Mit Engagement nicht nur für Kinder

„Renate“ von Martin Nguyen

von Renate Wagner

Renate
Österreich 2026

Regie: Martin Nguyen
Dokumentation
 
Man muß gar nicht besonders alt sein, um die Kinderbücher von Renate Welsh (und jene der Nöstlinger, der Mira Lobe, der Käthe Recheis – die Österreicherinnen sind in diesem Genre begabt) gelesen zu haben. Renate Welsh, Jahrgang 1937, also auf ihren „Neunziger“ zusteuernd, ist nun die Heldin eines Dokumentationsfilms von Martin Nguyen.
Dabei hat die aktuelle „Rahmenhandlung“, welche die alte Frau in der Gegenwart zeigt, einen durchaus tragischen Aspekt. Denn man erlebt sie bei der Reha nach einem Schlaganfall, der sie längere Zeit der Sprache beraubte – und Sprache war für sie das Wichtigste, war ihr Handwerk seit der Jugend. Schon in der Schule schätzten die Schulkollegen ihre Fähigkeit, „Geschichten“ zu erzählen – ein Junge „verkaufte“ sie sogar, ließ sich die Lektüre dessen, was Renate schrieb, von den anderen bezahlen… ist das nun ein Exempel für Geschäftssinn oder für kriminelle Disposition gewesen? Das wird nicht beantwortet.
 
Die alte Renate Welsh, wieder der Sprache mächtig, erzählt von sich selbst, und Regisseur Martin Nguyen konnte noch mehrere Interviews aus verschiedenen Zeiten hervorholen, die sich zu einem Original-Ton-Lebensbild zusammen fügen, zumal Renate Welsh so lebendig wie humorvoll über sich selbst spricht.
Warum Renate Welsh (und die Nöstlinger-Kollegin) so bekannt wurde, lag an ihrem politischen Bewußtsein. Wenn die Welsh die Bewohner eines Hauses schilderte, waren auch Ausländer dabei (weil sie immer etwas „gegen Faschismus“ tun wollte), wenn sie in ihrem berühmten Roman „Johanna“ ein Frauenschicksal erzählte, wich sie den Schmerzen und Schwierigkeiten, die eine uneheliche Geburt seinerzeit bedeutete, nicht aus.
Sie hat sich auch nie hinter ihren Büchern versteckt, sondern immer den Kontakt gesucht – nicht nur mit ihren kleinen Lesern (die besonders ihr „Vamperl“, einen kleinen Vampir der anderen Art, liebten), sondern auch mit Außenseitern der Gesellschaft, denen sie mit Literatur Lebenshilfe gab, etwa mit einer Schreibwerkstatt für Obdachlose. In einer mitgefilmten Szene sieht man sie, schon als alte Frau, unter anderen alten Frauen, die unter ihrer Anleitung besonders schwere Ereignisse ihres Lebens schreibend aufarbeiteten – angewandte Psychotherapie sozusagen.
 
Renate Welsh, Arzttochter aus Wien, verbrachte nach dem frühen Tod ihrer Mutter die letzten Kriegsjahre in Aussee und lernte dort am eigenen Leib, wie schwer man es als Außenseiterin (die noch dazu „anders“ spricht) in einer solchen Situation hatte (Mobbing ist keine neue Erfindung, es hieß damals nur noch nicht so). Später zweimal verheiratet und Mutter von drei Söhnen, hat sie sich von der selbst gewählten Rolle der Schriftstellerin (mit dem Schwerpunkt von Kinderbüchern, die auch Erwachsene lesen können) nie abhalten lassen. Gut 90 Werke zeugen von ihrem Fleiß und ihrer nie erlahmenden Erfindungskraft, immer getragen von gesellschaftlichem Engagement.
 
Wenn der Film auch durch die höchst lebendige Mitwirkung der Autorin über Jahrzehnte keineswegs trocken ausgefallen ist, setzt er natürlich besonderes Interesse voraus. Denn als „Frauenschicksal“ wird hier nichts Dramatisches geboten, die Einsichten sind gewissermaßen vorhersehbar. Aber die vielen Leser und Leserinnen, die Renate Welsh im Lauf der Jahrzehnte gewonnen hat. werden sich wahrscheinlich für ihr Leben interessieren.