Father Mother Sister Brother
USA 2025 Drehbuch und Regie: Jim Jarmusch
Mit: Tom Waits, Adam Driver, Charlotte Rampling, Cate Blanchett u.a. Dysfunktionale Familien sind ein Lieblingsthema der Literatur, des Theaters, des Films. Meist geht es dabei laut zu, Streitereien, Anklagen, wütend ausgespuckte Seelenschmerzen. Möglicherweise hat „Father Mother Sister Brother“ von Jim Jarmusch deshalb so großes Interesse gefunden, weil er mit seinen drei „Familienszenen“ nach innen gegangen ist. Es gibt auch Probleme, die man nicht ausspricht – und die umso schmerzlicher sein können. Grundsätzlich aber gehen die drei Teile des Films das Thema von verschiedenen Seiten an.
Die Episoden spielen an verschiedenen Orten (ländliches Amerika, Dublin, Paris), und der Regisseur bindet sie nur durch ein paar geringe formale Elemente – daß die Menschen im Auto sitzen, um zu ihrem Bestimmungsort zu kommen, daß ihnen jungen Leute auf ihren Rollerblades begegnen etwa oder eine Fake-Rolex auftaucht. Aber mit formalen Kunststückchen gibt sich der Regisseur nur ab, wenn er in stillen Bildern „Besinnlichkeit“ erzeugen will.
Im übrigen sind die Episoden total verschieden – das absolute Unbehagen, das bei den Besuchen beim Vater bzw. bei der Mutter herrscht, wiederholt sich nicht, wenn „Sister“ und „Brother“ gemeinsam sich mit der Erinnerung an die toten Eltern konfrontieren.
Der „Vater“ ist der herrliche, alte Tom Waits, der allein in seiner verwahrlosten Hütte haust und offenbar nur in Ruhe gelassen werden will. Hat man schon beobachtet, wie unbehaglich sich der ältere Sohn (Adam Driver) und die androgyne Tochter (Mayim Bialik) bei der Fahrt zu dem alten Mann fühlen, so verwundert es nicht, wie peinlich das Treffen ausfällt, wie mühsam es ist, überhaupt Gesprächsstoff zu finden, und wie froh alle Beteiligten sind, wenn der Pflichtbesuch beendet werden kann. Man hat sich einfach nichts zu sagen. Familie kann man sich bekanntlich nicht aussuchen… aber man wird sie auch nicht los.
Etwas griffiger, boshafter und damit heiterer wird der zweite Teil. Da besuchen Timothea (eine unter Brille und Frisur so erstarrte Figur, daß man Cate Blanchett darunter kaum erkennt) und Lilith (eine zur Blondine aufgehübschte Vicky Krieps) ihre Mutter, und man braucht nur in das süffisante Gesicht von Charlotte Rampling zu blicken, um zu wissen, daß diese Mutter für die Töchter der reine Terror ist. Aber einmal im Jahr muß der Pflichtbesuch absolviert werden, da werden auch so viele Süßigkeiten aufgetischt, daß man rein vom Anblick einen Zuckerschock bekommt. Daß der Versuch der Töchter, der Mutter auch nur ein Quentchen Anerkennung abzuringen, krachend scheitert, (auch hier stolpert man über den Versuch sprachlicher Kommunikation) versteht sich. Hier bewährt sich die Erkenntnis von Karl Kraus: „Das Wort ‚Familienbande‘ hat einen Beigeschmack von Wahrheit.“ Die Bosheit, mit der Charlotte Rampling das beweist, ist ein anbetungswürdiges Stück Schauspielkunst.
Da ist der dritte Teil noch vergleichsweise harmonisch. Indya Moore und Luka Sabbat sind ein unglaublich schönes, dunkelhäutiges Geschwisterpaar, das man in der Karibik verorten würde, die aber offenbar in Frankreich leben. Ihre Eltern sind bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen, nun gilt es, deren Pariser Wohnung zu räumen. Sie fahren hin, die Erinnerungen kommen hoch, hier ist nichts Negatives zu spüren, im Gegenteil, als die Geschwister eng umschlungen in das Finale des Films schreiten, hat man das Gefühl, daß sie einander immer Schutz und Hilfe bedeuten werden… fast ein bißchen sentimental nach der tragischen ersten und der bitterscharfen zweiten Episode.
Bei den vorjährigen Filmfestspielen von Venedig trug „Father Mother Sister Brother“ den „Goldenen Löwen“ davon, und man fragt sich da doch, ob da nicht das Prestige des Regisseurs und das Gewicht der hochrangigen Besetzung nicht zu einer leichten Überschätzung des Gebotenen geführt haben. Es ist ziemlich evident, wie letztlich vordergründig Jarmusch die „Hintergründigkeit“ zelebriert hat, in der Langsamkeit, in der Satire des von oben gefilmten Süßigkeiten-Tisches, in der obligaten Tristesse, die in übrig gebliebenen Dingen von Toten wohnt. Dergleichen hat man zu oft gesehen, um diesen Film als übertrieben besonders zu erachten. Wer aber wegen großer Schauspieler ins Kino geht, wird hier allerdings ausreichend bedient.
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