Wer dort wohnt, „gehört dazu“
… oder möchte das wenigstens
Die vornehme, vom Charme ihrer eleganten Villen des Fin de Siécle bestimmte Kastanienallee in einer Stadt, die vermutlich jene ist, in der Sie wohnen, vielleicht aber ist es auch meine, wird durch die Feder von Louise K. zum Mikrokosmos einer „besseren“, nichtsdestoweniger wenig moralischen Gesellschaft. Wer dort wohnt, „gehört dazu“ oder möchte das wenigstens. Eine Adresse in der Kastanienallee verschafft, bzw. verspricht Renommee. Man lebt dort entweder schon lange und „ist“ wer oder man versucht durch Zuzug den begehrten gesellschaftlichen Anschluß zu finden.
Daß hinter den gepflegten Mauern der Villen und den geschnitzten Wohnungstüren nicht immer das zu finden ist was man als vornehm erachtet, daß der Dalles an diverse Türen klopft und Lüge, Betrug, Ehebruch, Unterschlagung, Diebstahl, Erbschleicherei und Intrige zum Tagesgeschäft gehören, ist der Stoff aus dem dieser allerhöchst unterhaltsame Roman maßgeschneidert wurde.
Wir lernen u.a. einen Anwalt in prekären finanziellen Nöten kennen, einen dem Suff verfallenen Psychiater, der am Abgrund wandelt, einen Playboy, der auf Kosten seiner Frau, der Erbin einer Marmeladen-Dynastie lebt, einen reichen Erben mit kindlichem Gemüt und einen perfiden Trafikanten, der Frau und Tochter haßt, vice versa gehaßt wird und auf dem Absprung ist, sowie eine arbeitslose Historikerin mit plötzlichen Perspektiven. Eine über dem Klüngel stehende Besonderheit ist ein gebildeter Altwarenhändler, ein Proust-Vererhrer mit gutem Geschmack und gewöhnungbedürftigem Erscheinungsbild.
Und da ist noch etwas, was die meisten der herrlich gezeichneten Figuren des Romans verbindet, im Einzelfall gar in einem Bilanz-Geheimnis ehern zusammenschweißt: der Tennisclub TC Leopoldshof, in dem als Mitglied aufgenommen zu werden einem Ritterschlag gleicht. Wer da nicht Mitglied im klassischen Weiß ist, dem nützt auch eine Adresse in der Kastanienallee nichts.
Es beginnt ein Spiel, in dem die Autorin zunächst nach und nach bildreich die dramatis personae einführt, die jeweiligen Fäden zwischen ihnen spinnt, die durchaus kriminellen Verwicklungen, Pläne und Gedanken aufzeichnet und uns Leser hautnah an den kommenden Ereignissen teilnehmen läßt. Man entwickelt Sympathien ebenso wie schroffe Ablehnung, lernt man doch die intimsten Überlegungen der Personen des „Stücks“ kennen. Da ist eine Menge Shakespeare drin. Und man fiebert da mit, wo es sich immer gefährlicher zuspitzt, und hofft darauf, daß es so ausgehen möge (oder so ähnlich) wie es ausgeht. Ein wohlhabendes Ehepaar in den besten Jahren beobachtet und ahnt vieles und kommentiert die menschlichen Makel in der Nachbarschaft mit nachsichtigem Humor. Währenddessen nehmen einige Frauen in der Geschichte ihr bis dato fremdbestimmtes Schicksal energisch selbst in die Hand.
Man hört, daß die pseudonyme Autorin bereis über einem zweiten Kastanienallee-Roman brütet – einige „Cliffhanger“ hat sie ja durchaus hinterlassen -, und man wünscht ihr und als Leser sich selbst, dieser möge so gut werden wie der erste. Da muß sie sich mächtig ins Zeug legen, denn Sprache, Konstrukt, Bilder und böser Humor dürfen auf keinen Fall schwächer sein.
Fazit: Beste Unterhaltung – von den Musenblättern empfohlen.
Louise K. – „Kastanienallee“
© 2025 Kremayr & Scheriau, 262 Seiten, gebunden, Fadenheftung, Lesebändchen - ISBN-13: 9783218014816
25,- €
Weitere Informationen: https://www.kremayr-scheriau.at/
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