Nachtlokal
Morgenstern und sein Freund Ringel -
wohin gehen diese Schlingel?
In ein schwarzes Nachtlokal,
kolossal und epochal,
sehr verrucht und kellertief,
Tabakdunst und Rauschgiftmief.
Hier verkehrt, was kreativ,
ferner, was vom Laster schief
und von Tücke krummgezogen,
sowie Plebs und Demagogen.
Dieser Wirt wiegt ungelogen
sieben Zentner und noch mehr,
und die Theke steht im Bogen,
und kein Glas ist jemals leer!
Kellner sind zwei junge Neger,
schwarz vom Scheitel zu den Zehen.
Zwar man kann nicht alles sehen,
sonst wär' der Verkehr noch reger.
An der Bar hockt Lola Montez,
träge nun und ziemlich schwer.
Früher sagte man: »Die konnt' es.«
Doch das ist schon lange her.
Tänzerin ist die Binette,
nackt mit einem roten Schal.
Diesen trägt sie auch im Bette,
freilich nur das erste Mal.
Philipp heißt der Boy, der tanzt.
Manche nennen ihn nur Fips.
Ist sein Hemd auch ausgefranst,
er trägt Slip und langen Schlips.
Schwule lieben seine Beine!
Sie sind schlank und weiß wie Gips.
Lächelnd nimmt er große Scheine,
steckt sie in den Schlitz des Slips.
Ja, das Jüngelchen hat Grips.
Manchmal kommen zwei Athleten
oder auch der Feuerschlucker
oder der mit den Trompeten
und der Händler mit dem Zucker.
Sonntags hört man wohl Kantaten,
und es spricht ein Ex-Kaplan.
Immer singen drei Kastraten
und ein Chor der Eisenbahn.
Mancher kommt hier schnell in Rage
Wodka, Whisky und Absinth
trinkt man schon vor der Massage.
Und verborgen tief im Spind
hat der Wirt auch Calvados.
Der legt Leidenschaften bloß!
Stundenlang kann man erzählen
über das Lokal »Le Noir«.
Spannend ist's in allen Sälen,
und man fragt: »Wer ist der Star?«
Sucht Ihr etwa Informanten?
Nun, die nenne ich Euch gern:
die seit langem wohlbekannten
Ringelnatz und Morgenstern.
Joachim Klinger
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