Der Schein regiert

Schillers "Der Parasit" in einer Auff├╝hrung des Euro-Studio Landgraf im Theater Velbert

von Frank Becker

Chaka!
 
Der Parasit
oder
Die Kunst sein Glück zu machen

 Ein Lustspiel von Friedrich Schiller
(vor allem aber von Annette Raffalt und dem Euro-Studio Landgraf)

Aufführung
am 2.10.2008 in Velbert
 

Regie:
Annette Raffalt – Bühnenbild: Martin Dolnik – Kostüme: Grit Groß – Musik: Parviz Mir-Ali
Narbonne, Minister: Klaus Nierhoff – Mme. Belmont, seine Mutter: Christa Dubbert – Charlotte, seine Tochter: Kristina Sahlin – Selicour: Wolfgang Grindemann – La Roche: Dietmar Pröll – Firmin: Michael Schories – Karl, sein Sohn: Christian Hinrichs – Michelle, Assistentin des Ministers: Christine Kättner
 
 
Lachen - bei Schiller?

Es gibt, soviel ist landauf, landab bekannt, bei Friedrich Schiller gewöhnlich herzlich wenig zu lachen. Da macht das Lustspiel „Der Parasit – oder: Die Kunst sein Glück zu machen“, 1803 in Weimar uraufgeführt – sein Busenfreund Goethe schrieb im nämlichen Jahr das Trauerspiel „Die natürliche Tochter" – eine löbliche Ausnahme. Um etwas genauer zu sein: Schiller übersetzte lediglich das französische Original „Médiocre et rampant ou Le moyen de parvenir“ des Louis-Benoit Picard ins Deutsche und bearbeitete es auf Wunsch des Herzogs Karl-August. Er machte sein Ding gut, schließlich verdiente er sein Geld damit. Die neben „Der Neffe als Onkel“ einzige Komödie Schillers gehört erstaunlicherweise zu den selten aufgeführten Stücken des großen Dramatikers. Zu leicht? Wohl nicht, denn der Stoff hat durchaus die Qualitäten eines Molière.
 
Kabale

Die Geschichte ist schnell umrissen: Selicour (großartig: Wolfgang Grindemann), ein subalterner

Selicour schleimt sich ein - v.l.: Wolfgang Grindemann,
Christa Dubbert, Kristina Sahlin - Foto © Euro-Studio Landgraf
rücksichtsloser Karrierist, hat sich ins Vertrauen des Ministers (Klaus Nierhoff) geschleimt, dessen Vorgänger er bereits trotz eigener Fehler überlebt hat. Nun trachtet er nach dem Posten eines Gesandten und nach der Hand der Tochter Charlotte (Kristina Sahlin) des Ministers. Wer bei diesen Vorhaben stört, wird intrigant aus dem Weg geräumt. Der tüchtige La Roche (Dietmar Pröll, Grindemann ebenbürtig), muß als erster dran glauben, er wird entlassen. Doch er will sich nicht geschlagen geben und sinnt auf Rache. Dazu wirbt er um die Hilfe des bieder-anständigen Firmin (Michael Schories), dessen Sohn Karl (Christian Hinrichs) Charlotte liebt. Die Handlung spielt im Vorzimmer des Ministers. Picard/Schiller haben reichlich Fußangeln ausgelegt, um für eine turbulente, schlagfertige Komödie in der Tradition Molières zu sorgen und für die Farcen eines Labiche den Boden zu bereiten. Das Euro-Studio Landgraf hat sich einer Textfassung des Schauspielhauses Bochum bedient, die keine Wünsche offen läßt. Die Bühne und Kostüme (der Herren, wir wollen von denen der Damen schweigen) entsprechen dem sachlichen Stil eines Ministerialamtes unserer Tage. Kaum merkt man, daß zum Text gut 200 Jahre (rein zeitlicher) Abstand bestehen. Was die Ränke angeht, sind die Intrigen von damals das Mobbing von heute. Am geistigen Diebstahl hat sich eh nichts geändert.
 
Zwischen Biedermann und Blackadder


Ich weiß etwas! - Christine Kättner, Wolfgang Grindemann
Foto © Euro-Studio Landgraf
Selicour weiß dem Minister (souverän: Klaus Nierhoff) einzureden, ein brillantes Memorandum, das von der Feder Firmins stammt, sei von ihm – ein Gedicht Karls gibt er gegenüber Charlotte als seines aus um sie zu gewinnen, und er weiß seine Opfer so zu lenken, daß das Glück auf seiner Seite zu stehen scheint. Doch die Rechnung geht nur mit La Roche auf, der nicht locker läßt. Dietmar Pröll und Wolfgang Grindemann liefern sich ein brillantes Gefecht, in dem keine Gefangenen gemacht werden. Grindemann gibt seinen Selicour verschlagen in einer gelungenen Mischung aus Biedermann und Blackadder, Pröll stemmt dem grandios einen ideenreichen Racheengel entgegen. Der Bühnenraum wird geschickt genutzt, die Choreographie ist einem Brettspiel nicht unähnlich. Zwar beherrschen die beiden großen Komödianten in ihrem Fernduell die Szene, doch weiß Annette Raffalt auch ihre übrigen Figuren gewitzt einzusetzen. Überzeugend gibt Nierhoff den ehrlichen Minister, geradezu bedauernswert bescheiden Schories seinen Firmin.
 
Chapeau!

Wir kriegen ihn! v.l.: Michael Schories, Dietmar Pröll
Foto © Euro-Studio Landgraf


Es kommt, wie es kommen muß: der Übeltäter wird entlarvt, jeder bekommt sein Recht. Friede, Freude, Eierkuchen. Doch halt! Jetzt holt das Ensemble in beschleunigtem Tempo zum Spiel mit den denkbaren Möglichkeiten eines anderen Endes aus. „Der Schein regiert die Welt. Gerechtigkeit existiert nur auf der Bühne!“ Das ist so intelligent und tränentreibend witzig gelöst, daß man am liebsten die ganze Kabale noch einmal von Anfang an sehen möchte. Chapeau! Und wer bekommt schließlich den Posten des Gesandten? Wird nicht verraten!
 
Informationen über weitere Termine und Auftrittsorte unter: www.landgraf.de



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