fundknochen gefunden worden. Hinweise auf Massaker mit mehr als tausend Toten wie in Herxheim bei Karlsruhe zu Zeiten der jüngeren Jungsteinzeit (um 5000 v. Chr.) wurden in Anatolien nicht gefunden. Über die sieben Orte des Projekts wird im Einzelnen berichtet. Göbeklitepe gehört seit 2018 zum Weltkulturerbe.
Zur Ausstellung erschien ein Katalog mit zahlreichen Abbildungen und Essays zu Klima, Umwelt und das Leben der Menschen im Holozän. Necmi Karul schreibt zu den Anfängen der Architektur, die mit der Entwicklung zur Sesshaftigkeit zusammenfallen. Damals wurden Gebäude über Jahrhunderte genutzt. Die Dächer der Gebäude wurden von T-förmigen Steinsäulen getragen. Gravuren und Reliefs in den Steinen erzählen dabei die Geschichte der Menschen im Sinne eines steinernen kollektiven Gedächtnisses. Erstaunlicherweise wurden Musikinstrumente, die es ja schon in der Altsteinzeit gab, anscheinend nicht gefunden.
Barbara Helwing, M. Andrea Valsecchi Gillmeister, Bernd Müller-Neuhof & Necmi Karul: Gebaute Gemeinschaft. Göbeklitepe, Taş Tepeler und das leben vor 12.000 Jahren. Publikation anläßlich der Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft“ in der James Simon Galerie des Vorderasiatischen Museums zu Berlin, vom 6. Februar bis 19.Juli 2026 mit Essays von Lee Clare, Necmi Karul, Ceren Kabukcu, Eleni Asouti, Nadja Pöllath, Stephanie Emra, Joris Peters, Julia Gresky und Eylem Özdogan.
© 2026 Kulturverlag Kadmos, 191 Seiten,191 Seiten, 74 Farbfotos, Klappenbroschur, 17 x24 cm - ISBN 978-3-86599-611-4
29,- €
Weitere Informationen: https://www.kulturverlag-kadmos.de/
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