„Ring- und Freiheitsmythen - Siegfried - Störenfried“
Ausstellung in Xanten zum 150jährigen Jubiläum von Wagners „Ring des Nibelungen“
Im Siegfried-Museum Xanten ist seit Sonntag und noch bis zum 7. Juni eine Ausstellung zu sehen, die anläßlich des 150. Jahrestages der Uraufführung von Richard Wagners Oper „Ring des Nibelungen“ stattfindet. Diese Uraufführung hatte vom 13. bis zum 17. August 1876 im Bayreuth stattgefunden, dauerte ohne Pause rund 16 Stunden und wurde an vier aufeinanderfolgenden Abenden im eigens dafür gebauten Festspielhaus gegeben.
Die Ausstellung in Xanten präsentiert das Nibelungenlied als ein moralisches Lehrstück und Siegfried von Xanten als einen charismatischen Freiheitsbringer. „So hat man die Nibelungen noch nie gesehen!“, versicherte das Museum am Rande der Xantener Altstadt vor der Eröffnung der Schau. Wagners „Ring des Nibelungen“ als opulenter Opernzyklus in drei Teilen mit Vorabend war nach Angaben der Ausstellungsmacher „ein Meilenstein der Nibelungen-Rezeption und maßgeblich für die bis heute anhaltende Popularität des Sagenstoffes“ verantwortlich. „Dabei steht der Ort der Uraufführung, Bayreuth, gleichzeitig für Dekadenz und enge freundschaftliche sowie familiäre Verflechtungen des Wagnerclans mit völkischen Ideologen und Nationalsozialisten“, hieß es weiter in der Ankündigung der Ausstellung. „Verbunden im Geiste des Antisemitismus entstand ein Ort des Heldenkults und kitschiger Germanentümelei. Dieser unsägliche Pakt belastet die Nibelungenrezeption bis in die Gegenwart wie der Götterfluch das Rheingold“, so die Kuratoren der Schau.
„Doch bevor der Drachentöter zum protogermanischen Helden stilisiert wurde, wollte Wagner ursprünglich in der Person Siegfrieds aus alten Sagen und Mythen einen eigenen zeitlosen Mythos erschaffen, einen ganzen Menschen, der sich frei und wahrhaftig bewegen läßt“, hieß es weiter. Das Revolutionsjahr 1848 war zugleich die Geburtsstunde des „Rings“. „Die ersten Entwürfe drehten sich alle um den „Erlöser“ Siegfried, bis das Werk nach 28 Jahren zum Opus Magnum anschwoll. Zeitgleich, im Februar 1848, erschien das Manifest der kommunistischen Partei aus der Feder von Karl Marx und Friedrich Engels“, so das Museum.
Schon viel früher wandelte Engels auf den Spuren Siegfrieds und rief nach einem Besuch Xanten zum „Wallfahrtsort der deutschen Jugend“ aus, „die den Drachen der reaktionären Kräfte erschlagen soll“. Und Georg Herwegh, Aktivist und Revolutionär der ersten Stunde, verglich das freie Wort – wahrscheinlich nicht nur wegen des eingängigen Reimes – mit dem Nibelungenhort. Zur Reichsgründung 1871 schwor er „siegestrunken“ auf Bismarcks = Siegfrieds Schatz der Nibelungen als Hort von Einheit, Recht und Freiheit ein. Noch in der Weimarer Republik erlegten sozialdemokratische Drachentöter auf ihren Wahlplakaten konservative Drachen – ganz im Geiste von Engels. Die politische Indienstnahme des mittelalterlichen Nibelungenliedes setzte unmittelbar nach dessen Wiederentdeckung in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein, indem es trotz einiger Bedenken sehr schnell zum „Deutschen Nationalepos befördert“ wurde. Spätestens seit den Befreiungskriegen überwiegt die patriotische Verklärung. Von nun an trägt der giftige Drache das Antlitz Napoleons und Siegfried im Naturburschenlook struppiges Fell. Der rote Siegfried und Wagners „einziger freier Mensch“ rücken in den Hintergrund.
Obwohl beide Rezeptionsstränge zuerst nebeneinander verlaufen, wirkt die vaterländisch-germanenfreundliche Variante viel stärker nach. Die Ausstellung in Xanten nimmt die Perspektive der vernachlässigten revolutionären Deutungsmuster ein und fragt, welches Siegfried-Konzept letztendlich überzeugt und ob der Freiheitsanspruch wirklich für alle galt. Das Nibelungenlied wurde von der Unesco im Jahr 2009 zum Weltkulturerbe erklärt. Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 17 Uhr, jeden 2. Mittwoch im Monat von 10 bis 21 Uhr geöffnet.
Siegfried-Museum - Kurfürstenstr. 9 - 46509 Xanten - Tel.: 02801 – 772200 www.siegfriedmuseum-xanten.de
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