Aus dem wirklichen Leben
Mittwoch oder Donnerstag?
Das wollte ich Ihnen noch schnell erzählen, ich wette, sowas kennen Sie auch: Vorigen Mittwoch, da ist mir ein Ding passiert. Unfaßbar. Ich war kurz mal eben rüber zu Erkan, um leere Flaschen zurückzugeben, da ging ich nee, Moment. Nein, es war am Donnerstag, Entschuldigung. Wir hatten gerade gefrühstückt, Inge war zum Markt, genau, wegen Donnerstag, da ist immer Markt. Soviel ich weiß.
Ich ging also rüber in den Laden mit meinen 4 Plastiktüten, es fing an zu regnen, und ich dachte noch: Ein Glück, daß wir gegenüber ein Lebensmittelgeschäft haben, und Halt! Stop, muß doch Mittwoch gewesen sein, Entschuldigung, wegen Lotto! Ich hatte ja auch ‘nen Lottoschein dabei, wegen Mittwochslotto, natürlich, und geregnet hat es ja erst am Donnerstag, Mittwoch war schönes Wetter, genau!
Da hat Erkan auch die ganzen Kisten draußen auf dem Bürgersteig, mit Obst und Gemüse, jetzt weiß ich‘s wieder: Die hatten gerade so’n Sonderangebot mit frisch gepreßten Säften, die standen da prall in der Sonne; ist’n Bioladen, genau. Da wird alles frisch gepreßt.
Und ich geh also da rein, um die leeren Flaschen wegzubringen, und Moment, jetzt komm’ ich langsam durcheinander. Wegen der Flaschen! Es muß doch Donnerstag gewesen sein. Wir hatten nämlich am Mittwochabend Besuch, Junge Junge! Zwei Flaschen Sekt, drei Weiße, vier Rote, und dann Grappa. Und das Problem bei Grappa ist ja: Man merkt sich nie, wieviel vorher in der Flasche war. Und hinterher kann man sich eh nix mehr merken.
Doch, jetzt bin ich mir sicher: Es war am Donnerstag. Und das Lotto war bestimmt Samstagslotto, genau! Das hab ich früher abgegeben, weil wir Freitags so früh wegfuhren, zum Weinwochenende an die Obermosel. Und ich komm gerade rein, steht da der Tobi, der war auch am Abend vorher bei uns, mit Svenja; der hatte immer noch zuviel Blut im Alkohol. Deutlich! Und ich sag Moment, nee! Das kann nicht sein.
Der Tobi war am Mittwochabend ja gar nicht dabei, sondern der Manni! Die Svenja ist ja jetzt mit Manni zusammen; also, das verstehe wer will. Die Sonja ist sehr nett, aber der Manni, der säuft ja in letzter Zeit wie’n Loch. Der kriegt nix mehr auf die Reihe. Und das Schlimme ist: Man merkt es! Schade, schade. So ein intelligenter Typ und hoch gebildet, aber das hilft ja selten weiter.
Ich komm’ also in den Laden rein, steht da der Manni, hält sich so am Regal fest und sagt: Stop! Wissen Sie, was ich langsam glaube? Das muß doch der Tobi gewesen sein: Der lispelt nämlich so schön. Dann war das vielleicht gar nicht die Svenja, die bei uns war? Egal, steht da also der Tobi, nimmt sich ‘ne Flasche aus meinen Tüten, guckt aufs Etikett und ruft lallend zwischen die Gemüsekisten: „Das ist ja Betrug! Da sind ja nur 13% von dem Volumen drin!“
Laut in den Raum! Ich hab mich weggerollt vor Lachen. „13% von dem Volumen“! Wahnsinn, obwohl das eigentlich nee! Halt, Kommando zurück. Das waren gar nicht 13 Prozent. Das waren 43! Wissen Sie was? Das muß der Grappa gewesen sein! Ja, hab ich den denn ganz alleine leergetrunken? Da muß ich gleich mal nachgucken. Ich erzähl’s Ihnen dann nächsten Mittwoch. Nee, Donnerstag!
Wendelin Haverkamp: „Mittwoch oder Donnerstag“. Høsterkøb 2004. War gedacht für das Programm „Denken ist Glücksache“, wurde aber nie aufgeführt, weil ich mir den Text nicht merken konnte.
aus: WZP 44 - Die Westzipfel-Postille hart an der Grenze – Ausgabe Ende Februar 2026 © Wendelin Haverkamp
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