Ein Totentanz

"Café Umberto" - Szenen von Moritz Rinke - Eine Inszenierung von Torsten Pitoll für die Wuppertaler Bühnen

von Frank Becker

Ein Totentanz
 

Moritz Rinkes zeitkritische Szenen „Café Umberto“ legen in der Wuppertaler Inszenierung von Thorsten Pitoll den Finger in die Wunde.
 
„Sie sind die Nr. 1“ – die Stimme vom Chip hat im Wartebereich des Arbeitsamtes einen weiteren Menschen ersetzt. Wie ein Stigma tragen die Arbeitslosen, die ihre Zeit dort im Café Umberto verbringen, die Nummer, welche sie aus dem Automaten gezogen haben, an ihrer Kleidung. Als sich der eiserne Vorhang hebt, wird das Publikum für Momente Teil des Geschehens, Regisseur Torsten Pitoll lässt das Licht im Saal an und die Zuschauer sich im Spiegel-Labyrinth der Bühne (Ausstattung Tilo Steffens) mit sitzen und warten sehen.
Wartezeit wird verlorene Zeit – und verlorenes Leben. Während Amtsleiterin Herzberg (grotesk: Ingeborg Wolff) im Automatisierungswahn gefangen ist: „Ich hab´s geschafft! Modernisierter geht´s nicht!“, quasi fleißig an dem Ast sägt, auf dem sie als letzte noch sitzt, zerbrechen um sie herum die überqualifizierten Arbeitslosen am Nichtstun oder an den würdelosen Tätigkeiten, die ihnen von der Automatenstimme aufgezwungen werden.
Musiker Jaro (Frederik Leberle) wird ein Konzert bei Rechtsradikalen vermittelt, seine anschließenden Blessuren sind nicht nur körperlich. Jule (Maresa Lühle) entwirft des Kaisers neue Kleider und wird trotz Jaros Zuneigung ihrer Todessehnsucht folgen. Das Leben von Lukas
(bestechend: Andreas Möckel), den auch Kettenhemd und Visier nicht mehr schützen, gerinnt zu einer tragikomischen Dia-Serie und der eklatant seines Wertes

Ramstein - Barth
beraubte Soziologie-Dozent Anton (hervorragend: Andreas Ramstein) zieht die einzig logische Konsequenz, indem er, zum Streckenposten an Bahngleis mit dem Plakat „Heute keine Vorlesung“ den Tod im Zusammenprall mit dem ICE sucht.
Moritz Rinke antwortet auf den Zynismus der „modernen“ Arbeitswelt und –vermittlung mit bitteren Wahrheiten. „Das geschieht alles nur, um uns die Würde zu nehmen“, hat Volker Anding wohl mal in Anlehnung an Friedrich Theodor Vischers „Auch einer“ gesagt, und genau so ist Rinkes Stück als Spiegel der Wirklichkeit aufzufassen. Unübersehbar sind dabei die kabarettistischen Ansätze und Überhöhungen, die in der bissigen Tradition der vor 50 Jahren gegründeten „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ stehen. Eine Valentinade, ein Kabinettstück leisen Humors liefert Thomas Birnstiel als Arbeit suchender Bauer August Kück.
Dass letztlich Tod und seelische Verwüstung die Folgen des herzlosen Umgangs mit Menschen sind, die ohne Schuld in das Niemandsland von Hartz IV gelangt sind - „Wir wollen keinen Strohhalm!“ - ist von bedrückender Logik. Wenn Freund Hein zur Musik von Stefan Leibold eine geisterhafte Polonaise durch die „Agentur für Arbeit“ (schon wieder so ein Zynismus) anführt, sind die fatalen Weichen des Totentanzes gestellt. Leibolds Musik begleitet geisterhaft Schlüsselmomente, während Pitoll eine Transparenz von Zeit und Raum schafft, in der sich die Figuren verlieren.
Umberto serviert in seinem Café schweigend Espresso, schreibt ohne Aussicht auf Bezahlung an und begleitet stumm die

Hans Richter
Schicksale. Hans Richter gibt diesen leisen Charakter brillant, mit minimalen, doch intensiv wirkenden Gesten und eindrucksvoller Mimik. Ohne Worte, mit delikater Zurückhaltung spielt er alles andere noch so Gute souverän an die Wand. Ein grober Schnitzer, ihn nach zweieinhalb Stunden Schweigen in der Schlusssequenz mit einem herrlich kitschigen Christusbild das „Amarilli mia bella“ Jakob von Eycks intonieren zu lassen. Damit haben Rinke/Pitoll sich einer Katharsis beraubt, die schweigend Gewicht gehabt hätte.


Beispielbild

Café Umberto
Szenen von Moritz Rinke

Inszenierung - Thorsten Pitoll
Ausstattung - Tilo Steffens
Musik - Stefan Leybold
Dramaturgie - Alexandra Jacob
Licht - Fredy Deisenroth
Maske - Barbara Junge-Dörr

Fotos - Michael Hörnschemeyer

Besetzung:
Jaro - Frederik Leberle
Jule - Maresa Lühle
Lukas - Andreas Möckel
Sonia Julia Wolff
Anton - Andreas Ramstein
Raule - Anja Barth
Umberto - Hans Richter
Herzberg - Ingeborg Wolff
August Kück - Thomas Birnstiel
Der junge Mann - Ulrich Brandhoff


Karten unter Tel. 0202-569-4444
oder
www.topticket-wuppertal.de