Sir András Schiff in Wuppertal

Schumann, Brahms, Mozart, Bach und Beethoven

von Johannes Vesper

Sir Andras Schiff - Foto © Johannes Vesper

Sir András Schiff in Wuppertal
 
Von Johannes Vesper
 
Er, der auch Stellung bezieht gegen Intoleranz, Rassismus, Fremdenhaß und Nationalismus, und der in seinem Heimatland Ungarn aus politischen Gründen nicht mehr auftritt, ergriff zu Beginn das Mikrophon, spricht leise und konzentriert. Diesmal erläuterte András Schiff sein Programm, seine Auswahl aus dem riesigen Repertoire der Klaviermusik für den heutigen Abend und verweist auf Bezüge zwischen den einzelnen Kompositionen und darauf, daß Musik mehr bedeute als reine Unterhaltung. Er habe sich für diesen Klavierabend im großen Saal der historischen Stadthalle auf dem Johannisberg in Wuppertal späte Miniaturen, herbstliche Rückblicke auf die Jugend, musikalische Todesgedanken, also Abschiedsmusik ausgesucht.
 
Zu Beginn gab es Robert Schumanns (1810-1856) „Geistervariationen“ in Es-Dur (WoO24). Brahms hatte die Handschrift dieser Komposition behalten, sie wurde kopiert und erst 1939 gedruckt. Das alte Klischee vom schwachen, minderwertigen Schumannschen Spätwerk läßt András Schiff nicht gelten. Schumann komponierte seine Geistervariationen, sein letztes Werk für Klavier unter schlechten Träumen oder auch wahnhaften Visionen, unterbrach sein nächtliches kompositorisches Zwiegespräch nach der 3. Variation, wollte sein Leben beenden und sprang in derselben Nacht am 18.02.1854 in den Rhein. Nach seiner Rettung schrieb er ungerührt weiter an diesem berührenden Requiem für Klavier, welches im Nichts endet. Wenig später wurde Robert Schumann in die private Heilanstalt Bonn-Endenich eingewiesen, die er bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen hat. András Schiff sprach darüber, setzte sich an seinen Flügel, begann diese „wundervolle, gräßliche“ Musik (Clara Schumann) und Schumanns Spätwerk füllte den Raum. Am Ende Stille, bis der letzte Klavierton vollständig verklungen war. Ohne Applaus und ohne Pause erklangen in der Folge von Johannes Brahms (1833-1897), einem Verehrer Schumanns, die drei Intermezzi op. 117, Spätwerke von 1892, „Wiegenlieder seiner Schmerzen“, die entstanden, als er sich vom Komponieren eigentlich schon verabschiedet hatte, er nicht mehr auf Erfolg und Aufmerksamkeit von Publikum und Musikbetrieb angewiesen war. Melancholisch- resigniert(?) wirkende, endzeitliche Charakterstücke, philosophisch mit nobler Dynamik gespielt, entführten den Zuhörer in eine andere Welt.
 
Dann Mozarts Rondo a-moll KV 511 -„Ein Rondo für das Klavier allein“, notierte Mozart am 11. März 1787-, welches im 6/8 Andante mit häufigem Wechsel zwischen Moll und Dur sowie ausgeprägter Chromatik ernster daher kommt, als der Titel vermuten läßt. Im gleichen Jahr hatte Mozart zwar großen Erfolg mit dem Figaro, aber auch seinen todkranken Vater brieflich zu trösten versucht, seinen „liebsten besten Freund“, den Grafen von Hatzfeld verloren und den Don Giovanni komponiert. Nach den beiden Klavierquartetten 478 und 493 bekam er von seinem Verleger zu hören; „Schreib populärer sonst kann ich nichts mehr von dir drucken und bezahlen“. Das hätten die Zuhörer in Wuppertal so nicht geschrieben, die durch den musikalisch pulsierenden, lebendigen, Fluß des Mozartschen Tanzes von Brahmsschem Ernst und romantischer Tragik vorübergehend ein wenig entlastet wurden.
Vor der Pause erklangen die sechs Klavierstücke Op. 118 von Johannes Brahms, entstanden im Sommerurlaub 1893 in Bad Ischl, „in kleinstem Rahmen eine Fülle von Empfindung“, ein Beispiel dafür, daß bis ins Alter hin Produktivität und Emotionen lebendig bleiben können. Das Publikum, diesen einsamen musikalischen Gesprächen hoch konzentriert zuhörend, erlebte traumhaft das innige Zwiegespräch zwischen Komponist und Pianist.
 
