B├Ącker setzen ein Zeichen

von Erwin Grosche

Foto: pixabay

Bäcker setzen ein Zeichen
 
Der Corona Virus hat unser Leben verändert. Vieles, was früher selbstverständlich war, ist nur noch unter entsprechenden Vorkehrungen zu genießen. Sprachen am Anfang noch einige darüber, daß sie die Zeit nützen würden, um eingeschlichene Verhaltensweisen zu überdenken, finden wir uns inzwischen damit ab, weil die Provisorien ein Stück Alltag geworden sind. Wie schön wir es mal hatten. Ich war kürzlich in der Notaufnahme des Brüderkrankenhauses, wo im Wartezimmer jede zweite Sitzmöglichkeit mit einem Klebeband entwertet worden war, damit ein Verweilen in dem Raum automatisch den neuen Abstandsregeln entsprechen konnte. Ist die Mutter Erde eine Notaufnahme geworden, ein Provisorium? Gestern stand ich mit Mund- und Nasenschutz in der Bäckerei Lange. Gerade in einer Bäckerei ist doch die Nasenschutzpflicht eine ziemliche Sauerei. Bäcker Lange ist es gelungen einen Kopenhagener zu kreieren, der uns wieder an eine einfache Botschaft glauben läßt: Vollkommenheit ist möglich, wenn wir den richtigen Ausschnitt wählen. „Ein zarter Blätterteigboden wird mit gekochtem Vanillepudding, Marzipan, Rosinen und Butterplunderteig belegt, bevor er auf dem Herdofen goldbraun gebacken wird. Eine Schicht aus Aprikosenmarmelade und einer feinen Zuckerglasur rundet dann den Geschmack noch ab.“ Wie enttäuscht war ich, als ich in der Auslage nur die üblichen Verdächtigen sah, aber keinen Kopenhagener. „Haben sie keinen Kopenhagener da?“, fragte ich unnötigerweise. Er wird ja nicht unter der Ladentheke verkauft. Sie nickte. Weinte sie? „Was soll ich denn nun machen?“ fragte ich. „Gibt es ihn denn bald wieder?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wer weiß“, sagte sie, „wenn die Zeiten sich wieder beruhigt haben.“ Ich war bestürzt. War der Kopenhagener auch ein Opfer der Coronakrise geworden? Ist sein Verschwinden ein Kotau vor der Schöpfung? Wollte Bäcker Lange ein Zeichen setzen, damit Gott spürt, daß wir kapiert haben, daß es ohne Einschränkungen keine Änderungen geben kann? Ich hatte schon gehört, daß manche Bäcker den Amerikaner aus ihrem Sortiment genommen haben, um auf diese Weise gegen den Rassismus zu protestieren. Ich wußte auch, daß die Hofbäckerei bei den Anthroposophen in Schloß Hamborn eine runde Nußecke auf den Markt gebracht hat, um für mehr Harmonie und Liebe zu sorgen. Und nicht umsonst war der Slogan des Malteser Hilfsdienstes: „Frieden schaffen mit mehr Waffeln.“ Ich schüttelte traurig den Kopf. Es wird einem manches abverlangt in diesen Tagen und so kaufte ich einen Ersatzkuchen, einen Butterkuchen, als Zeichen meiner Solidarität und Trauer.
 
PS.: Erwin Grosche nahm wegen des Kopenhageners Kontakt zur Bäckerei Lange auf, um zu erfahren, ob der Kuchen bald wieder ins Programm aufgenommen wird. Leider war bisher noch nichts über ein Comeback des Kopenhageners zu erfahren.