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Lob des Trainingsanzugs
Trainingsanzug Trainingsanzug
trag ich manchmal ganz verwirrt
Trainingsanzug Trainingsanzug
hab mich wohl im Schrank geirrt
Zwischen Nacktsein und modischen Anspruch steht der Trainingsanzug. Er lenkt nicht ab und unterstützt unsere Bereitschaft fürs Nützliche. Die Gefahr daß man in einem Trainingsanzug auffällt, ist unwahrscheinlich. Ohne Schwierigkeiten darf man in einem Trainingsanzug nur ein Fachgeschäft für Sportbedarf betreten. Man ist sonst immer unpassend gekleidet. Er ist ein Einsatzanzug, ein Bereitschaftsanzug, ein Schutzanzug. In einem Trainingsanzug stellt man nach einer Veranstaltung die Stühle zurück ins Kabüffchen, baut mit dem Musiker das Vibraphon ab und hindert die Fans daran die Bühne zu stürmen. In einem Trainingsanzug laufen wir dem Taschendieb nach und bringen der alten Frau nicht ihre Handtasche zurück, sondern laufen selbst damit weg. In ihm kann man um Fünf Uhr morgens Zeitungen rumtragen und nachmittags um Dreie bei einem Umzug mithelfen. Wie beiläufig er unsere stressanfälligen Körperteile betont. Er unterstreicht unsere Problemzonen und läßt unsere Angriffsflächen leuchten. Da sieht man gleich woran man noch zu arbeiten hat. Alles andere kann man aussitzen. Man könnte in einem Trainingsanzug ein Buch lesen, aber warum sollte man das machen? Es tut gut, uns mal in einem Trainingsanzug zu sehen. Da will man gleich die Unsportlichen umarmen, die Ungelenken stützen und den Unansehnlichen Anziehtips geben. Warum wird nicht mit einem Sport getrieben, warum muß man sich alles selbst erarbeiten? Warum reicht der Aufenthalt im Leben nicht aus um zu Kräften zu kommen. Warum ist das Aufstehen jeden Morgen nicht Körperertüchtigung genug und mein Gehen zum Biertrinken Leistung genug für die man sich belohnen muß. Wenn ich in einem Trainingsanzug Sport treibe, schreckt das viele ab. Mir „steht es nicht“ Sport zu treiben, dafür bin ich sehr gut in Pausen machen. Wenn ich als Sumoringer auf der Matte stehe und Sumo-Bewegungen mache, dann weiß man gar nicht, daß das Sumoringen sein soll. Habe ich jetzt auch einem Sumoringer gesagt „Wenn sie Sumo ringen, ist das in Ordnung, aber bei mir fehlt das Sumoringerhafte.“ Wenn Gott einen Trainingsanzug tragen würde, hätten wir ihn noch lieber. „Zu Hause trage ich lieber bequeme Sachen“, sagt er, „aber ich bin so selten da.“ Als bei Adidas eingebrochen wurde, schickte Gott drei Streifen. Manche Menschen, die einen Trainingsanzug tragen sehen nicht sportlich aus, sondern arm. Als Gott die Menschen aus dem Paradies schmiß, trugen sie einen Trainingsanzug. Alles war noch auf der Suche, die Weltlage offen.
Trainingsanzug Trainingsanzug
trägt man als Quartett zu viert
Trainingsanzug Trainingsanzug
trägt auch der, der sie trainiert
Trainingsanzug Trainingsanzug
mit dir bin ich eng liiert
Trainingsanzug Trainingsanzug
bist zur zweiten Haut mutiert
Trainingsanzug Trainingsanzug
tragen Schafe und der Hirt
Trainingsanzug Trainingsanzug
trägt die Mücke die rumschwirrt
© Erwin Grosche
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