Was würde Clara Arnheim dazu sagen?

Gabriela Jaskullas mangelhafte Dissertation über die Berliner Malerin Clara Arnheim

von Friederike Hagemeyer

Clara Arnheim und Betty Volkmar vor dem Haus der Bäckerfamilie Schwartz.
Mit freundlicher Genehmigung von Rosemarie Schubert, Vitte Hiddensee
Was würde Clara Arnheim dazu sagen?
 
Gabriela Jaskullas mangelhafte Dissertation
über die Berliner Malerin Clara Arnheim

Von Friederike Hagemeyer
 
Im November 2019 jährt sich zum einhundertsten Mal die Gründung des „Hiddensoer Künstlerinnenbundes“, ein Zusammenschluß von Malerinnen, die sich von der Insel Hiddensee angezogen fühlten. Hier fanden sie in den Sommermonaten Motive, Licht, Farben und Wetterstimmungen, die sie in ihrer künstlerischen Arbeit anregten. Eine der Gründerinnen ist die Berliner Malerin Clara Arnheim (*24.4.1865 Berlin +28.8.1942 im KZ Theresienstadt).
2016 legt Gabriela Jaskulla ihre Dissertation vor: „Clara Arnheim und der 'Hiddensoer Künstlerinnenbund'. Eine Randnotiz der Kunstgeschichte oder ein Beitrag zur künstlerischen Emanzipation zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“ In dieser Arbeit macht die Autorin es sich zur Aufgabe, „die von den Nazis verfemte“ Künstlerin, „dem Vergessen [zu] entreißen, ihr einen würdigen Platz unter den großen Künstlern [zu] geben“ und diesen wissenschaftlich zu begründen. (http://www.gabrielajaskulla.de/clara-arnheim.html zuletzt aufgerufen, 6.5.19)
Das Vorhaben ist zu begrüßen, denn wie vielen anderen erging es auch Clara Arnheim: die Ächtung jüdischer Künstler und das damit verbundene Arbeitsverbot durch die Nationalsozialisten ab 1933 wirkten so gründlich, daß die Maler noch lange nach Ende der NS-Herrschaft vergessen blieben.
 
Biographie – kaum gesicherte Daten
 
Da kaum Dokumente zum Leben von Clara Arnheim erhalten sind, gibt es nur wenige sichere Zeitangaben. - Leider sind diese über die ganze Arbeit verstreut, eine Übersicht der belegten und ermittelten Angaben wäre wünschenswert. - Vom Ende Arnheims liegen traurige Zeugnisse vor, eine „Transportliste“ für einen „Alterstransport“ am 9.7.1942 (DOK 3, S. 367 ohne Quellenangabe) nach Theresienstadt. Hier taucht die Künstlerin unter der Nr. 20 mit dem Namen „Flora“ auf, Geburtsdatum und Adresse sind jedoch korrekt angegeben. Ebenfalls auf den Vornamen Flora, nun mit dem Zusatz „Sara“, ist die „Todesfallanzeige“ Arnheims aus dem Ghetto Theresienstadt ausgestellt. Als „Sterbetag“ wird der 28. August 1942 angegeben, als Todesursache „Herzschwäche“.
Aus wohlhabendem jüdischem Hause stammend begann Clara Arnheim ihre Ausbildung zur Malerin in Berlin. Es folgten - vermutlich zwischen 1885 und 1894 - Studienaufenthalte in Paris. Irgendwann vor 1913 kommt Clara Arnheim nach Hiddensee. Aus diesem Jahr existiert eine Postkarte an ihre Vermieter, die Bäckerfamilie Schwartz, in Vitte auf Hiddensee. (Auskunft R. Schubert, Vitte-Hiddensee) Auch andere Malerinnen zieht es auf die Insel: ab 1904 verbringt die Stralsunderin Elisabeth Büchsel (1867–1957) jeden Sommer auf Hiddensee und seit 1907 verlebt auch Henni Lehmann (1862–1937) mit ihrer Familie dort regelmäßig die Sommerferien. Beide Künstlerinnen gehören später neben Clara Arnheim zum Vorstand des „Hiddensoer Künstlerinnenbundes“.
Vermutlich von Anfang an logiert Arnheim, häufig in Begleitung ihrer Halbschwester Betty Volkmar, bei der Familie Schwartz. Von dieser erwirbt Henni Lehmann 1919 das „alte Backhaus“, die „Blaue Scheune“, die den Malerinnen als Verkaufs- und Ausstellungsraum dient.
Das Jahr 1933 bedeutet auch für den „Hiddensoer Künstlerinnenbund“ das baldige Aus. Möglicherweise kommt Clara Arnheim danach noch ab und zu nach Hiddensee (S. 268); für Henni Lehmann und ihre Familie ist der Sommer 1935 der letzte auf der Insel (DOK 18, S. 385). Der freundschaftliche Kontakt zwischen Clara Arnheim und ihrer Wirtsfamilie Schwartz bleibt jedoch bestehen. Als bekannt wird, wie schlecht es Juden in Berlin geht, schickt Frau Schwartz über eine Deckadresse in Stralsund regelmäßig Lebensmittelpakete nach Berlin. Davon zeugt ein erschütternder Dankesbrief (DOK 1, S. 364-366) vom 28. Juni 1942. Es ist der einzig erhaltene Brief von Clara Arnheim. Elf Tage später wird sie 77jährig ins KZ Theresienstadt gebracht.
 
