Körpersprachen

Toshiyuki Kamioka dirigierte in Wuppertal Brahms, Strauss und Schumann

von Frank Becker

Toshiyuki Kamioka - Foto © Frank Becker
Körpersprachen

Toshiyuki Kamioka dirigierte
Brahms, Strauss und Schumann –
Andreas Heimann zeigte höchste Kunst
an der Oboe

   Mit den Variationen für Orchester über ein Thema von Joseph Haydn B-Dur op. 56a, die sich wie ein breiter, behäbiger Fluß mit idyllischen Uferpartien, sanften Windungen und hie und da einer Stromschnelle ergießen, begann Wuppertals GMD Toshiyuki Kamioka eher zurückgenommen das 2. Sinfoniekonzert der Saison. Für das Orchester eine intelligente Fingerübung, für den Dirigenten ein Aufwärmprogramm, dessen Finale in ein weites, großzügiges Klang-Delta mündete. Größere Ereignisse sollten folgen.

   Richard Strauss´ Spätwerk aus dem Jahr 1945, sein erstes und einziges Oboenkonzert, bot danach mit dem Solo-Oboisten des Sinfonieorchester Wuppertal, Andreas Heimann, eine konzertante Delikatesse. Hier spürte man deutlich mehr Begeisterung beim Orchester, sei es, daß das Stück einfach mehr Spielfreude und Spaß weckte oder sei es, daß man den Orchesterkollegen mit merkbarer Emphase unterstützen wollte, ihn förmlich trug. Der zeigte auf diesem sicheren Boden Inspiration, federnde Eleganz und brillante Technik. Der Klang der Oboe zählt ohnehin zu einem der schönsten in einem Orchester, zumal, wenn man sie einmal in einer solch genussreichen, wenngleich schweren Partie solistisch hören kann. Lyrisch, klagend und jauchzend – „bedient“ sie alle Stimmungen perfekt. Perfekt auch das Spiel Heimanns durch die schwierigsten Läufe und Triller. Ein atemberaubender Genuß. Besonders schön das Zusammenfinden des Klangkörpers nach dem bezaubernden Oboen-Solo in der Mitte des dritten Satzes. Heimann beflügelte seine Mit-Musiker und er hatte die volle Aufmerksamkeit seines Dirigenten, der ihn während des jubelnden Schlußapplauses in die Arme schloß und fast nicht mehr loslassen mochte. Toshiyuki Kamioka zeigte einmal mehr seine große künstlerische und menschliche Persönlichkeit, die es ihm erlaubt, mit eigener Freude an dem Erfolg anderer teilzunehmen, vor der fulminanten Leistung „seiner“ Leute in den Schatten zu treten, bzw. die Anerkennung zu teilen. Dafür schlägt ihm die Sympathie der Konzertbesucher in hohen Wogen entgegen. Heimann bedankte sich für den nahezu kein Ende nehmenden Applaus mit einem Solo: „Pan“ aus der Feder Benjamin Brittens.

   Wie das Publikum den agilen Wuppertaler GMD schätzt, ja liebt, bewies sich nach dem dritten Stück des Abends, der 4. Sinfonie d-Moll op.120 Robert Schumanns. Kamioka hatte das Orchester mit expressiver, ja explosiv kraftvoller Körpersprache – die auch das Publikum mitreißt - zu Höchstleistungen aufgefordert, für die er selbst Vorbild ist. Das komplexe Werk, das Schumann strahlend und mit stets wechselndem Tempo nahtlos durch die vier Sätze führt, bleibt ob der erfüllten Interpretation durch ein großartiges Orchester über seine rund 25 Minuten hinweg spannend. Gewaltig der Einsatz der Bässe, denen die Celli sich unisono zugesellen. Der Applaus nach dem rauschenden Klangbad wuchs zum Jubel, aus dem immer wieder herzliche Bravi wuchsen. Wieder und wieder mußte der Dirigent zurück aufs Pult, um sichtlich glücklich die Ovationen entgegenzunehmen. Wuppertal wird einiges tun, um diesen hervorragenden und sympathischen Musiker nicht zu verlieren.