Heute gibt es die Dogmatik nicht mehr, die Kunst ist viel freier geworden.

„Nicht viel zu sehen“ - Interview mit der Kuratorin Beate Eickhoff

von Marion Meyer

Dr. Beate Eickhoff - Foto © Frank Becker
Nicht viel zu sehen
 
Wege der Abstraktion 1920 bis heute
 
24. Februar – 1. September 2024
 
Interview mit der Kuratorin Beate Eickhoff
 
Wie sind Sie auf das Thema der Ausstellung gekommen?
Beate Eickhoff: Auch wenn das Von der Heydt-Museum bekannt ist für seine Sammlung der klassischen Moderne, haben wir doch einen sehr umfangreichen Bestand an Kunst, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden ist bzw. in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten. Will man die nicht als buntes Sammelsurium zeigen, dann muß man sich Linien überlegen, Gruppen. Es gab in den zurückliegenden Jahren eine Reihe von Neuerwerbungen, die man der Abstraktion zuordnen kann. Nun ist die Abstraktion ein weites Feld. Als Kunsthistorikerin, bzw. vertraut mit der Malereigeschichte des 20. Jahrhunderts, hatte ich beim ersten Kennenlernen der Neuerwerbungen, die dem abstrakten Spektrum zuzuordnen sind, spontan immer Assoziationen zu frühen abstrakten Werken aus unserer Sammlung, Bilder, die schon lange bei uns sind. Parallelen herauszufinden, zu sehen, ob meine Assoziationen berechtigt sind, den Konzeptionsideen von Künstler, zwischen denen Jahrzehnte liegen, auf die Spur zu kommen, das hat mich gereizt.
 
Was macht die Abstraktion für Sie so spannend?
Beate Eickhoff: Speziell die abstrakte Malerei hat mich immer besonders herausgefordert, mich besonders beschäftigt, weil sie vielleicht doch bei der ersten Begegnung schwerer zugänglich ist als ein gegenständliches oder figuratives Bild, das mir erstmal eine Geschichte erzählt und mit der Geschichte mich behutsam an das „Wie“ des Malens heranführt. Diese Hürde zu nehmen, ein Bild zu betrachten, auf dem erstmal nichts, was man kennt, zu entdecken ist, das verlangt schon ein aktives Mittun, Sehen und vielleicht auch Denken der Betrachtenden.
Dann kommt man mit dem Denken der Künstler, dem künstlerischen Prozess in Kontakt. Ein Motiv steht nicht davor, dazwischen, lenkt nicht ab. Die Mitteilung ist oft sehr persönlich, sehr subjektiv. Natürlich kann ich über die Kunst, über die Künstler lesen, was Kritiker schreiben, was die Künstler selbst schreiben – es gibt auch von Seiten der Künstler immer den Drang, sich irgendwie zu legitimieren, für das, was sie tun. Viele Künstler haben zudem das Bedürfnis, sich von dem, was frühere Künstler gemacht haben, abzusetzen. Damit das Neue ihrer eigenen Arbeiten herauszustreichen, früher wahrscheinlich mehr als heute. Aber ich habe bei abstrakter Malerei auch die Möglichkeit, erst einmal einfach zu schauen, mich einzusehen, mich zu interessieren. Unser Ausstellungstitel „Nicht viel zu sehen“ oder Englisch: „Not much to look at“ fordert zum Widerspruch heraus. Viele werden sagen: Aber da gibt es doch sehr, sehr viel zu sehen. Schon diese Widerspruchshaltung führt zu einem aktiven, bewußten Hinsehen – hoffentlich!
 
Was ist der Unterschied zwischen ungegenständlich und abstrakt?
Beate Eickhoff: Abstrakt, das heißt sich von einem speziellen Gegenstand lösen, eine allgemeine Form finden. Eigentlich sind alle gemalten Bilder abstrakt, schon allein, weil sie nicht den Gegenstand dreidimensional wiedergeben, sondern flach auf der Leinwand. Oft ist die Natur noch die Bezugsgröße, so sagt Cézanne: Der Künstler arbeitet nicht nach der Natur, sondern parallel zur Natur. Oder Klee: Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar. Klee geht es um „abstrakte“ Prozesse, also um etwas nicht Fassbares, nicht Gegenständliches. Aber immer noch um die Natur. (Beide sind nicht in der Ausstellung, in der es ja nicht um die Genese der Kunstform geht.)


Wassily Kandinsky Fröhlicher Aufstieg, 1923 - Foto © Frank Becker

Andererseits ist da das Beispiel der Grafik „Fröhlicher Aufstieg“ von Kandinsky: Weder Freude noch Aufstieg sind Gegenstände, und dafür eine bildliche Entsprechung zu finden, das ist kein Abstraktionsprozess. Man hat es also mit dem Begriff „ungegenständlich“ versucht, wenn kein Gegenstand der sichtbaren Welt mehr erkennbar war. Oder „nichtfigurativ“.
Manche fanden die amerikanische Bezeichnung „nonobjectiv“ zutreffender, aber das wird sehr philosophisch. Künstler wie Kandinsky oder Theo van Doesburg konnten sich ausführlich über theoretische Begriffe wie „absolute Malerei“ und „konkrete Kunst“ austauschen. Aber das bringt heute, wo schon Theorien über die Kunsttheorien geschrieben werden, nichts mehr, weder den Betrachtenden noch den Künstler. Schon Barnett Newmann bemerkte einmal: Den Maler interessiert die Theorie so viel wie den Vogel die Ornithologie.
 
