Frauenpower, schaurig

„The Bride – Es lebe die Braut“ – von Maggie Gyllenhaal

von Renate Wagner
The Bride – Es lebe die Braut
USA 2026

Drehbuch und Regie: Maggie Gyllenhaal
Mt: Jessie Buckley, Christian Bale, Annette Bening, Penélope Cruz, Jake Gyllenhaal u.a.
 
Hatte die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal bei dem zweiten Film, den sie als Regisseurin verantwortet, vielleicht den Frauentag im Sinn? Etwa als den denkbar schrillsten Beitrag zum Feminismus, den man sich vorstellen kann? Der junge Frauen in seiner Exzentrik möglicherweise entzückt (heutzutage wird ja bald etwas zum „Kult“), ältere Semester aber wohl den Kopf darüber schütteln läßt, was aus ihrem Geschlecht geworden ist?
„Frankenstein“ hatten wir gerade, die fabelhafte, aber im Grunde doch konventionelle Version von Guillermo del Toro. Da pflegt man doch weiblicherseits gewissenhaft automatisch aufzuschreien und zu fragen: Frau Frankenstein ist wieder einmal vergessen worden? Selbst als es im Jahr 1932 tatsächlich einen Film mit dem Titel „Frankensteins Braut“ gab, kam diese so gut wie gar nicht vor. Grund genug für Maggie Gyllenhaal, die Dame als unübersehbares, unüberhörbares Monster in die Frankenstein-Horrorfilmgeschichte zu stellen. Mit widersprüchlichem Ergebnis – wenn es auch vermutlich genau das ist, was die Regisseurin unter dem Motto „Ich mache, was ich will, ich mache, was mir gerade einfällt“ auf die Leinwand brachte.
 
Am überzeugendsten ist noch der Beginn. Da begegnet man einerseits der toten oder untoten Mary Shelley selbst, die in einem düsteren Jenseits grimmig vor sich in räsoniert. Sie hat mit ihrem Roman von 1818 nicht genug getan, sie muß den weiblichen Teil der Geschichte noch erzählen. Und parallel erlebt man Ida, eine Art It-Girl, die im Chicago des Jahres 1935 hemmungslos herumtobt und dann im Auftrag eines Mafia-Bosses einfach ermordet wird.
Dann erst tritt der männliche Held auf. Wenn er sich „I am Frank“ nennt, hat das Geschöpf offenbar einen Teil des Namens seines Schöpfers Frankenstein angenommen. Er ist ja kein echter Mensch, sondern aus Leichenteilen zusammengesetzt, also kann er ohne weiteres 117 Jahre alt sein, als er im damaligen Chicago eine berühmte, wenn auch möglicherweise verrückte Wissenschaftlerin aufsucht. Denn diese Dr. Euphronious glaubt ans Weiterleben, und nachdem ihr Frank so glaubhaft versichert, er sei schrecklich einsam, will sie ihm helfen. Gemeinsam graben sie Idas Leiche aus und erwecken sie mit irgendwelchen Apparaturen zum Leben. Dabei wird ihre rechte Gesichtshälfte verstümmelt, ein großer Blutfleck zieht sich über ihre Wange, aber das stört weder Frank noch Ida. Anderes, das bevorsteht, ist häßlicher und schauriger.
Bis daher ist der Film sogar einigermaßen logisch, eine Eigenschaft, die er im Lauf des Geschehens völlig verliert. Was hier geschieht und warum, bleibt oft im Dunkeln, solange Ida toben kann und auch ihre Geschlechtsgenossinnen zur Revolution aufruft. Da sie sich nie normal verhalten kann, also auch mit einem Revolver herumfuchtelt und dabei so nebenbei Polizisten erschießt, müssen sie und Frank flüchtend zu einem Road Movie aufbrechen, das am Ende nicht gut ausgeht. Immerhin fassen sich ihre zuckenden Leichen noch bei den Händen – auch wenn es nicht so ausgesehen hat, es war wohl doch eine Art Liebesgeschichte.
Erzählt von einer Regisseurin, die viel Sinn für die Optik hat, ohne bei ihrem gelungenen Dreißiger Jahre Setting denselben Fehler zu begehen wie Regie-Kollegin Emerald Fennell in „Wuthering Heights“, der es mehr um wehende Schleier und Prunkkostüme ging als um die Geschichte. Man erlebt schon dies und jenes mit Frank und seiner Braut, einen Riesenball zum Beispiel oder die Flucht durch die USA, und da sind noch eine Polizistin und ein Agent, die ihnen überall hin folgen.
 
Essentiell ist, daß Maggie Gyllenhaal ihr Werk durchgehend zu einem „Erkennen Sie den Film?“-Ratespiel gemacht hat, wobei die Ähnlichkeit etwa zu der von Emma Stone gespielten Heldin in „Poor Things“ ebenso evident ist wie die „Bonnie & Clyde“-Fluchtstory. Je gebildeter der Filmfan, umso mehr wird er erkennen – aber wer das Spiel nicht mitmachen will, wird sich im verwirrenden Chaos der Handlung verfangen und immer wieder fragen, wie das zu dem kommt und was das Ganze eigentlich soll.
 
Man hat Jessie Buckley zuletzt in dem Shakespeare-Biopic „Hamnet“ als Inbegriff stiller, leidender Weiblichkeit erlebt. Der Unterschied zur unaufhörlichen Hektik der Braut könnte nicht größer sein – ein Selbstsuche-Trip, der im Leben geradewegs in die Psychiatrie führen würde, aber im Kino darf man ja alles.
Nicht so romantisch schön wie Frankensteins Geschöpf bei Guillermo del Toro ist Christian Bale in dieser Rolle, dem Gesicht merkt man an, wie „zusammen gestückelt“ dieses Geschöpf ist, aber Bale ist ein großer Schauspieler, er bringt auch Trauer in ein Geschehen mit, das die Regisseurin im übrigen reichlich mit schwarzem und auch frechem Humor bestückt hat.
Etwa in der Figur der Wissenschaftlerin, die Annette Bening unter wirrem Grauhaar und herrlich durchgeknalltem Blick unter der runden Brille verkörpert. Auch Penelope Cruz, von der man lange nicht weiß, wer sie ist und was sie soll, macht aus ihrer mysteriösen Polizistin ein kleines Kabinettstück. Ihr zur Seite Peter Sarsgaard, nebenbei der Gatte der Regisseurin. Und weil man nicht von Nepotismus sprechen kann, wenn es sich um so gute Schauspieler handelt wie Jake Gyllenhaal, darf  Maggies Bruder, gelackt und geschniegelt, auch noch auftauchen, in einer leider zu kurzen Rolle.
 
Der Film wirkt mit seinen zwei Stunden durchaus lang, wenn man nüchternen Gemüts ist und gerne nachvollziehbare Handlung sieht. Aber als vergnügliches Chaos, das man nicht überschätzen muß, kann diese „Braut“ schon durchgehen.