Salz in die Wunden
… sonst merkts keiner
Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung.
Aber nicht auf eigene Fakten.
Vor fast fünf Jahren ist Martin Perscheid, der unkorrekteste, sexistischste, blasphemischste, extrem männer- und frauenfeindliche und damit einer der besten deutschen Cartoonisten aller Zeit gestorben. Die Musenblätter haben mit seinem Tod einen ihrer kostbarsten Mitarbeiter und Freund verloren, die Welt einen humorvollen Kritiker sämtlicher politischer und gesellschaftlicher Mißstände. Ein gewaltiges satirisches Werk in vielen herrlichen Bänden, u.a. im Lappan Verlag erschienen, hat er hinterlassen, urkomisch, treffgenau und gerne auch mal echt bösartig, gegen den Strich und wider den sogenannten guten Geschmack und gerade deshalb beliebt bis auf den heutigen Tag. Unter seinen Publikationen befindet sich ein bisher von uns glatt übersehener Band aus dem Alibri Verlag, der ihn uns näher bringt als andere, enthält er doch Perscheids Antworten auf Kernfragen seines Denkens und Fühlens: „Zur Plage der Nation“. Eva Creutz hat Martin 2019 dazu ausgefragt und das Buch zusammengestellt, Jacques Tilly schrieb ein feines Vorwort, in dem er den sich immer stärker auf- und ins öffentliche Bild drängenden „moralinsauren Gesinnungsterror“, die „absurden Exzesse einer linksliberalen puritanischen Correctness“ brandmarkt, gegen die Martin Perscheid mit klarer Sicht auf die Realitäten genial angezeichnet hat.
Gegen beseelte Bürger geht es in diesem schmalen, wenngleich gewichtigen Band, über informierte Bürger darf, nein soll gelacht werden, besorgte Bürger werden auf die Schippe genommen, unbesorgte Bürger müssen sich dem Spott des Cartoonisten stellen und im Kapitel „Freie Fahrt für Freie Bürger“ gibt es eine Breitseite gegen den Riesen-Auto-Irrsinn. Ich kenne keinen Menschen – außer Humorlose, SUV-Fahrer und ihre weiblichen Pendants, Priester und fanatische Evangelikale, Imame und durchgedrehte Moslem, Neonazis und andere Schwule, Impfgegner, Verschwörungsgläubige, Aluhütchen-Träger, Reichsbürger und weitere Hysteriker, Leugner des Klimawandels und der Evelotution, Handy-Nutzer, Intelligente Technik und, und, und …- der Perscheids Botschaften nicht mag. Man könnte die Reihe übrigens fortsetzen. Sagen wir es kurz: Es geht gegen die Dummheit schlechthin.
Mit den mehr als 80 farbigen (mal abgesehen von den genialen schwarz/weiß-Cartoons auf dem Einband) richtet Martin Perscheid bitterernste Appelle an den Verstand oder das, was heute nach der Berieselung durch Tiktok, Instagram, Hizb ut-Tahrir, Youtube, AfD, Telegram, Donald Trump, Russia Today, Automobilreklame, Pierre Vogel und Abul Baraa in den Köpfen der Leser noch übrig geblieben ist. Auch hier ließe sich die Reihe der Hirnrissigen nahezu endlos weiterführen. Und was machen die Leute? Sie lachen darüber! Und das ist gut so. Es braucht Menschen, es braucht Satiriker wie Martin Perscheid und Dieter Nuhr, die so lange Salz in die Wunden reiben, bis sich jemand entschließt wirklich etwas zu ändern. Aber dürfen wir das hoffen? Martin Perscheid hätte weise lächelnd mit den Schultern gezuckt.
Martin Perscheid – „Zur Plage der Nation“
Mit einem Vorwort von Jacques Tilly
Hrsg. von Eva Creutz © 2019 Alibri Verlag, 122 Seiten, gebunden, farbig - ISBN 978-3-86569-307-5 18,- €
Weitere Informationen: www.alibri.de
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