Eine Komödiantenparade

Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug” im Wuppertaler Schauspielhaus

von Frank Becker

v.l.: Jörg Reimers, Gerhard Palder - Foto © Klaus Lefebvre

Eine Komödiantenparade
 
Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug”
im Wuppertaler Schauspielhaus
 
Regie: Jochen Busse – Ausstattung: Mathis Neidhardt – Dramaturgie: Gerold Theobaldt
Besetzung: Dorfrichter Adam: Jörg Reimers – Licht: Gerhard Palder – Eve: Tina Eberhardt – Rubrecht: Tim Grobe – Marthe: Eike Gercken – Walter: Martin Bringmann – sowie Hans Richter, Silvia Buchhbauer, Martina Reichert, Ingeborg Wolff, Herbert Ecker
 
Daß ein Spaßmacher Regie geführt hat, ist augenfällig. Und daß er sein Handwerk versteht, wird schon beim Abstieg des lädierten Dorfrichters Adam aus seinem Alkoven über einem wüsten Aktenstapel (Bühne: Mathis Neinhardt) deutlich. Da wird jede Sprosse der Leiter zu einem Klagelaut auf der Schmerzenspartitur des geschlagenen Mannes. Jörg Reimers gibt einen verlogenen, geilen alten Bock, der, um keine auch noch so dumme Ausrede verlegen, versucht, seinen Hals samt schmutzigem Bäffchen aus der sich langsam zuziehenden Schlinge zu ziehen. Reimers zieht deftig, saftig, großmäulig und greinend alle Register seines komödiantischen Könnens, macht lachen, ohne die Schändlichkeit des Adam mit allzu leichtem Witz zu bagatellisieren.
 
Jochen Busse hat Kleists beliebte Komödie getreu dem Original, wenn auch mit einigen Strichen, inszeniert, die Rollen ausgesprochen geschickt besetzt und mit einem eigenwilligen Kunstgriff die Möglichkeit eröffnet, die vielen Einzelleistungen herauszustellen: Er lässt Soli spielen. Gerhard Palder ist der gewitzt-intelligente Schreiber Licht, der, scheinbar loyal, dem Dorfrichter ständig „aus Versehen“ in die Parade der Selbstrechtfertígung fährt. Die Intrige hat Methode, Ziel und Erfolg - am Ende bekommt er des Richters Amt. Der nämlich hat es verwirkt, indem er es übel mißbraucht, um sich erpresserisch der sauberen Jungfer Eve zu nähern. Das nächtliche Abenteuer mißlingt, Adam stürzt, verliert Halt und Perücke und zerbricht bei der Flucht einen Krug. Was Eves Mutter Marthe (Eike Gercken, mit Haaren auf den Zähnen) Gelegenheit zu einer wortreichen Klage gibt, über die ausgerechnet Adam richten soll.


Tina Eberhardt als Eve, hinen: Herbert Ecker - Foto © Klaus Lefebvre

Beschuldigt wird Eves Verlobter Rubrecht, mit dem Tim Grobe ein Paradestück zwischen Tumbheit, Temperament und gewitzter Schläue gibt: Einer, der manchmal Denkhemmungen hat, dann wieder in wohlgesetzter Rede bestechende Logik präsentiert. Als seine der Liederlichkeit verdächtigte Eve, die schlíeßlich aller Verlegenheit und Angst vor Nachteilen zum Trotz mit der Wahrheit herauskomrnt, um ihren Ruf und ihre Liebe zu retten, liefert auch Tina Eberhardt eine leidenschaftliche Kür ab.
 
Gerichtsrat Walter, städtisch elegant, scheint in seiner abgehobenen Arroganz die konfuse Geschichte nicht zu verstehen. Martin Bringmann ist dieser an der Verwirrung reifende Jurist, eitel zwar, aber nicht bereit, sich Sand in die Augen streuen zu lassen, bis er schließlich selber die Sache in die Hand nimmt. Ein trotz starker seelischer Belastung bestens eingestelltes Ensemble - bei der Hauptprobe wurden überraschende Vertragskündigungen für einen Großteil der Belegschaft bekannt - bot 2 Stunden ungeteilter Theaterfreude, hochkomisch und von solider Qualität.
 
Frank Becker, 17. Juni 2000