Gab es Überraschungen für Sie bei der Recherche?
Beate Eickhoff: Es gibt so viele Wege der Abstraktion. Es gibt immer wieder neue Ansätze. Wie gesagt: Die Abstraktion ist ein sehr weites Feld. Im Obergeschoß stehen uns zehn Räume zur Verfügung. Und um den Gang durch die Ausstellung mit nur abstrakten Werken zu erleichtern, die Werke ästhetisch aufeinander abzustimmen, sie irgendwie in „Harmonie“, in einen Dialog zu bringen, haben wir zehn Gruppen nach Themen gebildet. Aber alle „Gruppen“, Themen, sind verwandt. Man könnte Bilder auch in andere Räume versetzen. Wir schreiben nichts fest, bilden keine neuen Kategorien. Im Gegenteil, wir haben auch nicht unbedingt auf Chronologie geachtet; wir haben an manchen Stellen Werke, die man eher als „junge“, als „zeitgenössische“ oder „aktuelle“ Kunst bezeichnet, mit Werken, die Jahrzehnte vorher entstanden sind, in einen Dialog gebracht. Vielleicht kommt so eine Ideen-Verwandtschaft zum Vorschein. Man könnte also fast von Ideen-Räumen sprechen. Was mir bei der Erarbeitung der Ausstellung im Hinblick auf Chronologie und Ideen aber noch einmal deutlich bewußt wurde, ist, wie deutlich der weltanschauliche Anspruch der abstrakten Kunst verflogen ist. Künstler wollen heute nicht mehr mit ihren Bildern das Wesen der Welt
erklären, nicht Spiegel einer demokratischen Gesellschaft sein, nicht durch gute Gestaltung die Welt verbessern.
Abstrakt arbeitende Künstler heute sind immer noch das „Produkt“, sagen wir es mal kurz so, der Zeit. Aber sie arbeiten bewußt im Bereich der Kunst, „loten die Möglichkeiten der Malerei, der Skulptur“ aus, kommunizieren zuerst mit ihren ureigensten künstlerischen Mitteln und haben nicht das Bedürfnis, sich für das, was sie tun, erklären, legitimieren zu müssen, eine „Bedeutung“, einen „Inhalt“ jenseits dessen, was man sieht, herbeizureden. Emanzipierte Künstler freuen sich über emanzipierte Betrachter.
 
Wie und wo hat sich die Abstraktion entwickelt und warum? War die Entwicklung auf Europa begrenzt oder malten Künstler anderer Länder auch abstrakt?
Beate Eickhoff: Die Abstraktion, besser, die nichtfigurative Malerei, war ein Phänomen, das in vielen Ländern gleichzeitig aufkam, bei den russischen, den niederländischen, den französischen Avantgardisten. Kandinsky, Klee, Hölzel und andere in Deutschland. Hilma af Klint in Schweden usw. Die Spielarten waren sehr unterschiedlich: esoterisch spirituell bis nüchtern formal. Man wollte sich von der Realität lösen, abstrahieren heißt ja: ablösen. Damit dem Materialismus der modernen Welt etwas entgegensetzen. Und man wollte von den vielen Erscheinungsformen, mit der die äußere Realität uns gegenübertritt, zu einem allgemeingültigen Kern der Dinge, des Lebens, kommen.
Nach dem Krieg jubelten die Kunstkritiker, daß es nun mit der Abstraktion eine Weltsprache gäbe, die Abstraktion als Weltsprache. „Abstrakt“, das war fast ein halbes Jahrhundert der Inbegriff von „modern“. Direkt nach dem Krieg war es z.B. Willi Baumeister, der die Abstraktion vehement gegen konservative Kunsthistoriker verteidigte, die Berechtigung der Kunstform gleichzeitig erklärte. Ein Höhepunkt der Anerkennung war die documenta II, 1959, die fast nur abstrakte Malerei, erstmals auch abstrakte Maler aus den USA, zeigte.
Dieser „Siegeszug der abstrakten Malerei“, wie es genannt wurde, ging aber auch mit einem Dogmatismus einher, der vielen jungen Künstler gegen den Strich ging.
 
Hat jeder dieser Künstler gegenständlich angefangen? Gibt es Künstler, die hin und herwechseln? Wann und warum kehrte die Gegenständlichkeit irgendwann wieder zurück?
Beate Eickhoff: Ja, die meisten Künstler der ersten Jahrhunderthälfte haben figurativ angefangen, das war eben das, was auf der Akademie gelehrt wurde. Auch in den ersten Nachkriegsjahren haben die meisten noch figurativ gemalt, aber Figur war ganz schnell verpönt. Schon Ende der 1950er Jahre haben Künstler an den Akademien begonnen, wieder figurativ zu malen. Und in den 1970er Jahren galt die Abstraktion dann als verstaubt, überholt. Man hatte die Farbflächen und gestischen Pinselspuren satt, wollte so richtig „Bilder“ sehen. Aus diesem Bedürfnis heraus malten die „Jungen Wilden“ heftige, kraftstrotzende, farbstarke Leinwände mit erkennbaren Motiven, mit Erzählungen. Und trotzdem sieht man in all diesen Bildern, ähnlich wie bei den frühen Expressionisten, immer wieder große Partien, in denen es nur um Farbe, nur um Form geht.
 
Wie ist der Stand der Dinge? Kann ein Künstler, eine Künstlerin heute wieder rein gegenständlich malen?
Beate Eickhoff: Heute gibt es die Dogmatik nicht mehr, die Kunst ist viel freier geworden.
 
Marion Meyer stellte die Fragen

Redaktion: Frank Becker