Nach der Pause, strukturiert und souverän, Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge Nr. 24 h-Moll BWV 869 aus dem Wohltemperierten Klavier, dem ersten Klavierzyklus der Musikgeschichte, „ zum besonderen Zeitvertreib“ komponiert. Robert Schumann hatte es ja zum täglichen Gebrauch empfohlen. Es taucht aber im Konzertprogramm deutlich seltener auf als die Bachschen Solosonaten für Geige oder Violoncello. Die voranschreitenden 1/8 des Präludiums in der Art einer dreistimmigen Invention durchlaufen die 47 Takten unbeirrt, bevor in der komplizierten, langen Fuge sich über das vor Dissonanzen strotzende Thema, „vielleicht das kühnste der ganzen klassischen Literatur“, die Reinheit des Bachschen Kontrapunktes entwickelte. Trocken, fast ganz ohne Pedal - „senza pedale ma con tanti colori“ (…aber farbenfroh) lautet sein Motto -, und nachdenklich spielte er, der vor kurzem erst im Wiener Konzertverein sein Publikum beeindruckt hat, das komplizierte und ernste Werk. Die fallenden Terzen des Themas wurden im anschließenden Klavierstück aus Op. 119 ebenfalls in h-Moll (wiederum von Brahms) aufgenommen. Auf solche Bezüge und Querverweise im Programm hatte András Schiff schon zu Beginn des Abends hingewiesen. Technisch souverän, empfindsam, romantisch-elegisch, melancholisch mit differenziertesten Nuancen spielte Schiff diese komplexe Musik. Lautes Weltgetümmel bleibt an diesem Abend draußen vor. Zwischen den Stücken hörbares Schweigen auch des Publikums, welches auffällig still ohne Husten und Rascheln die Atmosphäre spürte. Und die anspruchsvolle Es-Dur Rhapsodie beendete das Klavierwerk von Johannes Brahms 1892 wie auch an diesem Abend. Arpeggien beider Hände mit der Melodie in den Mittelstimmen zaubern zeitweise serenadenartige Stimmungen, bevor das nahezu sinfonisch anmutende Werk in Moll endet.
 
Zuletzt gab es im Programm Beethovens Sonate Nr. 25 Es-Dur Op. 81a „Les Adieux“, in der er die Flucht seines Gönners, Freunds und Schülers des Erzherzog Rudolfs vor Napoleon 1809 thematisiert hat. Die drei Silben von „Lebewohl“ des „Abschieds“ entsprechen dem 1. Motiv der Sonate in dem stillen Adagio zu Beginn, bevor es im Allegro pianistisch kräftig und virtuos zur Sache geht. Die „Abwesenheit“ erfordert zunächst c-Moll im Andante espressivo des 2. Satzes bevor im 6/8 Takt des 3. Satz vivacissimamente das Wiedersehen gefeiert wird und die Sonate festlich heroisch endet.
Das Publikum jubelte und der bescheidene Pianist bedankte sich nach nahezu 120 Minuten auswendig gespielter Nonstop-Musik mit dem „Capriccio über den Abschied des geliebtes Bruders“ (BWV 992) in B-dur, in dem der junge Johann Sebastian jugendlich unbekümmert die Themen durcheinander wirbelt und dabei an dem Posthornmotiv besonderes Vergnügen findet. Abschiedsmusik ohne Tragik, welche das Publikum zu weiterem Applaus stimulierte und András Schiff bewog, zu allerletzt ein erst 1912 entdecktes Albumblatt von Johannes Brahms als nachträglichen Glückwunsch für seinen Freund Franz Xaver Ohnesorg zum Besten zu geben. Nach 150 Minuten entläßt das Publikum den bedeutenden Pianisten. Ein großer Klavierabend.
 
Jedem Musikfreund sei sein Buch „Musik kommt aus der Stille“ empfohlen, in dem er im Gespräch über Musik und Interpretationen, über einzelne Werke und ihre Komponisten, über die subjektiven Elemente der Interpretationskunst Auskunft gibt. (András Schiff: Musik kommt aus der Stille. Gespräche mit Martin Meyer. Essays (Henschel-Verlag/Bärenreiter Verlag 253 S. 24,95€)