Träumerische Bilder
 
Clara Arnheim ist Landschaftsmalerin. Ihre Bilder wirken zart und leicht, Segelboote, eins ihrer Hauptmotive, scheinen auf dem Wasser zu schweben, wie im Traum; Menschen sind oft angedeutet und nicht als Individuen zu erkennen.
Im Laufe ihrer Forschungsarbeiten hat Jaskulla fast 200 Bilder gefunden - Ölgemälde, Gouachen, Aquarelle, Grafiken - und immer wieder tauchen neue Bilder auf, sogar in Übersee. Jaskulla kommt zu dem Schluß, daß „an ein Werkverzeichnis [wie ursprünglich geplant] seriöserweise vorläufig nicht zu denken ist“ (S.101, Anm. 281). Das Abbildungsverzeichnis im Anhang der Dissertation enthält 83 Arnheim-Bilder sowie zwei Zuschreibungen - oder sind es Fälschungen? - Allein 27 Werke befinden sich in Hiddenseer Privatbesitz. Gewiß war Clara Arnheims Werk wesentlich umfangreicher, bedenkt man jedoch ihr Schicksal, so ist doch erstaunlich, wie viele ihrer Bilder überdauerten.


  Clara Arnheim, Segelschiff, o.J., Privatbesitz - Mit freundlicher Genehmigung von Rosemarie Schubert, Vitte Hiddensee

Lebte Clara Arnheim in einer lesbischen Beziehung?
 
„Ziel der Arbeit ist, eine qualifizierte Aussage ... zu treffen, ob Clara Arnheim … einen wesentlichen Beitrag zur künstlerischen Emanzipation von Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts“ leistete (S. 14); so Jaskullas Forschungsvorhaben. Am Ende kommt sie zum Ergebnis, daß alle Malerinnen des „Hiddensoer Künstlerinnenbundes“ „ganz gewiß“ diesen Beitrag geleistet haben. (S. 269) Die Arbeit schließt mit dem Satz: Das Werk von Clara Arnheim „fasziniert durch seine unaufgeregte Konsequenz und seine feine Herausarbeitung und Entwicklung impressionistischer Finessen im Licht des Nordens. Darum ist das Werk von Clara Arnheim beides: exemplarisch und besonders.“ (S. 271)
 
