Wuppertaler Meinung
Überflußgefahr
Von Lothar Leuschen
Der 6. Februar 2006 hat Wuppertal verändert. Es war der Tag, an dem 21 Bürgerinnen und Bürger um Carsten Gerhardt die Wuppertalbewegung gegründet haben. Es war der Tag, ab dem es kein Zurück mehr geben sollte in der Umsetzung des vielleicht wichtigsten Projektes in den vergangenen 50 Jahren in dieser Stadt. Mit dem 6. Februar, mit der Gründung, wurde gewiß, daß sich dereinst jeden Tag Tausende von Wuppertalerinnen und Wuppertalern über die Nordbahntrasse würden bewegen können. Wuppertalbewegung – logischer könnte ein Vereinsname kaum sein. Mit den mehr als 20 Kilometern Fuß-, Freizeit- und Fahrradweg haben Gerhardt und die heute 2000 Wuppertalbeweger den Beweis dafür erbracht, daß scheinbar Unmögliches möglich ist, wenn das Rezept stimmt. Dessen Zutaten waren und sind im Fall der Nordbahntrasse Willen, Einsatzfreude und Beharrlichkeit. Denn selbstverständlich war es nicht, daß aus einer bestechenden Idee ein überzeugendes Projekt wurde und aus dem Projekt eine im wahrsten Sinne bahnbrechende Attraktion. Heute ist der Dr. Werner-Jackstädt-Weg aus dem Verkehrskonzept Wuppertals und gleichzeitig aus dem Freizeitangebot dieser Stadt nicht mehr wegzudenken. Die Trasse hat Wuppertal verändert. Neue Wegebeziehungen, neue Wohngebiete, neue Angebote für Sport, zusätzliche Aufenthaltsqualität und ein Entwicklungspotenzial, das noch längst nicht ausgeschöpft ist. Um diese Nordbahntrasse wird Wuppertal von vielen anderen Städten beneidet.
Auch deshalb verdient die Durchsetzungskraft Respekt, mit der Carsten Gerhardt alle Widerstände überwunden hat, die ihm vor allem aus dem Wuppertaler Rathaus entgegenschlugen. Sein Plan löste dort zunächst keine Begeisterung aus. So mancher einflußreiche Stadtverwalter war nicht begeistert von der Idee, daß sich nun die Bürgerschaft aktiv um Stadtentwicklung kümmern will. Es ist deshalb kein Wunder, daß der Wuppertalbewegung in der Anfangsphase ihres Schaffens Knüppel zwischen die Beine geworfen worden sind. Und es dauerte einige Zeit, bis auch im Rathaus erkannt wurde, welche Chance die Umgestaltung der stillgelegten Rheinischen Eisenbahnstrecke bot.
Heute herrscht mehr Miteinander zwischen Stadt und Verein. Besser geht es zwar immer, aber die Zeiten sind längst vorbei, in denen die Wuppertalbewegung aus dem Rathaus argwöhnisch beäugt wurde. Den letzten, den wichtigsten Schritt sind Rat und Verwaltung Wuppertals aber noch nicht gegangen. Denn wie die vollständig privat finanzierte Junior Uni, die im Rathaus auch um Anerkennung und Unterstützung kämpfen mußte, ist die Nordbahntrasse ein leuchtendes Beispiel dafür, was ehrenamtliches Engagement in einer Stadt möglich machen kann, die nicht auf Rosen gebettet ist. Angesichts eines bevorstehenden Haushaltssicherungskonzeptes und damit verbundenen Einsparungen ist es angezeigter denn je, Geld und Muskelkraft in der Bürgerschaft zu akquirieren, um möglich zu machen, was ohne Hilfe von Wuppertalerinnen und Wuppertalern nicht mehr möglich ist. Dazu ist es in Verwaltung und Rat notwendig, Gespür für die Wünsche und Einsatzbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger zu entwickeln. Wie weit vor allem die großen Fraktionen im Stadtrat, SPD und CDU, davon entfernt sind, haben zuletzt einmal mehr das unwürdige Schauspiel um die Entfernung des Kulturdezernenten und die öffentlichen Reaktionen darauf gezeigt. Wer so agiert, wer auf diese Weise Vertrauen verspielt, wem Rache und läppischer Machtgewinn offenbar wichtiger sind als die Entwicklung Wuppertals im Sinne seiner Einwohnerinnen und Einwohner, der konterkariert, was die Wuppertalbewegung bewegt hat. Und auf die Dauer macht er sich überflüssig.
Der Kommentar erschien am 7. Februar in der Westdeutschen Zeitung.
Übernahme des Textes mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
Redaktion: Frank Becker
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