Klappfix und Völkerfreundschaft

„Wie der Osten Urlaub machte“ - Die schönsten Ferienorte der DDR

von Frank Becker

Klappfix und Völkerfreundschaft
 
Wenn DDR-Bürger auf Reisen gingen
 
Daß Urlaubszeit Reisezeit ist, galt und gilt immer, im Westen Deutschlands wie in der DDR, wenn auch dort mit gewissen Beschränkungen, was Möglichkeiten und Ziele anging. Doch: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister (Johann Wolfgang von Goethe, Sonnett). Und so lernten die Bürger der DDR aus der Not eine Tugend und aus dem wenigen das Beste zu machen.
Denn der DDR-Bürger verreiste für sein Leben gern. Und weil nun einmal in der Ferien- und Urlaubszeit der Alltag ruckzuck abgestreift werden kann, sind die Erinnerungen daran hüben wie drüben natürlich unbeschwert, heiter und voller Geschicht(ch)en.

Uli Jeschke, dessen Buch „Die verschwundene Arbeit – DDR-Betriebe, die es nicht mehr gibt“, wir Ihnen hier vor zwei Jahren vorgestellt haben, hat solche Reiseerinnerungen, viele private Urlaubsfotos und historisches Material aus staatlichen Archiven zu einem gelungenen Band zusammengestellt, der jenen, die das alles damals in der DDR miterlebt haben, feuchte Augen der Erinnerung bescheren wird und „West“-Lesern ein Kapitel praktische DDR-Geschichte serviert: „Wie der Osten Urlaub machte“ – Die schönsten Ferienorte der DDR. Es wird vom Urlaub am Wasser erzählt, von Reisen in die Berge berichtet, von Ferien im Ferienlager, auf dem Zeltplatz oder Kinderkurheim. Die Sehnsucht nach der Ferne, die sich allerdings nur im sozialistischen Ausland, also in den Bruderländern des damaligen Ostblocks stillen ließ, führte an den Balaton, der so schön gar nicht war, nach Bulgarien oder in die benachbarte CSSR. Nur auf Einladung durfte man den Großen Bruder, die UdSSR betreten. Zitat aus dem Klappentext: Wer Glück hatte, durfte ins sozialistische Ausland: an den Goldstrand am Schwarzen Meer oder in die romantischen Täler der Hohen Tatra. Am Plattensee, in Prag oder an den bulgarischen Stränden kam es zu den deutsch-deutschen Begegnungen, die in der Heimat nicht möglich waren. Oft trafen sich dort auch Familien, die im normalen Leben durch die Mauer getrennt waren.


Einladender Strand in Varna, Bulgarien - Quelle nicht zu ermitteln


Einladender Strand iauf Hiddensee - © Bild und Heimat 1967

Man mußte aber den Arbeiter- und Bauerstaat gar nicht verlassen, um attraktive Urlaubsziele zu finden. In den Sommerferien fuhren die meisten natürlich in den Badeurlaub. Ob Rügen, Hiddensee, Ückeritz, Usedom, Dranske, Rerik oder Ahrenshoop - die Ostsee mit ihren herrlichen Sandstränden, Campinggelegenheiten und Hühnergöttern gehörte im Sommer zu den Favoriten. Nicht zu vergessen die DDR-Freiheit der Freikörperkultur, die mit Genuß und Überzeugung gepflegt wurde. Dabei herrschte bei den Ostdeutschen weitestgehend Einigkeit darüber: Nacktbaden macht Spaß und ist gesund. Jahr für Jahr zog es Unzählige an die FKK-Stränd. (Zitat). Kerstin Decker erzählt gleich im ersten Kapitel des Buches davon. Wir zeigen daraus ein Foto von Gerd Rattei. Ein regelmäßig vom VEB Tourist Verlag neu aufgelegter FKK-Reiseführer „Baden ohne“ gab ausführlich Tips zum wo und wie quer durch die Republik. Und zu Hause konnte es auch schön sein, denn es gab auch in den entlegendsten Ecken der Republik Erholungsmöglichkeiten und Schwimmbäder, wie z.B. in Deutschneudorf/Erzgebirge.

