Selbstfindung und Flucht in Barcelona und Hamburg

Lukas Hoffmann – „Wassermann

von Johannes Vesper
Selbstfindung und Flucht 
in Barcelona und Hamburg
 
„Wassermann“ von Lukas Hoffmann
 
Dieser Erstlingsroman des Autors, 1995 geboren, beginnt mit einem kurzen Gespräch über Knut Hamsuns „Hunger“. Der junge Erzähler besucht seine todkranke Mutter in einem Hamburger Krankenhaus, ist aber als Austauschstudent auf dem Weg nach Barcelona. Bereits bei der Einführungsveranstaltung dort leuchtet die politische Situation Kataloniens auf -der Konflikt um die Unabhängigkeit von Madrid.
 
Luk schlägt sich mit Texten für die Kunden seines Arbeitgebers in Deutschland durch und verliebt sich in Olive, eine flotte junge Britin, die im Zimmer nebenan wohnt und Sympathien für die katalanische Sache hegt. Olive schreibt und fotografiert den Verlauf der katalanischen Revolution für britische Medien, hängt finanziell von ihrem betuchten Vater ab, der sie nach England zurückkommandieren will. Ihr Lieblingsplatz in Barcelona aber ist Luks Brust, auf der sie gerne ausruht.
Zwischen den beiden funkt es, sie verlieben sich ineinander und es entwickelt sich eine erotische Beziehung, von deren nicht seltenen Episoden der Roman in seinem Verlauf lebt. Die beiden verstehen sich als Angehörige der letzten Generation – den vor 2000 Geborenen müsse man nicht mehr zuhören, glauben sie. Zunehmend werden sie in die Revolution verwickelt. Demonstrationen und Straßenkämpfe, Schußsalven und Männergeschrei, Häuserbesetzungen in Barcelona fließen in die Erzählung ein und werden lebhaft geschildert.
Die Orientierung des Ich-Erzählers scheint sexuell nicht ganz eindeutig, denn aus Deutschland kommt der exzentrische Kurt, der gerne Gras konsumiert und wegen unterschiedlichster Diagnosen immer wieder psychiatrisch behandelt wird. Gemeinsam verlassen die beiden die Stadt, in welcher der Aufruhr gegen Madrid zunehmend eskaliert und suchen vorübergehend am Strand in Portugal beim Surfen ihr Glück.
 
Der Stil des Romans ist eher schlicht und leicht trotz seiner bemerkenswerten Fülle und Dichte. Immer wieder fließen auch subtile Beobachtungen ein. Luks Mama taucht zunächst nur selten im Roman auf, sie lebt todkrank in Hamburg. Schließlich fliegt er nach Hause, um sie zu besuchen. Mama ist in onkologischer Behandlung und hofft auf wirksame Medikamente aus den USA und auf die Genehmigung der Krankenkasse für die teure Behandlung. Nach der Bestrahlungsbehandlung hat sie ein Auge verloren. Papa hat Mama vor Zeiten schon verlassen.
Vor Silvester gestehen sich Mutter und Sohn ihre Angst ein vor dem Leben, dem Tod, der Einsamkeit. Die Todkranke muß jeden Tag von Neuem lernen, daß Sie sterben wird aber das Gespräch mit ihr bleibt oberflächlich und Mama stirbt, während er kifft.
Inzwischen ist Olive in Hamburg. Gemeinsam besuchen die beiden Nolde in Seebüll, reisen nach Berlin, lesen eine Thomas Mann Biographie und besuchen Papa.
Zurück in Spanien, engagiert sich Luk bei einer Hilfsorganisation und betreut Kinder katalanischer Eltern, die wegen der politischen Ereignisse gebunden oder gar inhaftiert sind. Seine Stimmung, seine Psyche leidet zwischen Beziehungschaos und Jugendarbeit. Er bedarf der Psychotherapie.
Nicht nur die Eltern seine Kita-Kinder auch seine geliebte Olive gerät in Haft. Zwar kommt sie wieder frei, aber die Beziehung der beiden ist nicht mehr dieselbe, nachdem er sie während ihrer Abwesenheit mit einer anderen betrogen hatte. Sie hätten mehr miteinander reden sollen. Ob das geholfen hätte? Nach einem letzten Cunnilingus fliegt Luk zurück nach Berlin, kehrt am Ende nach Hamburg zurück und bekommt über Lotte, eine alte Freundin, einen Job als Betreuer bei den „Familienhelden“. Damit endet der Roman. Werden Fürsorge und Sozialarbeit das eigene Leben und die Psyche stabilisieren? Die Frage bleibt und wird nicht beantwortet.
 
Dieser Entwicklungsroman hat autobiographische Bezüge. Lukas Hoffmann lebte einige Jahre in Barcelona und arbeitet heute als Sozialarbeiter in Hamburg. „Bücher müssen mich mit konkreter Relevanz anspringen“ heißt es im Roman irgendwo. „Wassermann“ gelingt das.
 
Lukas Hoffmann – „Wassermann
Roman
© 2026, März Verlag, 247 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag - ISBN 978-3-7550-0067-9 24,- €
 
Weitere Informationen: www.maerzverlag.de