Matera - Kulturhauptstadt Europas 2019

Ein R├╝ckblick

von Joachim Klinger

Matera - I Sassi - Foto © www.provincia.matera.it
Matera -
patrimonio Unesco

Vor zehn Jahren stellte Joachim Klinger
in den Musenblättern die Stadt Matera
in der Basilicata als Weltkulturerbe vor.
2019 ist Matera die Kulturhauptstadt
Europas. Grund genug, Jochim Klingers
Bericht zu wiederholen.

Was in die Liste des Welterbes der UNESCO aufgenommen wird, zeichnet sich durch besondere kulturelle Würde aus. Es hebt sich heraus durch architektonische Schönheit, historische Bedeutung, Formen-Reichtum u.a.m. Diese Singularität schafft die Berechtigung, den Schutz der Völkergemeinschaft in Anspruch zunehmen. Ein Blick in die Liste unseres kulturellen Welterbes zeigt das Interessante, das Außerordentliche in beeindruckender Vielfalt.
Hier in Matera, der Stadt im Süden Italiens, in der zu stolzer Selbständigkeit erwachten Region Basilicata (Lucanien), wird man Schlichtweg überwältigt, Mit den "Sassi" ist eine eigene Welt von der UNESCO zum "Weltschatz" (so wörtlich in einem Prospekt) berufen worden. Matera liegt auf der Hochebene der Murge oberhalb des tief eingeschnittenen Tals des Gravina di Matera, 244 km östlich von Neapel, 63 km südlich von Bari und 69 km westlich von Tarent.
 
Die Sassi

Was sind die "Sassi?" In Matera unterscheidet man den Sasso Caveoso südlich vom hochgelegenen Dom und den Sasso Barisano nördlich von ihm. Das Flüßchen Gravina
hat sich tief in den weichen Tuff der Hügel hineingesägt. Eine merkwürdige Trichterlandschaft mit dunklen Höhlen in den Hügelflanken und einem Gewimmel von Felsbrocken, zum Teil als Fundament oder Wand für Behausungen benutzt, ist entstanden. Fluchtstätten vorzeitlicher Horden werden vermutet, Bewohnungen in vorgeschichtlicher Zeit sind nachgewiesen. Gestützt auf natürliche Gegebenheiten wurde die Besiedlung vorangetrieben labyrinthisch und bizarr, gigantisch und armselig verborgen. Im frühen Mittelalter fanden sich Einsiedler und Gruppen von Mönchen ein. Kärgliche Andachtsstätten wurden zu imposanten Grottenkirchen erweitert. Freskenschmuck kam hinzu. Alles Menschenwerk! Oder war vielleicht auch Zauberkraft im Spiel?
 
Hunderte von Häusern und Kabachen versammeln sich wie zu einem Amphitheater, klettern empor an

Matera - Foto © www.provincia.matera.it
den Hängen der Sassi und halten an vor den großen Bürgerhäusern, Palästen und Sakralbauten der Stadt. Zum Teil verbinden sie sich auch mit ihnen und dienen als Gewölbe, Keller, Terrasse. "Sassi" nennen die Bewohner, Materas diese Häufung von Behausungen, die überwiegend aus Höhlen bestanden, durch Stollensysteme "vernetzt", mit Wassergräben und Luftschächten ausgestattet. Die Armen lebten fast ausschließlich in Höhlen, in wenigen Räumen zusammen mit ihrem Vieh und zwar bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein. Zwar war es im
Sommer kühl, aber doch auch immer feucht.
 
Carlo Levi

Der 1935 als Antifaschist nach Lucanien (Basilicata) verbannte Schriftsteller Carlo Levi (1902-1975) machte auf die sozialen Mißstände der in den Sassi lebenden Armen aufmerksam und informierte die Welt hierüber in seinem Roman "Christus kam nur bis Eboli".
 
Die Armen sind nun in Wohnblöcke am Standrand umgesiedelt worden. Viele Beispiele
ihres Lebens in den Sassi sind erhalten geblieben und Anschauungsobjekte für Touristen geworden. Im Palazzo Lanfranchi befindet sich das "Centro Carlo Levi", und dort ist auch ein riesiges Wandbild zu besichtigen, das im realistisch-expressiven Stil das Leben der Sassi-Bewohner - beginnend mit der Beweinung eines toten Mädchens und endend mit einer politischen Volksversammlung - auf erschütternde Weise beschwört. Das Bild stammt von Carlo Levi und belegt seine hohe Begabung als Maler. Ein Sammlung seiner Gemälde ist hinzugekommen.
Wandert man im Labyrinth der Sassi, dann müssen die Augen ein neues Sehen lernen. Nur langsam beginnt man zu unterscheiden zwischen Felsgestein und Hauswand, Schattenschwärze und Grottentor, zwischen Ruine und scheinbar unvollendetem Bau, der in Wahrheit so offen sein will, wie er ist. Eine Mauerwand mit drei Fensterhöhlen grenzt eine Terrasse ab, ein Vorbau ist nichts als Zugang zu einem Hof. Es gibt geschlossene und weit geöffnete Stockwerke, als sollte hier der Wind seine Wohnung finden. Begriffe wie "unfertig“ und "unvollendet" zerbröseln einem bei der Beschreibung.
 
