Eine swingende Spurensuche

Joscho Stephan Trio – „Paris-Berlin“

von Frank Becker

Eine swingende Spurensuche
 
Joscho Stephan (auf dem Plattenover rechts), seit knapp 20 Jahren einer der namhaftesten und anerkanntermaßen besten Gypsy Swing-Gitarristen auf nationalen und internationalen Bühnen, hat mit seinem Trio - Volker Kamp am Kontrabaß und Sven Jungbeck an der Rhythmusgitarre – soeben ein bandneues Album auf den Spuren der Hot Club de France-Legende Django Reinhardt vorgelegt: „Paris-Berlin“. Er fühlt er sich dessen musikalischem Erbe verpflichtet, das seit  den 30er Jahren den Zigeuner-Jazz beeinflußt. So lag es auf der Hand, als Hommage an Reinhardt eine Aufnahme unter den gleichen Bedingungen zu machen, zu der Django Reinhardt und alle namhaften Swing- und Jazzmusiker bis zum Ende der 40er Jahre keine Alternative hatten: Direct-to-Disc. Da gibt es kein Nachbearbeiten oder zweite Takes; was bei der einzigen Aufnahme-Session im Kasten ist, wird gepreßt.
 
Das Produkt zeigt den Rang der beteiligten Musiker an, in diesem wie bei allen anderen Aufnahmen Joscho Stephans mit seinen Ensembles ist er gewohnt hoch, denn das Album ist wie viele von Joscho Stephans Platten eine virtuose Verneigung vor den Helden des Gypsy-Swing, eine ins Blut gehende und – wie ich es schon einmal bei einer Besprechung formuliert habe „unerhört mitreißende musikalische Schlemmerei, an der man sich einfach nicht satthören kann“. Neben eigenen Stücken Stephans finden sich auf dem Album auch Klassiker aus dem die Standardrepertoire des Gypsy Swing.
Im Opener „Train to Paris“ beschwört Joscho Stephan temporeich einen Klassiker, den vielleicht frühesten Jazz-Titel der Musikgeschichte, der viele Väter hat, den Tiger Rag. Zum Träumen schön folgt „Are you in the Mood“ von Reinhardt/Grappelli mit einem gestrichenen Solo von Volker Kamp, und man möchte ihn und Joscho Stephan auch spielen sehen. Man ist versucht zu schwören, Django Reinhardt habe „Valse de la mer“ komponiert und säße auch an der Gitarre – aber nein, es ist in beiden Fällen Joscho Stephan – dies wie Robert Bosmans „Vous et moi“ Gypsy Jazz á la bonheur!
Die Titel im zweiten Teil sind eine Hommage an die Musikstadt Berlin und Größen wie die Comedian Harmonists (wirklich witzig interpretiert: Mein kleiner grüner Kaktus), Die 3 Travellers (echter Nachkriegs-Swing: Hallo, kleines Fräulein), Theo Mackeben (im zärtlichen Gypsy-Sound: Bei dir war es immer so schön) und den Nostalgie-Sound-Virtuosen Max Raabe mit „Kein Schwein ruft mich an“. Den Ausklang macht das vieldeutige „Wes Berlin“ von Joscho Stephan, eine hinreißende Verbeugung vor Wes Montgomery und dem Hard Bop. Eine Empfehlung der Musenblätter.
 
Joscho Stephan Trio – „Paris-Berlin“
Joscho Stephan Trio: Joscho Stephan (lead-g) - Volker Kamp (b) - Sven Jungbeck (rhythm-g)
© + (P) 2018 MGL Musik Produktion - Direct-to-Disc
 
Titel:
1. Train to Paris - 2. Are you in the Mood - 3. Valse de la Mer - 4. Songe d'Automne - 5. Vous et Moi - 6. Mein kleiner grüner Kaktus - 7. Hallo, kleines Fräulein - 8. Bei dir war es immer so schön - 9. Kein Schwein ruft mich an - 10. Wes Berlin
Gesamtzeit:  33:31
 
Weitere Informationen:  www.joscho-stephan.de