 
Badefreuden in Ückeritz - Foto © Gerd Rattei

 
  Badefreuden in Deutschneudorf, Brüderwiese - © Bild und Heimat 1975

Sehr beliebt war das Zelten, denn das war anfangs fast überall möglich. Erst später wurden Zeltplätze organisiert und damit verknappt, was zur Folge hatte, daß ein Zeltschein höchst begehrt war. Und das Camping wurde durch die Pension Sachsenruh, (das Dachzelt für den Trabi) und später durch Klappfix, Qek Junior, Heimstolz oder den Nagetusch Diamant geradezu luxuriös.
 
 
Mitten im Wald? Kein Problem! - Camping in Dranske-Bakenberg - © Bild und Heimat 1972


...oder mit Blick auf den See - Ehrenfriedersdorf © Bild und Heimat 1973

Das Erzgebirge mit Deutscheinsiedel und Seiffen hingegen, der Thüringer Wald mit Oberhof, das Fichtelgebirge mit Oberwiesenthal und der Harz, soweit er nicht militärisches Sperrgebiet war, gelten bis heute sommers wie winters als ideale Ferienregionen. Eingestreut ins Buch sind einige der hübschen Orientierungs-Postkarten für Urlauber aus dem Verlag Bild und Heimat.


© Bild und Heimat 1982

Viel wurde mit der Bahn gereist, denn in der DDR ein Auto, zumal ein neues zu bekommen, konnte schon mal bis zu 12 Jahre dauern. Hatte man dann aber seinen Trabant, wurde der bis obenhin mit Ausrüstung und Verpflegung vollgepackt, vor allen, wenn es in die sozialistischen Balkan-Bruderländer ging, deren Versorgungslage oft weit beklagenswerter war als die in der DDR.
Wer aber den Zuschlag für eine Seereise auf der „Völkerfreundschaft“, der „Fritz Heckert“  oder der „Arkona“ bekam, hatte das ganz große Los gezogen, denn die raren Plätze waren zumeist den Helden der sozialistischen Arbeit und verdienten Genossen vorbehalten, wie Henner Kotte in seinem Beitrag berichtet. Aber eine Elbefahrt vorbei an Königstein und am Lilienstein war für jeden drin - und auch traumhaft schön. Und ein Ausflug über leere Autobahnen bei 100 km/h Höchstgeschwindigkeit hatte doch auch etwas Erholsames.


Hermsdorf - © Bild und Heimat 1966


Auf der Elbe am Lilienstein - © Bild und Heimat 1969

Oder es wurde getrampt. Burkhard Jeschkes abenteuerliche Geschichte der Tour mit Freundin von Berlin nach Burgas beschreibt das anschaulich, erzählt aber auch viel von Gastfreundschaft und Solidarität. So eine Reise wäre heute nicht mehr möglich.
 

Klink - Mit einewm Clubraum für Nichtraucher - Respekt! - © Bild und Heimat 1970

Mit den Beiträgen von Uli Jeschke, Kerstin Decker, Bettina Klemm, Frank-Rainer Schurich, Klaus Behling, Daniel Bergner, Henner Kotte, Wolfgang Schüler, Sascha Lange, Burkhard Jeschke und Peter Jacobs entsteht ein lebendiges Bild einer der schönen Seiten der DDR. Von den Musenblättern sehr zur Lektüre empfohlen.

 
...und Abflug! - © Bild und Heimat 1980

„Wie der Osten Urlaub machte“ - Die schönsten Ferienorte der DDR
© 2019 Verlag Bild und Heimat, 176 Seiten, Gebunden, mit vielen Illustrationen - ISBN: 9783959582131
14,99 €
 
Weitere Informationen: www.bild-und-heimat.de
 
Die gezeigten Beispiel-Abbildungen stammen zwar aus dem Verlag, sind aber bis auf eine Ausnahme nicht im Buch enthalten.