Die Autorin verfolgt jedoch noch ein weiteres Ziel, das nicht explizit erwähnt wird, nämlich nachzuweisen, daß Clara Arnheim lesbisch war. Von der ersten Seite an wird das Thema Frauenliebe betont. Die Frage sei erlaubt: Ist „künstlerische Emanzipation“ nicht ohne homosexuelle Neigungen denkbar? Und: haben heterosexuelle Malerinnen nichts zur künstlerischen Emanzipation am Anfang des 20. Jahrhunderts beigetragen? Nicht nur zu Lebzeiten Clara Arnheims, sondern auch heute noch, kann die Behauptung, eine Frau lebe in einer lesbischen Beziehung, rufschädigend sein; es bedarf daher einer besonders sorgfältigen „Beweisführung“, wenn jemandem eine solche Beziehung attestiert wird. Wie „wasserdicht“ ist also Jaskullas Argumentation? Und: halten ihre angeführten Belege einer kritischen Prüfung Stand?
Jaskulla hat sich die Mühe gemacht, Enkel von Henni Lehmann, entfernte Verwandte und Kinder der Untermieterin von Clara Arnheim zu finden und zu interviewen. Allerdings fehlen die Lebensdaten aller befragten Personen. Das erschwert die Einschätzung ihrer Aussagen.
Ruth Beate Kik und Christiane Nikolaus, Töchter der Untermieterin Clara Arnheims, haben die Malerin noch persönlich kennengelernt. Beide berichten (DOK 19, S. 386 und DOK 20, S. 386-389) von zwei alten Damen, „so dick und so groß und so schwarz“ (S. 388) die im Juli 1942 abgeholt wurden. Die Kinder hielten die beiden alten Damen für Schwestern; in Wirklichkeit seien sie aber „ein Liebespaar“ (S. 388) gewesen, so zitiert Ruth Beate Kik eine Tante. Jaskulla räumt ein, daß „die Verläßlichkeit … [der] Aussagen … dadurch beeinträchtigt [wird], daß sie Arnheim nur als sehr kleine Kinder kannten“ (S. 35).
 
Auch Wolf Lehmann, Henni Lehmanns Enkel, war ein Kind, wohl zwischen vier und sechs Jahren alt, als er Clara Arnheim während seiner Sommerferien begegnete. Er kann sich kaum an sie erinnern. „Ich sehe kein Gesicht vor mir. Aber sie war immer da. Sie war immer da, wo Henni war.“(DOK 18, S.385)
 
Von anderem Gewicht scheint die Aussage von Paul und Erich Stettiner zu sein, Neffen 2. Grades von Clara Arnheim. (DOK 21, S. 389-390) Persönlich haben sie die Malerin wahrscheinlich nicht mehr gekannt, das hätten sie im Interview sicher erwähnt. Sie berichten, daß ihr Vater, der Vetter der Künstlerin, von Clara Arnheim erzählt habe und zunächst die Verwandtschaft verschwieg; denn die Kusine galt „als schwarzes Schaf innerhalb der Familie. Das lag an ihrer homosexuellen Neigung. … Es war unangenehm, darüber zu reden. Sie hat selbst auch nicht gern darüber gesprochen.“ (S. 390) Dennoch hat der Großvater, Bruder von Arnheims Mutter, sie unterstützt, denn „Blut ist ja dicker als Spucke“. (S. 390) Dieser Großvater, Hugo Stettiner, kam 1943 76jährig ebenfalls im KZ Theresienstadt um. Die Vermutung liegt nahe, daß seine beiden Enkel zu der Zeit ebenfalls Kinder waren und diese Aussagen nicht mehr von ihm selbst hörten. Möglicherweise hat ihr Vater den Großvater oder ein „Familiengerücht“ zitiert. Es dürften also Aussagen vom „Hörensagen“ sein, die im Interview als Tatsachen erscheinen. Dasselbe gilt für die Aussage von Ruth Beate Kik, die eine Tante zitiert.
Das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) gibt zum Begriff „Hörensagen“ folgende Erläuterung: „Etwas nur nach der Erzählung anderer kennen.“ Der Begriff wird außerdem der Synonymgruppe „Gerücht, unbestätigte Meldung“ zugeordnet. (https://www.dwds.de/wb/Hörensage zuletzt aufgerufen 7.5.2019). Und: Zwar kennt das bundesdeutsche Rechtssystem den Begriff „Zeuge vom Hörensagen“, aber „der Beweiswert eines solchen Zeugen ist besonders kritisch zu prüfen.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Hörensagen zuletzt aufgerufen 7.5.2019)
Genau diese kritische Prüfung der Zeugenaussagen findet bei Jaskulla nicht statt. Im Gegenteil! Auf S. 99, Anm. 276 stellt sie fest: „Belegt sind diese [lesbischen] Beziehungen lediglich für Käthe Loewentahl [1878 – 1942] und … Erna Raabe [1882–1938], bezeugt sind sie nun auch für Clara Arnheim und Henni Lehmann.“ Das Zeugnis ist die o.g. Darlegung der Brüder Stettiner. Abgesehen von der fraglichen Verläßlichkeit der Aussage, an keiner einzigen Stelle ist in dem Interview von Henni Lehmann die Rede! Jaskulla stellt hier schlicht eine Behauptung auf, mit der sie munter weiterarbeitet! Denn am Schluß schreibt sie von der „doppelte[n] Verleugnung, die sich Arnheim, Lehmann und Loewenthal auferlegten: die Verleugnung des jüdischen Erbes und die Verschleierung der lesbischen Lebensweise.“ (S. 265)
Zum Vergleich die Behandlung des Themas Liebe auf der Webseite zu Käthe Loewenthal: „In Verbindung mit den erhaltenen Briefen an ihre Freundin Erna Raabe lassen diese Fragmente die Hypothese zu, daß die beiden Frauen in einer intensiven Liebesbeziehung miteinander verbunden waren.“ (http://www.kaetheloewenthal.de/ zuletzt aufgerufen 8.5.2019) Obwohl es Belege gibt, wird vorsichtig von einer Hypothese gesprochen, ein Begriff, der bei Jaskulla im Zusammenhang mit dem Thema Frauenliebe nirgends auftaucht! Aus unkritisch übernommenen Aussagen werden Tatsachen konstruiert!
 
