Die große japanische Kunst der kleinen Form

Johannes Balve – „Schwebungen“

von Frank Becker
Die große japanische Kunst 
der kleinen Form
 
Haiku und Tanka von Johannes Balve
 
Pappeln flüstern gern
wenn sie im Winde spielen
der Tag ist noch jung
 
Viele fühlen sich berufen, nur wenige sind es, die große vornehme Kunst der japanischen Haiku- und Tanka-Dichtung mit der so gänzlich anders „gebauten“ 
deutschen Sprache zu zelebrieren. Etliche gelungene Beispiele konnten wir in den Musenblättern schon vorstellen. Hinzu kommt nun der schmale Band „Schwebungen“ des japanophilen Literaturwissenschaftlers und Philosophen Johannes Balve.
Es geht in Johannes Balves gefühlvollen Dichtungen nicht darum, sich mit den Großen Matsuo Bashō, Yosa Buson oder Kobayashi Issa zu messen, sondern darum, ihr Erbe weiterzuführen und zu erneuern. Auch René Böll wetteifert nicht mit alten Meistern der japanischen Schrift- und Tuschekunst, er nimmt ihre Kunst wie Balve die der überlieferten alten Dichtung als Inspiration, wie beide auch den fernöstlichen Traditionen von Zen und Dao folgen, denn nur bei Beachtung des Hergebrachten können sie sich denen angemessen nähern.
 
Dichten heißt schneiden
mit scharfen Diamanten
Stanzen wir Muster
mit einem goldenen Schnitt
ohne Anfang und Ende
 
Über Versform und Silbenzählung der Gedichte wollen wir hier nicht reden (die erklärt die Einführung), denn nicht die Theorie sondern Aussage und ästhetischer Wert von Johannes Balves Dichtungen sollen im Mittelpunkt dieser Betrachtung stehen. Hingegen sind Reinhard Knodts Essay über zwei Haiku eines alten Meisters und Johannes Balves Essay über zwei Tanka und die Geschichte dieser Dichtung höchst lesenswert. Der schmale Band vereint nicht nur wie schon oft gesehen Text und Illustration - der an einer Beijinger Universität lehrende deutsche Künstler René Böll hat zu dreizehn Gedichten erlesene Tuschezeichnungen beigetragen - Balve fügt eine dritte Komponente hinzu: Musik. Möglich wird das durch das kleine technische Wunder dreier QR-Barcodes, eingefügt auf den Seiten gegenüber zweier Haiku und einem Tanka, die abgerufen mit dem Smartphon den Zugang zu jeweils einem von dem Jazz-Pianisten Oliver Leue komponierten und zart eingespielten Stück öffnen. Das korrespondiert mit dem entsprechenden Text, so wie die Zeichnungen mit den ihnen zugeordneten. Da treffen sich 17. und 21. Jahrhundert, Tradition und Moderne. Der jeweilige Text wird zuvor gelesen – allerdings muß ich hier einschränkend anmerken, daß man eine weit bessere, angemessene Sprecher-Auswahl hätte treffen können, zu emotionslos müde klingt der Vorleser.
 
Der Junikäfer
im wirren Liebestaumel
prallt gegen mein Bein
 
Purer Genuß ist jedoch das eigene Lesen des zauberhaften Buches, dessen delikate Texte philosophische Tiefe, vergnügliche Momentaufnahmen und seelenvolle, traumhafte Beobachtungen in ihrer zierlichen Form transportieren. Nur wenige Beispiele konnte ich für diese Präsentation aussuchen, die Auswahl aus diesem dichterischen Schatz fiel redlich schwer. 
„Schwebungen“ kann jedem Liebhaber, jeder Freundin fernöstlicher Dichtung mit unserem Prädikat, dem Musenkuß, sehr empfohlen werden.
 
Die Eintagsfliege
gefangen im Zeitkristall
träumt sich unsterblich
 
Johannes Balve – „Schwebungen“
Haiku- und Tanka-Dichtungen
Mit Tuschezeichnungen von René Böll und einem Essay von Reinhard Knodt
Musik von Oliver Leute
 
© 2025 PalmArtPress, 82 Seiten, gebunden, Fadenheftung, 12,5 x 21 cm, Lesebändchen - ISBN: 978-3-96258-231-9
22,- €
 
Weitere Informationen: www.palmartpress.com  -  www.johannesbalve.de  -  www.oliverleue.de