Kleist als Straßen-und Wirtshausmusiker

Eine Episode aus dem Jahr 1798

von Jörg Aufenanger

Heinrich von Kleist
Kleist als Straßen-und Wirtshausmusiker
 
Von Jörg Aufenanger
 
Unbekannt ist diese Episode aus Kleist Leben nicht, aber wenig bekannt. Doch diese – um es mit Goethe zu benennen – biographische Einzelheit wäre eine Nichtigkeit, wenn sie nicht auf die Bedeutung der Musik in Kleists Leben und Werk verwiese, die ihr endliches Ziel im Jahre seines Todes 1811 in der Erzählung „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“ finden wird.
 
Als Heinrich von Kleist Anfang Juni 1798 mit drei Kameraden der Potsdamer Garnison auf seine Musiktour zum Harz aufbricht, ist er dort seit sechs Jahren im militärischen Dienst. 1792 im Alter von sechzehn Jahren ins Garderegiment eingetreten, hat er am Rheinfeldzug gegen die Franzosen und an der Belagerung von Mainz teilgenommen und führt seitdem ein kaum geliebtes Soldatenleben. In der Potsdamer Garnison hat er Freunde gefundenen, mit denen er in einem Quartett musiziert: Otto August Rühle von Lilienstern, der Fagott, Hartmann von Schlotheim, der wahrscheinlich Flöte und Karl von Gleißenberg, der vermutlich Oboe gespielt hat. Kleist selbst spielt Flöte und vor allem Klarinette.
     Seit frühester Jugend hat er schon im heimatlichen Frankfurt/Oder Flöte gespielt und soll zusammen mit seiner Schwester, die Laute spielte, musiziert haben, wie auch später auf der gemeinsamen Riesengebirgsreise mit ihr. Es gibt auch Hinweise darauf, daß er schon in Frankfurt Klarinette gespielt und aus Schilfrohr des Oderufers geschnitzte Mundblättchen für das Instrument selbst angefertigt hat. Die Klarinette war um 1800 ein besonders beliebtes volkstümliches Instrument, das sowohl in Bauernkapellen als auch in der Militärmusik als wichtigste Stimme zum Einsatz kam.
     In Potsdam nahm Kleist dann bei dem damals berühmten Klarinettenspieler Joseph Beer, der als königlicher Kammermusiker am Bassinplatz lebte, Unterricht, und zwar sowohl im Spiel als auch im Generalbaß, der der Musik das harmonische Gerüst verleiht. Denn im Generalbaß, so wird Kleist äußern, seien auch die „wichtigsten Aufschlüsse über die Dichtkunst enthalten.“
Die Offiziere waren in den Potsdamer Salons gern gesehene Gäste und so mancher von ihnen verliebte sich auch in ein Mädchen der Familie, so auch Kleist in jene Louise von Linkersdorf.
     Man kann annehmen, daß die Quartettoffiziere in den Salons nicht nur auf Französisch parliert haben, sondern auch ihre musikalischen Kostbarkeiten dargeboten haben. Zudem sollen sie im Schloß Paretz, dem Sommerdomizil der königlichen Familie, aufgetreten sein, bevor sie sich auf die Reise machten. Sie werden Urlaub erbeten haben, bevor sie dann im Juni 1798 zu Fuß aufbrachen. Ziel war der Harz, der Brocken. Der Harz war in dieser Epoche für viele, die in den Künsten wirkten, ein Sehnsuchts- und oft auch Schmerzensort, nicht nur für Goethe.
     Wir kennen die Reiseroute, die zum Harz führte, nicht, wissen mit Sicherheit nur von vier Orten, an denen sich die vier Offiziere aufgehalten haben. Auf der Route hinter Potsdam lagen Orte wie Zerbst, Bernburg, Aschersleben und Ballenstedt, vielleicht haben die Musikanten dort auf den Straßen, Plätzen und in den Wirtshäusern aufgespielt, aber vielleicht haben sie auch nur in den Dörfern genächtigt, in Jeserig, Lötzerig, Giersleben oder wie sie alle heißen. Sind sie den Chausseen der Postkutschen gefolgt oder sind sie querfeldein gelaufen, haben erst Station gemacht, wenn die Füße vom Laufen brannten? Und haben dort für die Dorfbevölkerung zur Musike aufgespielt und dafür einen Obolus erbeten. Denn die vier jungen Adligen waren nicht nur nicht in Uniform gereist, sondern hatten sich bewußt als arme Leute eingekleidet. Ohne einen Kreuzer in der Tasche wollen sie aufgebrochen sein, auch eine Art Erprobung, und haben womöglich wie heutige Straßenmusiker einen Hut oder den Instrumentenkasten aufgestellt in der Hoffnung auf klingende Münzen. Und so wurde berichtet, mit Erfolg, denn sie haben die Reisekosten auf diese Weise mit musikalischen Weisen bestreiten können.
