Ein alter Mann hat keine Lust mehrů

...ist der Eindruck, den Lorin Maazel bei seiner Abschiedstournee mit den New Yorkern auf zwei Kritiker des OPERNFREUND machte.

von Dirk Altenaer und Peter Bilsing


Ein alter Mann hat keine Lust mehr…


Eigentlich nur laut - Maßlose Exaltation im Katzenjammerstil
5. Sept. 2008 - Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 8 c-moll

Das Verdikt Hanslicks, das 1887 die bombastische Achte Bruckners traf, mag für Lorin Maazel, den Grandseigneur am Taktstock, kaum gelten. Mit ruhiger Grandezza steht er da wie ein Fels in der Brandung. Mit ruhigem, ja man könnte fast sagen, mit beruhigendem Schlag durchmißt er im Geiste die Klippen des Brucknerschen Orchestralozeans und das Flaggschiff NYP liegt sicher in seinem Fahrwasser.

Foto © Sven Lorenz
Das gigantische Werk, das zu einer anderen Zeit als "Sinfonie des deutschen Menschen" heroisierend auf fatalste Weise mißverstanden und mißbraucht wurde, hat sich davon allmählich erholen können, und so kommt die Interpretation Maazels fast im Understatement perfekter und präziser „political correctness“ daher. Zwar kennt man im "Big Apple" auch seinen Bruckner, aber die gewohntesten Klänge sind es sicherlich nicht. So klang dieses Werk am Freitag eher wie durch die Filter einer edlen Sonnenbrille gesehen. Rückwärts gewandt - Bruckner quasi als der Vorbote Gustav Mahlers des am Hudson vertrauterem Tonschöpfer. So klang mancher Teil des berückend schön vorgetragenen Adagios mehr nach Barber denn nach dem Linzer Meister.
Ungewohnt war die Aufstellung, die gänzlich auf ein Podium verzichtete - ob man sich damit einen gedämpfteren Klang versprach? Nun, von meinem Platz im vorderen Parkett war alles andere als ein gedämpfter Klang zu vernehmen, es tönte und dräute gewaltig und man hätte sich in der Lautstärke die Zurückhaltung gewünscht, die der Maestro ansonsten seiner Interpretation angediehen ließ. Trotz des eruptiven Klanges und der Schönheit der einzelnen Instrumentengruppen, vor allem im satten runden Klang der Streicher oder der edlen Bläsertutti, konnten diese nicht darüber hinwegtäuschen, daß bei aller edlen Raffinesse und Noblesse etwas fehlte, nämlich der göttliche Funke, den eigentlich alle Kompositionen Bruckners auszeichnet. So erklang Bruckner hier unter recht puritanischem Blickwinkel. Den "katholischen" Orgelton, der die Symphonie umflort (man höre nur die späten Einspielungen unter Eugen Jochum) vermißte man schmerzlich.
Das Publikum applaudierte dankbar, sichtlich erleichtert, diese schwere Kost einigermaßen unbeschadet durchgestanden zu haben.                                                                     

Dirk Altenaer
 


Routinierte Langeweile in Perfektion
 6. September 2008 - Maurice Ravel „Ma Mère l'Oye“ / Felix Mendelssohn Bartholdy „Sinfonie Nr. 4“ A-Dur "Italienische" - Igor Strawinsky „Le Sacre du Printemps“ (Das Frühlingsopfer)
 
Der große Lorin Maazel, einer der letzten noch lebenden Giganten des Taktstocks, nimmt mit dieser Europatournee seinen Abschied als Chef des sicherlich renommiertesten und ältesten der ganz großen amerikanischen Orchester. 2002 hatte Maazel das Amt von Kurt Masur übernommen. Maazel gilt als einer der international meist gefragten Top-Dirigenten, und das hat seinen Preis – der lag in Essen im Parkett bei gut 150 Euro.
 
Seit seinem 11. Lebensjahr dirigiert er praktisch alles auswendig, was in der sinfonischen Welt Rang und Namen hat. Er lernte viele der Komponisten des 20. Jahrhunderts noch persönlich kennen und scheute, im Gegensatz zu vielen Kollegen, niemals die Moderne.
Was kann sich das Herz des Klassikfreundes mehr wünschen? Binnen zweier Tage ein Kaleidoskop großer unterschiedlicher Werke – kein Vergleich zu Masur, der in der letzten Saison mit recht einseitigem Programm ebenfalls in Essen gastierte.
 
Mit Ravels „Mutter Ganz“ und der „Italienischen“ von Mendelssohn-Bartholdy brachte man nun (nach der Schwere des vorausgegangenen Bruckner) genau das, was ein gut betuchtes Publikum bei einem Meisterkonzert zu hören wünscht: Schöne, bekannte Musik ohne Mißtöne, nichts Neues, Unentdecktes und schon gar keine „Körperverletzungs-Töne“ aus dem Zwölfton-Bereich – zumindest bis zur Pause. Was soll, was kann der Kritiker da noch meckern. Alles perfekt gespielt und blitzsauber dirigiert – ohne Show, aber auch ohne Emotionen. Routine und Perfektion dominiert, als wäre alles schon Tausende Male gespielt worden. Auch der körperliche Einsatz beim Spielen (man beobachte nur einmal die Bochumer Sinfoniker unter ihrem Chefdirigenten Steven Sloane) war, bis auf die Dame an der ersten Bratsche, souverän zurückhaltend bis steif.
 