Ich sprach von einer "eigenen Welt" und meinte damit auch, daß eigene Maßstäbe gelten. Die bizarre Vielfalt der Formen ist verwirrend, die Wege führen nicht selten in Winkel und Sackgassen, die Gewölbe verlieren sich in Untiefen. Die Andersartigkeit ist überwältigend, die Ausmaße der Sassi sind gewaltig. Man wird nicht damit fertig werden, dies alles "in Ordnung zu bringen". Deutscher Eifer und Hang zum Perfektionismus würden hier scheitern. Gut so! Italiener gehen mit mehr Leichtigkeit und Gelassenheit ans Werk. Mit Eleganz und Kunstfertigkeit werden einzelne Häuser restauriert, einzelne Fassaden gereinigt, einzelne Felsvorsprünge abgesichert, einzelne Wege befestigt. Aufbau und Verfall bleiben verschwistert - ein Bild des wahren Lebens.
 
Museen, Kirchen, Bildung

Seit der UNESCO-Entscheidung nimmt die Zahl der Touristen ständig zu. Aber auch
Schulklassen werden durch die engen Gassen und über bröckelnde Treppenstufen geführt. Die Beschilderung ist ausgezeichnet; das gilt für die Wanderwege ebenso wie für die Sehenswürdigkeiten. Eine ganze Reihe von Informationsstellen bieten Unterlagen und Dienste an.
 Matera darf sich vieler sehenswerter Kirchen rühmen. An erster Stelle ist der im romanisch-apulischen Stil um 1270 erbaute Dom zu nennen. Nicht vergessen seien aber auch Kirchen wie S. Giovanni Battista (13. Jahrhundert), S. Domenico, S. Franceso d' Assisi, S. Chiara, Purgatorio. In diesem Zusammenhang ist auch an die "Chiese Rupestri" zu erinnern, die Höhlenkirchen und Katakomben-Kapellen mit ihren eindrucksvollen Fresken und ihrem geheimnisvollen Licht. Als Beispiel: Santa Lucia alle Malve!
Wohin man auch immer, die Sassi umkreisend, von der Piazza Vittorio Veneto aus geht, man kommt aus dem Staunen nicht heraus.
 
Einen längeren Besuch lohnt das Museum Ridola. Domenico Ridola (1841-1932), Arzt und Senator, begann 1871 mit der Sammlung von Gegenständen, die bei archäologischen Grabungen in Süditalien zu Tage gefördert wurden: Waffen der Steinzeit, Gefäße mit Graffitozeichnungen aus vorgeschichtlichen Siedlungen der Region wie z.B. Murgia Timone, Ascheurnen der Pfahlbautenbewohner von Timmari, Beigaben aus griechischen Gräbern u.a.m.. Diese einzigartige Sammlung machte Ridola 1911 dem italienischen Staat zum Geschenk. Sie wurde im Convento di S. Chiara untergebracht und zeigt sich in ihrer schönsten Pracht in den 1975 und 1991 erweiterten Räumen, die ebenso schlicht wie hell sind und sich ganz der Präsentation der Sammlungsstücke unterordnen. Versteht sich, daß die Sammlung laufend ergänzt wird; die Grabungen ruhen nicht. Übrigens, das Museum ist täglich geöffnet (von 9.00 - ­19.00 Uhr), auch am Montag! Eintritt frei für junge Menschen bis 18 und alte ab 60! 
   Im nahegelegenen Palazzo Lanfranchi (mit dem Centro Carlo Levi), wo die Sopritendenza Archeologica della Basilicata ihr Domizil hat, zeigte das Ministerium per i Beni Culturali e Ambientali im April/Mai 1998 in ihrer XIII. Settimana per Beni Culturali... "Opere Restaurate in Basilicata 1993-97". Eine beeindruckende Leistungsschau! Vorgestellt wurden Gemälde und Skulpturen aus Kirchen der Region (13 -18. Jahrhundert), die, behursam und mit Könnerschaft behandelt, zu neuer Schönheit wiedererstanden sind.
 
Blick nach vorn

Matera - eine Stadt voller historischer Sehenswürdigkeiten, dabei lebendig und der Zukunft

Sax Barisano, Matera © Joachim Klinger
zugewandt. Seit einigen Jahren kann man hier studieren. Die „Universita Degli Studi Della Basilicata“ bietet folgende Studiengänge mit Diplom-Abschluß an:
- Ingeneria dell´ Ambiente e delle Risorse
- Produzione Vegetali
- Gestione Tecnica Amministrativa in Agricultura
Sowie eine „Scuola di Specializzazione in Archeologica“.
 
Nicht nur Touristengruppen und Schulklassen durchstreifen die Stadt, die auf manchem kleinen Platz und in manchem stillen Winkel eine Bronzestatue aufgestellt hat. Da tauchen auch noch Scharen meist junger Menschen auf, die den Anregungen von „Legambiente“ folgend, meist weniger bekannte, aber denkmalwerte Bauten aufzuspüren suchen.
Matera nennt sich mit einigem Stolz „Citté della Cultura“. Mit Recht!
Die unvergleichlichen Sassi, die schönen Kirchen und Paläste, Universität, Konservatorium, Kunstgymnasium, Ausstellungen, Kulturveranstaltungen – was für eine Fülle!

   Nimmt man noch die prächtigen Volksbräuche (2. Juli – Festa della Bruna!) und das blühende Kunsthandwerk dazu, dann möchte man geradezu lustvoll zustimmen. Was für eine Kulturstadt. Viele ereheben den Anspruch, für Kultur zu stehen. Matera erfüllt diesen Anspruch aufs Schönste. 

Weitere Informationen über Stadt und Region unter:

Weitere Berichte über Matera folgen!

Redaktion: Frank Becker