Drei autobiographisch erzählte Porträts
aus dem 20. Jahrhundert
Die Autorin Barbara Honigmann, geboren 1949, gehört zur Generation derjenigen, deren Eltern unter Stalin Gulag, Zuchthaus, Psychiatrie, in Russland und unter Hitler Konzentrationslager in Frankreich überstanden haben. In drei kurzen Erzählungen berichtet sie über ihre mütterliche Freundin Mischka in der Sowjetunion, über Max und Yvette, die sie zufällig in Straßburg auf dem Markt getroffen hat und über Peter, Thomas, Klaus und Wolfgang, alle Ihrer eigenen Generation angehörig.
Mischka, 1905 in Riga geboren, stammte aus großbürgerlichem Elternhaus, engagierte sich als junge Frau in der kommunistischen Partei, wurde 1936 verhaftet, hat 10 Jahre im sibirischen Arbeitslager verbracht, zwanzig Jahre lang von ihrem Mann nichts gehört und nichts gewußt. In den 70ern hat Barbara Honigmann, die damals noch in Ostberlin/DDR lebte, im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeiten über den vielleicht bedeutendsten russischen Theaterregisseur Wsewolod Meyerhold, Mischka in Moskau kennen und lieben gelernt. In Mischkas Küche, bei kleinen Festen, in Gesprächen und persönlichen Begegnungen mit Freundinnen und Freunden erfuhr die Autorin, was es für jüdische Intellektuelle bedeutet hat, unter den Säuberungen Stalins zu leben, als man direkt von der Front ins Straflager deportiert wurde wie Solschenyzins „Denissowitsch“, während Mischkas jüdische Eltern in Riga von Nazideutschen gequält und ermordet wurden. Sehr anrührend und bewegend wird Mischkas Leben in Sibirien erzählt, welches sich der Nachkriegs-Durchschittswestdeutsche kaum vorstellen kann. Dabei betrifft dieses Zeitzeugnis mittelbar die Stalinzeit und unmittelbar auch die 70er Jahre, als Barbara auch Künstler auf ihren Datschen in der Umgebung Moskaus besuchte, immer wieder in den Moskauer Theatern die Dramen der Weltliteratur von Brecht bis Shakespeare erlebte und andererseits in die russische Geographie nur in Verbindung mit Gulag, Zuchthaus und Psychiatrie mitbekam. Der historische Sowjetsozialismus, scheint danach im wesentlichen „Heuchelei und Grausamkeit hervorgebracht und zu unendlichen Verbrechen geführt“ zu haben.
Max und Yvette haben als Kinder und Jugendliche die deutsche Besatzung Frankreichs miterlebt. In Straßburg waren Yvettes Eltern nach dem 1. Weltkrieg auf dem Weg von Polen über Berlin, Prag oder Wien, an sich nach Amerika, hängen geblieben. In den 80ern – da lebte Barbara Honigmann schon in Straßburg – hat sie das Paar kennengelernt und dort anderes, lebendiges jüdisches Leben erfahren als in Berlin, da sich in Frankreich sephardische Juden aus dem Maghreb mit den aschkenasischen, aus Mittel- und Osteuropa vertriebenen gemischt haben. Wie Max und Yvette zwischen Nazis, kollaborierenden Franzosen und Résistance überlebt und ihre Traditionen (z. B. „gefillte Fisch“ zum Schabbat original wie ehemals in Galizien) gerettet haben, wird einfühlsam beschrieben. Diese jüdische Mahlzeit hat übrigens die moderne Architektur beeinflußt, wurde der aus Galizien stammende Frank Gehry doch durch die Wellen des in der Badewanne in Todesangst kämpfenden Karpfen zu seinen bewegten Entwürfen angeregt.
Schließlich geht es im kurzen 3. Kapitel um die 2. Generation, also um die nach dem Krieg geborenen Kinder um Peter, Thomas Klaus und Wolfgang, deren Eltern Konzentrationslager überlebt, aus der Emigration zurückgekehrt sind oder in Deutschland gestrandet in ihre Heimatländer zurückkehren sollten. Da gab es Rückkehrer aus der Sowjetunion und auch aus westlichen Ländern, die die Autorin Kulturjuden nennt. Für sie gab es in Westdeutschland Auffanglager der Alliierten (Displaced Persons Camps). Hier wird u. a. an Thomas Brasch erinnert. Auch dieser individuellen Schicksale, bedingt durch die Katastrophe der Familien in Nazi-Deutschland und den überfallenen Gebieten, nimmt sich die Autorin emphatisch an.
Zusammenfassend mahnt dieser kurze, bewegende wie aufrüttelnde Text an die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die sich nach ihrem Ende noch Generationen übergreifend ausprägen. Quasi als Zeitzeugin gelingt der Autorin eine intensive Authentizität der Darstellung.
Barbara Honigmann – „Mischka“
© 2026 Hanser Verlag, 112 Seiten, gebunden, 1. Auflage - ISBN 978-3-446-28225-4,
22,- €
Weitere Informationen : https://www.hanser-literaturverlage.de/
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