Die Zeichen waren da

Dirk Meyer - „Leben in der Westrussischen Republik“

von Frank Becker
Die Zeichen waren da
 
Ein erschreckendes „Was wäre wenn“
 
(Ich widme diese Rezension meinem Freund M.)

„Dieses Buch richtet sich gegen Diktatur, Desinformation
und Menschenverachtung – gleich welcher Couleur. Es
erhebt sich nicht moralisch über andere, sondern lädt ein,
genauer hinzusehen.“
(Dirk Meyer)
 
Die Lektüre dieses fiktiven Tagebuchs, beginnend am 1.10.2026 macht den Leser, also mich mit Shakespeares Zitat aus „Romeo und Julia“ schaudern: „I have a faint cold fear thrills through my veins, / That almost freezes up the heat of life“, denn genau so entsetzlich stelle ich mir in schlimmen Träumen die Situation in einem von Rußland überfallenen Deutschland vor. Blaupausen dafür liefern die sowjetische Aushungerung der Ukraine durch Stalin, der Holodomor“ vor 100 Jahren und aktuell die Ereignisse in den im russischen Angriffskrieg seit 2022 besetzten ukrainischen Ostgebieten.
Mit seinem Erstlingswerk „Leben in der Westrussischen Republik“ legt Dirk Meyer das fiktive Tagebuch eines Mannes vor, der nach dem im wesentlichen widerstandslosen Einmarsch russischer Truppen von der Ostsee her Notizen darüber macht, wie sich das Leben im einstigen Deutschland unter Putin gestaltet. Eine Dystopie. Einschüchterung, Drohung,  Lüge, Fehlinformation und unmittelbare Gewalt gegen Bürger werden zum Alltag. Russisch wird Amtssprache, Bücher verschwinden und werden durch russische ersetzt, Kinder dürfen in der Schule nicht deutsch sprechen. Ein neuer Stalinismus.
 
Bei der Trennung der Familie wird Elias Frankes Frau Anna erschossen, als sie ihre drei Kinder nicht hergeben will. Die Kinder werden weggebracht und nach einer ersten Umerziehung russischen Familien übergeben. Elias selbst bleibt allein zurück und beginnt wie die meisten zu verstummen. Viele Menschen verschwinden einfach. Oder bringen sich um. Essen, Wasser und Energie werden knapp, die Strafen bei Nichtanpassung drakonisch. So werden Kabarettisten, Journalisten und Kritiker wegen antirussischer Hetze zu hohen Haftstrafen von 15-18 Jahren verurteilt. Ein Rechtsaußen-Politiker, hier heißt er Bernd Hocke, der sich früher dem russischen Präsidenten angedient hatte, wird als Faschist zum Tode verurteilt und öffentlich gehängt. Junge Männer werden zwangsrekrutiert und gezwungen an der Front gegen die Ukraine zu kämpfen. Auch hier gibt die Ostukraine aktuell wieder die Blaupause her. Elias beginnt, gegen das Schweigen und Vergessen Notizen zu machen.
 
Bald fallen auch die von deutschen Flüchtlingen überforderten Benelux-Staaten unter dem als Friedenmission buchstabierten russischen Einmarsch. Europa zerbricht, die Gesamtwirtschaft kommt zum Erliegen. Da ist es für Frankreich und Großbritannien bereits zu spät, mit den eigenen Atomwaffen zu drohen. Ein Fluchtversuch über die verminte und scharf bewachte Westgrenze mißlingt Elias durch Verrat. Er überlebt Folter und Haft, hat jedoch de facto keine Überlebens-Chance, weil ihm die Arbeit entzogen und die ohnehin knappen Essenszuteilungen streng gekürzt werden.
Der innere Monolog Elias´ ist auch eine Abrechnung mit der Weltpolitik, die wie 1938 die Augen vor einem skrupellosen Diktator verschließt, der eine ebenso reißende Bestie ist wie der damalige. Dirk Meyer zitiert u.a. den russischen General Waleri Gerassimow und den russischen Philosophen Alexander Dugin, die die destruktive Vorgehensweise der russischen Propaganda und gezielten Falschinformation, den hybriden Krieg als Vorbereitung des kriegerischen Angriffs klipp und klar erklärt haben.
 
Der Verlag schreibt: „Leben in der Westrussischen Republik ist kein Heldenepos, sondern die Chronik eines gewöhnlichen Mannes, der versucht, im Strudel der Geschichte Mensch zu bleiben. Es ist ein stilles, aber eindringliches Dokument – ein Roman, der sich liest wie ein authentisches Fundstück, zugleich Zeitzeugnis und Warnung, wie zerbrechlich Freiheit ist – und ein literarisches Friedensprojekt, das zum Innehalten anregt.“
 
„Wir hatten die Chance, Wahrheit besser
zu erkennen. Aber wir haben sie nicht
genutzt. Und jetzt sind wir hier.“
(Elias)
 
Dirk Meyer - „Leben in der Westrussischen Republik“
Ein Tagebuch
© 2026 Europa Verlag, 176 Seiten, gebunden - ISBN 978-3-95890-678-5
18,00 € (D) / 18,50 € (A)
 
 
Weitere Informationen: https://www.europa-verlag.com