François Villon - Das Große Testament (4)

Neu übertragen

von Ernst Stankovski
François Villon
Das Große Testament

Übertragen von Ernst Stankovski



Ballade
über das Gleiche in altfranzösischer Sprache
 
Sogar der Papst auf seinem Throne,
der dort im Namen Gottes spricht,
die Kaiser- und die Königskrone,
die Feme und das Hochgericht,
selbst am Altar das ew'ge Licht,
durch das das Öl der Zeiten rinnt ­–
sie allesamt bestehen nicht...
verwehen, so wie Spreu im Wind.
 
Nicht Reichtum, Ruhm und Künstlerschaft,
an der so mancher Mensch zerbricht,
nicht Heldenmut und Manneskraft,
das Glück, das Leid, die Weisheit nicht.
Denn alles, was da wirkt am Licht,
der Knecht, der Herr, die Frau, das Kind,
sie allesamt bestehen nicht...
verwehen, so wie Spreu im Wind.
 
Der Gaukler, der sein Leben spielt,
der Mörder, der sein Heil zerbricht,
ja selbst der Satan, der wie wild
um dessen arme Seele ficht ­
wie Finsternis und wie das Licht
dem Lauf der Zeit verhaftet sind ­–
sie allesamt bestehen nicht...
verwehen, so wie Spreu im Wind.
 
Envoi
Und ob ihr Dasein gleißt im Licht
oder in trüber Gosse rinnt,
sie allesamt bestehen nicht...
verwehen, so wie Spreu im Wind.


...und Gedanken über die Flüchtigkeit des Erfolges:

42  Ob Kaiser, König, Papst, am Ende / ist, was sie mit viel Macht erzwungen,
zerstört gefall'n in fremde Hände, / ihr Werk wie dünnes Glas zersprungen.
Mein Werk sind Worte nur, gesungen, / wie's ziemt dem Habenichts aus Rennes.
Doch hätten sie Bestand errungen, / würd' ich befriedigt von hier geh'n.
 
43  Es dauert nichts auf dieser Welt. / Auch was du dir verdient erworben,
was Gutes man von dir erzählt, / ist oftmals vor dir schon gestorben.
Der Ruhm ist gar zu leicht verdorben, / der Lorbeer und die Dichterkron'.
Wofür du einstmals warst umworben, / dafür jagt man dich heut' davon.
 
44  Dem Spötter, den sie alle priesen, / des Lieder einstens jeder sang,
den sie beim Wein hoch leben ließen, / sie hielten ihm die Treu' nicht lang.
Heut bettelt er um Dirnendank / mit aufgeblähtem leeren Magen.
Und wäre ihm davor nicht bang / ­er ging sich selber an den Kragen.
 
45  Als er noch jung war, obenauf, / da konnten sie genug nicht gaffen;
Doch sehr bald gaben sie es auf, / man applaudiert nicht alten Affen.
Sie hießen ihn, doch mehr zu schaffen, / schwieg er, verbittert von den Dingen.
Und sang er, hieß es: »Seht den Laffen, / er singt schon wieder - laßt ihn singen«.
 
46  Genauso geht's den alten Weibern, / die jammernd an der Ecke steh'n,
wenn junge, mit noch drallen Leibern / geputzt, geschnürt, zum Tanze geh'n.
»Gott sag', warum läßt Du's gescheh'n, / oh sprich, daß unser Glück verdorrt?«
Doch Gott schweigt klug. Er müßt' sonst seh'n: / Das Weib hat doch das letzte Wort.



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Wer den Original-Ton hören möchte, kann das mit der CD zum Programm: www.kip-media.de
Informationen über Werk und Wirken Ernst Stankovskis unter: www.ernst-stankovski.com und www.musenblaetter.de

Lesen Sie am kommenden Mittwoch weiter:
"Das Große Testament" des François Villon.
Redaktion: Frank Becker