     Was aber haben die Vier an Musik gespielt? Petitessen klassischer Musik, Bauernweisen, musikalische Späße, volkstümliche Lieder und Tänze. Gar selbst komponierte Stücke, - vielleicht auch von Kleist? - sollen darunter gewesen sein. Das mag mit den vier Blasinstrumenten ähnlich wie eine italienische Banda geklungen haben.
Schließlich kam die Reisegesellschaft in Gernrode an und erstieg den Stubenberg. Kleist würde zwei Jahr später in einem Brief berichten, als er um Mitternacht auf dem Gipfel angekommen war: „Da stand ich schaudernd unter den Nachtgestalten...als die Sonne hinter den Bergen hinaufstieg - ja da hob sich das Herz mir unter dem Busen...da empfand ich mit allen meinen Sinnen, daß ich ein Paradies vor mir hatte.“
     Es war nicht nur eine musikalische Reise für Kleist, sondern eine, auf der er sich auch selbst erfuhr im Einklang mit der Natur. Diese steigerte seine Empfindsamkeit und nährte seine poetische Ader, legte einen Fundus an für späteres Dichten.
Von Gernrode, wo die Vier sicherlich genächtigt und im Gasthof oder auf einem Platz musiziert haben werden, ging es weiter Richtung Westen, zum Harz hin, in dessen nördlichem Vorland sie zum Regenstein kamen. Sie erstiegen den Berg mittlerer Höhe von etwa 300 Meter, wo auf einem Felssporn eine Burgruine zu finden ist, um die sich viele Geschichten und Sagen rankten.
Ein Aufstieg auf einen Berg ist nicht nur für Kleist auch ein Aufstieg - oder sollen wir an diesem Ort „Aufsturz“ sagen - der Seele, die sich dadurch vom Alltag befreien kann.
     Die mittlere Höhe des Regenstein war für Kleist als einem Menschen, der das mittlere Maß gegenüber den Extremen schätzte, ausdrücklich wichtig. Vor allem aber empfand er hier eine „Luft, um frei und leicht zu atmen.“
Was muß das für die vier musizierenden Offiziere eine Erleichterung gewesen sein, nach Monaten und Jahren von Drill und ödem Soldatenleben, endlich Freiheit zu erleben. Naturerfahrung ist immer auch Icherfahrung und diese wird in Kleist während der Reisetagen noch entschiedener als schon zuvor den Entschluß hat reifen lassen, das Soldatenleben bald aufzugeben.
3000 Meter entfernt vom Regenstein liegt die kleine Stadt Blankenburg, eine weitere Etappe der Musiker, wo sie aufgespielt haben werden, allein schon um die Beherbergung begleichen zu können.
     Das Ziel jeder Harzreise aber liegt noch einige Tagesmärsche weiter. Der Brocken. Haben sie an dessen Fuß schon in dem Dorf Elend oder erst in Schierke, das schon am Anstieg zum Brocken liegt, genächtigt? Wir wissen es nicht.
Was Kleist schreckt, nachdem er den Brocken erklommen hat, ist dessen zu große Höhe, die dem Menschen nicht angemessen sei.
Das erinnert an die Besteigung des provencalischen Mont Ventoux durch den Dichter Petrarca gut vier Jahrhunderte zuvor, da es noch als ein Frevel des Menschen gegenüber Gott angesehen wurde, einen hohen Berg zu besteigen. Auch Petrarca schauderte es vor der Höhe. Selbst 1809, also gut zehn Jahre später, als Kleist auf dem Turm der Dresdner Frauenkirche steht, denkt er an den Gipfel des Brocken mit Beklemmung zurück.
     Drei mit Gewißheit schon bekannte Stationen dieser Reise haben die vier adligen Musikanten schon hinter sich gelassen, doch eine war bislang unbekannt. Ein Eintrag im Besucherbuch weist indes aus, daß Kleist zusammen mit Rühle, Gleißenberg und Schlotheim die Biehlhöhle bei Rübeland besichtigt hat, die als ein Wunder der Natur gilt. Und der Eintrag nennt auch das Datum: 18. Juni 1798. Zudem haben die adligen Gäste sich hier mit ihrem militärischem Rang verewigt und nicht als reisende Musiker. Von Schlotheim, von Gleißenberg und von Kleist als Second Lieutenant, Rühle von Lilienstern als Gefreiter.
Rübeland mit den Nachbarorten Susenberg und Kaltes Tal liegt etwa zwei Tagesmärsche vom Brocken entfernt. Haben sie die Höhle auf dem Rückweg vom Brocken oder schon auf dem Hinweg aufgesucht? Eine Frage, die möglicherweise nie zu beantworten sein wird, solange sich nicht mehr belastbare Dokumente über diese Musik- und Bildungsreise der Offiziere finden. Auf jeden Fall hat Kleist nach der Rückkehr aus der Höhle davon geschrieben, wie er und des Wanderers Seele in der Abgeschiedenheit von der Welt in diesem Tempel der Natur den wahren Frieden gefunden hätten.
     Haben die musikaffinen Wanderer den Rückweg nach Potsdam auf denselben Pfaden wie auf dem Hinweg angetreten? Auch das wissen wir wie so vieles leider nicht.


