„Das zarte Ein-Wenig ist so spannend“

Rebecca Horn (1944-2024) im Skulpturenpark Waldfrieden Wuppertal

von Johannes Vesper

Rebecca Horn, Turm der Namenlosen, 1994 (Detail) - Foto © Johannes Vesper
„Das zarte Ein-Wenig ist so spannend“
 
Rebecca Horn (1944-2024)
im Skulpturenpark Waldfrieden Wuppertal
 
Von Johannes Vesper
 
Ihre Kunst zeichnet sich durch Bewegung und Klänge, durch Elektronik, Mechanik, Motoren und Phantasie aus. 1967 arbeitete sie mit Polyesterharz und Glasfasern, inhalierte giftige Dämpfe und erkrankte schwer. Auf der Documenta 1972 war sie schon vertreten, pendelte dann jahrelang zwischen New York und Berlin. Ihr Werk wurde ausgestellt u.a. im Guggenheim- Museum New York, in der Neuen Nationalgalerie Berlin, in der Tate Gallery London, im Centre Pompidou zu Metz, im Museum Wiesbaden, wo sie mit dem Alexej von Jawlensky-Preis der Stadt geehrt worden ist. Rebecca Horn war eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen.
 
Im Skulpturenpark Waldfrieden ist jetzt nach der großen Ausstellung vor zwei Jahren zu ihrem 80. Geburtstag in München eine Retrospektive von dreizehn Arbeiten aus vier Jahrzehnten zu sehen. In allen drei Ausstellungshallen sind auch großformatige wichtige Skulpturen aufgebaut, drei weitere befinden sich in der Villa Herberts. In der oberen Ausstellungshalle ragt der „Turm der Namenlosen“ aus verschachtelten Gartenleitern hoch in die Höhe bis zur Decke des Gebäudes. In den Leitern hängen Geigen, die immer wieder mal, gesteuert von auf Besucher reagierende Bewegungsmelder, mit an kleinen Motoren befestigten Geigenbögen angestrichen werden. Dabei entstehen brüchige, unbeseelte, trockene Töne, die immerhin bestimmte, unsaubere Intervalle bilden: darunter Terz, Quint, Quart u.a. Gestimmt wurden und werden die Geigen anscheinend nicht. Dieser klingende Leiterturm wurde 1994 in Wien ursprünglich als Reaktion auf den Balkankrieg zu ernstem, leisem Zwiegespräch mit Straßenmusik zahlreicher, verzweifelter Flüchtlingen errichte, wie dem auf die Wand des Ausstellungsraumes gedruckten Gedicht der Künstlerin zu entnehmen ist:
 

    Foto © Johannes Vesper

„Shake Rope“, ein mit langem Hanfseil verbundener Holzkasten auf dem Boden, erschreckt nach längeren Pausen durch einen unerwartet lauten Schlag. Das Paar eleganter Damenschuhe auf der Spitze eines gewichtigen, stelenartigen Felsbrockens, droht gelegentlich abzustürzen, wird aber dank kleiner Motoren wieder nach oben befördert. An der weißen Wand drehen sich leicht 12 elegante Brautschuhe mit hohen spitzen Absätzen und werden gelegentlich von oben mit Farbe besprengt: „Preußische Brautmaschine“ heißt diese Installation. Hier verbinden sich Ironie und Surrealismus sinnfrei wie spielerisch miteinander.
 
In der mittleren Ausstellungshalle hängt, aufmerksam beäugt von langsam sich drehenden Feldstechern, ein Konzertflügel umgekehrt unter der Decke. In den Objektiven der „Ferngläser“ spiegelt sich der Wald. Da öffnet sich zum Schrecken des Betrachters plötzlich der Deckel der Flügelklaviatur und die Tasten fallen mit lautem Geräusch ein Stück aus dem Corpus heraus, um langsam wieder zurück gezogen zu werden, ein wahres „concert of anarchy“. Klänge und Musik haben bei Rebecca Horn eine große Bedeutung.
 

Rebecca Horn, Concert for Anarchy 2006 - Foto: Skulpturenpark Waldfrieden 

Das skulpturale Werk der Künstlerin bewegt nicht nur sich selbst, sondern rührt und bewegt auch den Betrachter, was im Titel der Ausstellung anklingt und an die irritierende, erschreckende Mechanik der dichterischen Figuren E.T.A Hoffmanns erinnern mag. Die beweglichen Skulpturen mit ihren Überraschungen zeugen jedenfalls von Humor und Witz. Da manifestiert sich die Erotik der Nashörner im Überschlag blitzenden Lichts, wenn sie sich, montiert auf den Enden großer, sich zu einem Kreis annähernder Metallbögen, sehr nahekommen und küssen („Kuß des Rhinozeros“). Wahrhaft funkelnde Erotik. Andererseits ist der Bezug einiger ikonographischer Titel zum Endpunkt des christlichen Kreuzwegs auffällig (El Calvario / Der Calvarienbaum).
In der Villa gibt es noch kleinere Formate, wie den „Magic Rock“ aus Lava, der sich öffnet und den Blick auf einen Bergkristall freigibt, oder den „Parrot Wings Blue“.
 

Rebecca Horn, Der Kuss des Rhinozeros 1989 - Foto: Skulpturenpark Waldfrieden

Die Ausstellung erfolgt in Zusammenarbeit mit der Moontower Foundation, die von der Künstlerin 2007 gegründet, ihren Nachlaß verwaltet. Ein großer Teil des Nachlasses wird inzwischen vom Museum Wiesbaden verwaltet, welches sich sozusagen als das Heimatmuseum von Rebecca Horn betrachten kann.
Ein Katalog mit Abbildungen, Texten auch Gedichten der Künstlerin soll im Zusammenhang mit dieser Ausstellung entstehen.
 
Rebecca Horn: Emotion in Motion - Skulpturenpark Waldfrieden. 14. März bis 13. August 2026
 
Hinweisen möchten wir noch auf das Rahmenprogramm mit Filmen von Rebecca Horn 
>> Sonntag, 15. März, 19 Uhr: Buster’s Bedroom, USA 1990, 104 Minuten,
Mit: Donald Sutherland, Geraldine Chaplin, Martin Wuttke u.v.a., Sprachen: Deutsch, Englisch u.a << 
sowie Sonderführungen zur Ausstellung – siehe → Programmheft