Fehlende Sorgfalt
 
Gabriela Jaskulla schreibt flott und in sprachlicher Hinsicht gut lesbar – hier kommt die erfahrene Journalistin zum Vorschein. Sie hat eine ungeheure Menge an Informationen zusammengetragen. Aber wie geht sie damit um?
Die Arbeit wimmelt von Ungenauigkeiten, falsch geschriebenen Namen, falschen Besitzvermerken bei Abbildungen, fehlenden bibliographischen Angaben zu Quellen und Sekundärliteratur, Verweise, die ins Leere führen......
Besonders empörend ist es, wie schludrig mit Dokumenten und Informationen von Privatleuten umgegangen wird, die sie der Autorin anvertrauten: falsch zugeordnete Personen (DOK 14, S. 380) und falscher Besitzvermerk (DOK 17, S. 382).
Kurz: die ganze Arbeit zeugt vor allem von mangelnder Sorgfalt sowohl bei den Formalia, als auch ganz besonders bei der unkritischen Behandlung von Zeugenaussagen. Vorschnelle Schlußfolgerungen und leichtfertige Behauptungen bei einem so heiklen Thema wie der Frauenliebe - nein, das hat Clara Arnheim wahrlich nicht verdient!
Erstaunt fragt sich abschließend die Rezensentin, wie denn eine so mangelhafte Arbeit von der Fakultät akzeptiert werden konnte oder wurde sie von den Gutachtern vielleicht gar nicht gelesen?

 

 
Gabriela Jaskulla: Clara Arnheim und der „Hiddensoer Künstlerinnenbund“.
Eine Randnotiz der Kunstgeschichte oder ein Beitrag zur künstlerischen Emanzipation zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Dissertation zur Erlangung des Grades einer Doktorin der Philosophie. Eingereicht an der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Hamburg, 2016. 405 S.
Elektronische Ausg.: https://d-nb.info/1135386722/34
 
Das Heimatmuseum Hiddensee zeigt im Sommer 2019 Werke von 12 Künstlerinnen des „Hiddensoer Künstlerinnenbundes“ (http://heimatmuseum-hiddensee.de/)