In der Pflanzenwelt

von Ernst Peter Fischer

Ernst Peter Fischer
In der Pflanzenwelt
 
Bevor man Pflanzen ißt, kann man sie bewundern oder sich über sie wundern. Wenn man eines sicher über Pflanzen zu wissen meint, dann dies, daß sie über kein Gehirn verfügen. Haben sie aber auch keinen Geist?
     Wer einen Garten pflegt, wird die Antwort verstehen, daß Pflanzen Geist ohne Gehirn repräsentieren. Denn es ist ihnen gelungen, die Menschen dazu zu bewegen, ihnen eigene Territorien einzuräumen, sich um ihr Wohlergehen zu kümmern und viel Geld für sie zu bezahlen, um sie etwa in Form frischer Blumensträuße in wassergefüllten Vasen auf Wohnzimmertischen zu genießen und sich überhaupt an ihrem Dasein zu erfreuen. Was können Pflanzen mehr wollen als eine derart bevorzugte Behandlung, selbst wenn sie zuletzt im Biomüll landen. Aber dann sind sie ja schon verwelkt und abgestorben. Es gibt demnach Geist ohne Gehirn, was mit der Überlegung zusammenpaßt, daß es Augen nur gibt, weil es Licht gibt, und Flossen und Füße nur, weil es Wasser und einen Boden gibt. Das Gehirn gibt es nur, weil es Geist gibt, und beide sollen im Folgenden helfen, ein paar Fragen über pflanzliches Leben zu stellen.
     Eben war von Schnittblumen in Vasen die Rede, und vielleicht hat sich jemand schon einmal gefragt, ob sie in dieser Lage weiterwachsen. Pflanzen gewinnen ihre Nährstoffe aus dem Boden. Sie legen dabei Vorräte an, von denen sie noch als Tischdekoration weiterleben können. In den Stengeln halten sie Vitalstoffe bereit; einige Pflanzen wachsen selbst dann noch, wenn diese Reserven verbraucht sind. Sie bilden jetzt keine neuen Zellen mehr, strecken dafür aber die alten in die Länge.
     Rosen beherrschen diese Kunst der Verlängerung nicht, was sie biologisch eher uninteressant erscheint läßt. Doch läßt sich bei der «Königin der Blumen» die Frage stellen, ob Rosen tatsächlich Dornen haben. «Keine Rose ohne Dornen», weiß der Volksmund, und er wird auch dabei bleiben, selbst wenn ihm Fachleute erklären, daß die Dornen der Rosen in der botanischen Wirklichkeit Stacheln sind. Der Unterschied besteht darin, daß ein Dorn im Inneren einer Pflanze entsteht, während sich ein Stachel aus Zellen an der Oberfläche zusammensetzt und nicht tiefer ins Gewebe eindringt. Die Rose will ja keinen Kavalier stechen, sondern sich vor Freßfeinden schützen, und dazu reichen die Stacheln allemal.
     Zu den alten Rätseln der Wissenschaft gehört die Frage, ob Pflanzen Schmerzen empfinden und vielleicht auch Freude fühlen können. Übereinstimmung herrscht bei der Ansicht, daß Pflanzen nicht nur unbeweglich an ihrem Platz verharren und in Richtung Himmel wachsen, sondern daß sie auch registrieren, was um sie herum passiert. Sie können sowohl mit elektrischen Reizen als auch mit biochemischen Signalen umgehen und somit auf eingehende Informationen reagieren. In einigen Arten konnte man Hormone nachweisen, die den Botenstoffen ähneln, die bei Menschen für eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit sorgen. Die Pflanzen tragen viele Geheimnisse mit sich herum. Vermutlich locken sie deshalb neugierige Menschen an. In letzter Zeit hat die Wissenschaft darauf aufmerksam gemacht, daß das biologische Geschehen im Wald sogar ein «verwobenes Leben» erkennen läßt, zu dem nicht zuletzt die oftmals unbeachteten Pilze beitragen. Sie können nicht nur beeinflussen, wie Menschen fühlen, sie bauen auch Schadstoffe ab und wirken auf das Verhalten von Tieren ein. Pilze verfügen über eine eigene Intelligenz, ohne dazu ein Gehirn zu gebrauchen. Sie haben viele Netzwerke errichtet, und es läßt sich unschwer vorhersagen, daß sie dem forschenden Menschen noch manche überraschende Einsicht bereiten werden.
     Allerdings darf man bei aller Liebe zum pflanzlichen Leben mit und ohne Pilze nicht übersehen, daß die grünen Mitbewohner der Erde die Menschen auch ziemlich ärgern können - etwa wenn sie als Brennnesseln Spaziergängern oder spielenden Kindern, die sie unabsichtlich berührt haben, juckende Hautrötungen mit Quaddeln verschaffen. Dafür ist ein chemischer Stoff namens Ameisensäure verantwortlich. Das Molekül schützt die Pflanze im Normalfall gegen Fressfeinde, aktiviert im menschlichen Körper aber einige Schmerzrezeptoren.
     Während die Brennnessel trotz des ausgelösten Brennens traditionell als Heilpflanze angesehen und eingesetzt wird, gibt es auch Pflanzen, die dem Gegenteil dienen. Wir beschränken uns hier auf den Gefleckten Schierling, der im vorchristlichen Athen in zerstampfter Form bei Hinrichtungen gereicht wurde. Schließlich mußte der berühmte Sokrates einen Schierlingsbecher trinken - warum eigentlich? Der in dem Gift enthaltende Wirkstoff stellt chemisch gesehen ein Alkaloid mit dem Namen Coniin dar, das Platz auf Nervenzellen findet und dabei deren Funktionsweise beeinträchtigt. Mit dem Gift im Körper breiten sich von den Füßen her Lähmungserscheinungen aus, die über das Rückenmark in das Atemzentrum gelangen. Das läßt den Vergifteten ersticken. Man kann angenehmer sterben. Um dem Verurteilten einen schmerzlosen Tod zu verschaffen, wurde dem Schierlingsbecher schon in antiken Tagen ein Mohnextrakt hinzugefügt.
     Übrigens: Die Frage, warum der Gefleckte Schierling dieses bekannte Gift produziert, kennt nur die allgemeine Antwort, daß seine natürlichen Freßfeinde nach und nach ihre Lektion lernen werden und die Pflanze daher in Ruhe wachsen und gedeihen lassen - außer es kommen Menschen mit Tötungsabsichten, die sie dann ernten, pulverisieren und ihre Produkte verabreichen.
 
 
aus: „Warum funkeln die Sterne?“
Die Wunder der Welt wissenschaftlich erklärt
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Veröffentlichung in den Musenblättern mit freundlicher Erlaubnis des Autors.