Vielleicht hätte die „Italienische“ ein bißchen luftiger und leichter daherkommen können? „Summer in Italy“ ist halt nicht unbedingt „Summer in New York/Summer in the City“. Doch das sind persönliche Marginalien. Ein Bundesjugendorchester wäre die Geschichte sicherlich anders angegangen. Schön, wenn Routine noch nicht vorderhand durch Neugier ersetzt wird, wie vor 2 Wochen beim Nationaal Jeugd Orkest.
 
Nicht nur Routine, sondern auch große Erfahrung setzt eine perfekte Interpretation von Strawinskys „Le sacre du printemps“ allerdings voraus. Das Mammutwerk ist nämlich gut gespielt eine Atombombe – eines der unglaublichsten und faszinierendsten Stücke der Musikgeschichte. Ein Werk, welches keinen ruhig läßt, das Emotionen provoziert, Gefühle evoziert, um sie gleich wieder brutal niederzumachen. Ein Monsterballett, das sich jeglicher Schönheit und Anteilnahme verweigert, aber einem Orkan gleich sich stürmisch in die Seele bohrt – einer musikalischen Apokalypse gleich kommt die Musik daher. Der orchestrale Wahnsinn! Ein Gipfel nicht nur der Ballettmusik. „Die Auferstehung der Welt“, so Strawinsky und das besonders in den knapp 40 Minuten der Konzertfassung. Nichts für zarte Seelen: Eine auserwählte Jungfrau wird dem Frühlingsgott im Kreis alter, seniler Männer geopfert. Am Ende keine Erlösung, sondern ein musikalisch erschütternder Schlag, der das Universum in seinen Fugen erzittern läßt. Wer das Stück in dieser Perfektion hört, kann verstehen, warum es bei der UA 1913 zu Schlägereien und Tumulten kam. Selbst Maazel zeigt zum ersten Mal an diesem Abend Emotionen!
 
Nach der letzten Note (zumindest habe ich es bisher immer so erlebt) bricht normalerweise ein furioser Jubel beim zwischenzeitlich aufgeklärteren Publikum aus. Beifallsorkane! Nicht in Essen; die Handvoll Bravi (mein eigenes, sehr lautes!, mitgezählt) begleiten dezenten Höflichkeits-Beifall. „Na wenn ich das gewußt hätte, wären wir in der Pause gegangen“, so ein empörtes, älteres Ehepaar neben mir. „Das ist aber keine schöne Ballettmusik“, tönt es von anderswo. Mein ketzerisches: „Bitte nicht zu heftig klatschen, sonst spielen die ggf. noch ein Dacapo!“ wird wohlwollend akzeptiert – So formuliere ich unbewußt sicherlich die Gedanken einer überwiegenden Mehrzahl der Parkettianer, die eine sichtbare Erleichterungs- und Erlösungsfreude im Schlußbeifall vereint.

Foto © Chris Lee
 
Was sich vorher allerdings abspielte, war ein mimisches Spiel finsterster Höllenqualen, deren Leiden sich zwischen Ohren-Zuhalten, entsetzten Blicken und lächelnd gequältem Verlegenheits-Grinsen ausdrückte. Verlorenem, hilfesuchendem Blättern im Programmheft folgte stets ein „Na-kein-Wunder-daß-es-bei-der-Uraufführung-zu-Schlägereien-kam-Gesichtsausdruck“. Unerhört, degoutant, wie kann man uns bei diesen Preisen nur so etwas vorsetzen – liegt Beethovens 5. doch so nah. Maazel hinterläßt, man glaubt es wirklich kaum, ein größtenteils verstörtes Publikum in Essen… und das im Jahr 2008.
 
Doch ein intelligenter Mensch wie Maazel, der sicherlich auch lieber mit diesem Stück die holden Nachfahren der von Bohlen, Krupp und Hallbachs in den Sommerhimmel entlassen hätte, zelebrierte nun das „Wunder von Essen“: Der große Maestro, obwohl bekannt als harter Knochen, macht eine Verbeugung vor dem sichtbar verstörten Publikum und zaubert aus dem Zugabenhut (man kann es kaum glauben!), als quasi Wiedergutmachung und Wundpflaster, Balsam in Form von Brahms und Ravel. Na wenigstens nicht das Vorspiel zum 3.Akt „Lohengrin“, was als Zugabe zu Bruckner gestern geplant war.
 
Und dann ist es passiert; das Eis ist gebrochen: Am Ende Jubel ohne Grenzen! Erlösung dem Erlöser!! Dankbarer, nicht enden wollender Riesenapplaus, als wären wir bei Thomas Gottschalks „Wetten daß“. Glück und Zufriedenheit ist beim Konzertvolk wieder zurück gekehrt. Doch noch ein ungetrübter, schöner Abend.
 
Nur der Kritiker weinte, aber wie beschreibe ich es dem geneigten Leser? Na ungefähr so, als wenn ans Ende der „Götterdämmerung“ noch ein  „Ave Maria“ von Gounod…- ähem Bach angeklatscht worden wäre. Vielleicht versteht´s der eine oder andere? Unter uns: Dieses „Le Sacre du Printemps“ war genial und bleibt für immer in meinem kleinen weichen Herzen und in der Erinnerung haften!

Peter Bilsing


Die beiden Texte sind mit freundlicher Erlaubnis eine Übernahme des "Opernfreund" - Redaktion: Frank Becker