Íkonom? Philosoph? Agitator?

Karl Marx 1818-1883 - Gro▀e Landesausstellung 2018 in Trier

von Johannes Vesper

Ökonom? Philosoph? Agitator?
 
Karl Marx 1818-1883
Große Landesausstellung 2018 in Trier
 
Von Johannes Vesper
 
In Chemnitz ist Karls monumentaler Kopf seit Jahren immer noch gut für Selfies. Dort wird mit Marxstädter Bier an seinen 200. Geburtstag erinnert, obwohl er nie die Stadt besucht hat. In Trier feiert man den Sohn der Stadt mit der Marx-Knusper-Pastete, mit nach ihm benannten Rotwein und mit Null-Euro-Scheinen, die für 3.- € an Touristen verkauft werden. Dieses Geschäftsmodell stammt aber nicht von Karl, der nicht mehr als Gespenst in Europa umhergeht, sondern neuerdings als chinesischer Marx aus Bronze, im bürgerlichen Gehrock, 5,50 m hoch und mit Buch unterm Arm in Trier steht. Am 05. Mai 1818 wurde Karl Marx hier geboren und wird jetzt zum 200. Geburtstag mit der Großen Landesausstellung seiner gedacht.
 
Im Stadtmuseum Simeonstift sind „Stationen eines Lebens“* zu sehen, bzw. wird mit Dokumenten, Gemälden und Literatur Karls Biographie dargestellt und in die Geschichte des 19. Jahrhunderts eingeordnet. Als Schüler war Karl mit Armut durchaus konfrontiert. Nach dem Anschluß an Preußen als Ergebnis des Wiener Kongresses 1815 gehörte Trier für Jahrzehnte zu den ärmsten Gebieten Deutschlands. Mitschüler im Gymnasium kamen sommers barfuß zur Schule, um die Schuhe für den Winter zu schonen. Die Mahl- und Schlachtsteuer, 1820 eingeführt, führte zu steigenden Lebensmittelpreisen. Ob Karl durch solche Jugendeindrücke schon zu seinem Kommunismus angeregt wurde? Der Direktor des Gymnasiums in Trier wollte die „jungen Leute damals im heiligen Glauben an Fortschritt und moralische Vervollkommnung“ ** erziehen. Ist das bei Karl gelungen? Der Sessel, in dem Marx (vielleicht) starb, ist eines der Ausstellungsstücke, die das tägliche Leben der Familie illustrieren. Mutter Henriette befürchtete bei ihrem Sohn einen Hang zur Schlamperei und mahnte ihn bereits wenige Wochen nach dem Beginn des Studiums in Bonn, „daß er Reinlichkeit und Ordnung nie als Nebensache betrachten muß, den davon hänge Gesundheit und Frohsinn ab. Halte pünktlich darauf, daß deine Zimmer öfters gescheuert werden“ **. Die Damastwäsche und das schottische Familiensilber seiner Frau Jenny bekam das junge Paar von der Brautmutter zur kirchlichen Hochzeit geschenkt, ein Geschenk, später von größter Bedeutung, da Wäsche und Silber zur Lösung akuter Finanzprobleme immer wieder ins Pfandhaus wanderten. Weder Karl noch seine Jenny konnten mit Geld umgehen. Nie war Karl in der Lage, seine Familie selbständig ernähren. Er promovierte 1841 über Epikur. Ob er dadurch zu persönlich genußreichem Leben angeregt wurde? Eher nicht, aber immer wieder lebte die Familie über ihre Verhältnisse und war ständig auf finanzielle Hilfe von Freunden, insbesondere vom Unternehmer Friedrich Engels aus Barmen angewiesen, der nicht nur für Karls unehelichen Sohn mit seiner Haushaltshilfe Lenchen Demuth zahlte, sondern für ihn unter seinem Namen auch immer wieder Zeitungsartikel schrieb, deren Honorare Karl zuflossen, und ihm zuletzt nach Verkauf seines Anteils der elterlichen Firma noch eine Leibrente gewährte.
 

Georges Adelmard Bouet, Hauptmarkt Trier 1886

Nach der Revolution 1849, vor allem in den ersten Jahren in London, lebten Karl, Jenny und ihre Kinder geradezu in prekären Verhältnissen. An den Zuständen in der Zweizimmerwohnung in Soho, „dem auserlesenen Quartier der Cholera (1854)..wo rechts und links der Mob krepiert“ **, hätte Mutter Henriette (s.o.) keine Freude gehabt: „alles ist zerbrochen, zerfetzt und zerlumpt. Überall klebt fingerdicker Staub überall die größte Unordnung (…) Spielereien der Kinder, das Fetzenwerk des Nähzeugs der Frau; Teetassen mit abgebrochenen Rändern, schmutzige Löffel, Messer, Gabeln, Leuchter, Tintenfass, Trinkgläser,..Tabakasche“ **; berichtete ein preußischer Spitzel über den Flüchtling in London an seine Dienststelle. Aber auch, daß er „als Gatte und Familienvater trotz seines sonst unruhigen und wilden Charakters, der zarteste und zahmste Mensch“ ** sei. Ihre Familie hatte sie schon immer vor ihm gewarnt. Aber die schöne, charmante, und hoch gebildete Jenny – sie sprach acht Sprachen und liebte besonders Shakespeare - wird gewußt haben, warum sie es mit ihm unter diesen Umständen ausgehalten hat. Seinen Freunden gegenüber verhielt er sich alles andere als zahm. Die hatten es wirklich schwer im Umgang mit ihm, der „jedem, der ihm widersprach, mit kaum verhüllter Verachtung behandelte (…) oder ihm mßliebige Argumente mit beißendem Spott über die bemitleidenswerte Unwissenheit behandelte“ **. „Als Bourgeois, das heißt als ein unverkennbares Beispiel einer tiefen geistigen und sittlichen Versumpfung, denunzierte er jeden, der seinen Meinungen zu widersprechen wagte“ ** (Carl Schurz). Karl selbst schrieb, er sei so geplagt wie Hiob, obgleich nicht so gottesfürchtig. „Aus Mangel an im Pfandhaus untergebrachten Röcken“ konnte er zeitweise auch nicht mehr ausgehen“ **, geschweige denn einen Arzt rufen für die kranke Familie. