Eine Geschichte über Liebe und Stärke

Halim Youssef – „Liebe im Schatten der dunklen Flaggen“

von Michael Zeller
Eine Geschichte über Liebe und Stärke
 
Der Roman „Liebe im Schatten der dunklen Flaggen“ des kurdischen Autors Halim Youssef ist Ende 2025 auf Deutsch erschienen, gleichzeitig mit seiner dritten Auflage in der Türkei, wo er 2019 zum ersten Mal aufgelegt wurde. Seit mehreren Jahren lebt Halim Youssef in Wuppertal (ab 2000 in Deutschland) und arbeitet hier hauptberuflich als beeidigter Übersetzer.

     Bereits sechs Romane hat der Autor mittlerweile verfaßt, und alle sind sie stark von seinen persönlichen Erfahrungen geprägt. Besonders in der jetzigen deutschen Neuerscheinung spielt dabei seine kurdische Nationalität eine dominierende Rolle.
Halim Youssef erzählt in dem für uns neuen Buch von dem militärischen Überfall des sogenannten Islamischen Staates auf die Stadt Kobane im Jahr 2014. Kobane ist eine überwiegend von Kurden bewohnte Stadt im Nordosten Syriens, nahe der türkischen Grenze, im Gouvernement Aleppo (dort hatte Youssef an der Universität Jura studiert). Den fanatischen Islamisten gelten die Kurden als Ungläubige, und deshalb zogen sie damals deren geballten religiösen Haß auf sich, der sich unter ihren schwarzen Fahnen austobte (die „dunklen Flaggen“ des Romantitels). Ihr Wüten war von unüberbietbarer Grausamkeit. „Die bewaffneten Terror-Truppen des IS vermehrten sich Stunde um Stunde. Menschen wurden enthauptet und ihr Blut vor Kameras vergossen, die die Bilder in der ganzen Welt verbreiteten. Hunderttausende flohen aus zerstörten Häusern über die Grenze hinweg.“
     Diese Kriegsgreuel von 2014 in Kobane läßt der Romancier von drei Figuren erzählen. Da ist Rodi, 24 Jahre alt, von Beruf Schneider, und seine jüngere Schwester Cihan. Sie ist Lehrerin für Kurdisch an der Schule. Der dritte Erzähler ist ein Walnußbaum, der im Hof eines Hauses steht und als weitaus Ältester natürlich auch die längsten Erfahrungen hat.

     Eine innere Dynamik gewinnt die Romanhandlung durch die Liebe von Rodi und Perwin, die sich in diesen Tagen des Kriegsterrors anbahnt und entwickelt. „Manchmal befürchtete ich“, sagt Rodi, „daß diese Liebe, die mein Herz berührte, nichts wirklich Gutes mit sich brachte. Mitten im Krieg würden niemals Blumen blühen, also würde auch unsere Liebe scheitern.“ Zumal als Perwin, die Geliebte, sich entschließt, wie viele ihrer Generationsgenossinnen, eine Waffe tragen zu wollen. Immer steht das Kriegsgeschehen zwischen den beiden. Beim Telefonieren „hatten sich zwischen uns die Geräusche von Panzern und Artillerie, von Autos voller Bomben und Sprengkörpern, von Sterbenden und dem Abfeuern von Kugeln bedrohlich aufgebaut.“
Es sei hier nicht alles der Handlung vorweggenommen. Nur so viel: Der Blutzoll, den die einheimische Zivilbevölkerung von Kobane und natürich auch die Familie von Rodi und Cihan zu zahlen haben, ist immens. Ganze Großfamilien – von den Großeltern bis zum Säugling – werden von den internationalen Todesschwadronen unter der schwarzen Fahne der einzig gültigen Religion niedergemetzelt. Doch nach vier Monaten des Mordens sind die religiösen Fanatiker des IS mit ihrem Versuch, die „Ungläubigen“ von Kobane auszurotten, gescheitert und können vertrieben werden.
     Damit findet Halim Youssefs Roman wenigstens ein teilweise versöhnliches Ende. Dieser Krieg um Kobane im Jahr 2014 hat bis heute mehr als eine symbolische Wirkung behalten. Für die Kurden, denen es gelang, in ihrer Stadt zu überleben ebenso wie für den IS: Mit der Niederlage vor Kobane zeichnete sich auch das Ende dieses religiös aufgeladenenen Terrorismus ab. Doch wie brüchig die politische Lage in dem sich neu ordnenden Land Syrien nach wie vor ist, wird einem gerade in diesen Tagen des Jahresanfangs 2026 ein weiteres Mal schmerzlich bewußt.

     Daß der Roman „Liebe im Schatten der dunklen Flaggen“ jetzt bereits zum dritten Mal aufgelegt wurde, mag deutlich machen, wie wichtig das Buch für die kurdischen Landsleute Halim Youssefs ist. Im Dezember 2025 wurde er sogar zu Lesungen nach Kobane eingeladen und konnte dabei auch die deutsche Übersetzung seines Buches übergeben.
 

Foto: privat

Bei dieser Veranstaltung in Syrien ist dieses Foto entstanden: Es zeigt den Autor zwischen Berivan und Adnan, zwei der zehn Geschwister von Rodi, aus dessen Sicht der Roman teilweise erzählt ist. Im Hintergrund steht auf dem Regal das Bild von Rodi und Perwin an ihrem Hochzeitstag. In dem Lächeln dieser Menschen verbirgt sich sehr viel Leid.
Wir als deutsche Leser, die das menschlich so vertrackte Geschehen in Syrien, von dem kein Ende abzusehen ist, weit vom Schuß mitverfolgen, dürfen dem kurdischen Autor Halim Youssef und dem Bremer Sujet Verlag dankbar sein, daß sie uns eine Innensicht der dortigen Verhältnisse zeigen.
 
Halim Youssef – „Liebe im Schatten der dunklen Flaggen“
Roman, aus dem Kurdischen übersetzt von Elisabeth Ruetz
© 2025 Sujet Verlag Bremen, 236 Seiten, Broschur – ISBN: 9783962021511
19,80 €
 
Weitere Informationen: https://sujetverlag.de/