     Immerhin wissen wir: Die genialisch musikalische Reise hat Heinrich von Kleist verändert. Sie ist eine der inneren Befreiung, deutet schon hin auf die äußere Befreiung. Er weiß nun, er muß sein Leben ändern, und er wird es tun. Und so betreibt er zurück in Potsdam Studien zur Philosophie und zur Mathematik und wird zehn Monate nach der musikalischen Harzreise den Soldatendienst quittieren. Am 4. April 1799. „Nach sieben unwiederbringlich verlorenen Jahren“ schreibt er einen Monat später. Für seinen Freund Rühle von Lilienstern verfaßt er den „Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden und ungestört, auch unter den größte Drangsalen des Lebens ihn zu genießen“. Rühle und Kleist waren zwei gleichgestimmte Seelen. „Rühle verstand mich am besten“ wird Kleist später an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge schreiben, doch noch später enttäuschte dieser ihn, da er nicht dem Soldatendienst entsagte und so seine poetische und musikalische Begabung verschluderte. Rühle war nämlich ein vorzüglicher Fagottspieler, der oft auch Solopartien übernommen hatte, und zudem Gedichte schrieb.
     Doch noch einmal zur Bedeutung der Musik und ihrer Kraft, die auch sie Kleist gab, um sein Leben zu ändern. Kleist spielte weiterhin Flöte und Klarinette, auch als er Potsdam und das Quartett verlassen hatte, um in Frankfurt/Oder zu studieren. Nicht nur mit seiner Schwester Ulrike auf jener schon erwähnten Riesengebirgsreise. Sein Ruf als Musiker hallte nach. So schrieb Clemens Brentano an Achim von Arnim gut zwei Wochen nach Kleists Tod am 10.12.1811, ohne ihn je hat spielen hören: „Kleist war einer der größten Virtuosen auf der Flöte und dem Klarinett.“
     Musik war für Kleist essentiell, vielleicht gar existentiell. In der Garnison war sie Teil einer Gegenwelt, eine Zuflucht, die musikalische Reise eine Flucht. Stets war die Musik ihm von allerhöchster Bedeutung. Wie schon 1798 erwähnt, gebe sie „wichtige Aufschlüsse über die Dichtkunst“. Als er im Mai 1801 in einer katholischen Kirche Dresdens die liturgische Musik hört, nennt er sie groß und „erhebenst“, für die man den Verstand nicht brauche, da sie das Herz „gewaltsam“ bewege. „Nirgends fand ich mich tiefer in meinem Inneren gerührt.“
     Und in einem Brief an seine Cousine Marie von Kleist vom Mai 1811 bezeichnet er die Musik „als Wurzel oder vielmehr als die algebraische Formel aller übrigen Künste“, so also auch der Dichtung. Immer habe er diese auf „Töne bezogen“. Und Kleist schreibt weiter an die Cousine, er denke daran, sich nunmehr mit nichts als Musik zu beschäftigen. Er hörte beim Spazierengehen ganze Konzerte, konnte sie ohne Kapelle wiederholen, so oft er wollte. Und so ist Kleists Dichtung in ihrer hohen Musikalität, so besonders im Schauspiel der „Penthesilea“, Auswirkung der eigenen Musikalität.
     Der Musik als eine Ur-schöpfung setzt er 1810/11 in der Erzählung „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“ ein Denkmal. Sie allein ist in der Lage, die Barbarei zu besiegen. Was leider nicht immer sich bewahrheitet hat.

 
 © Jörg Aufenanger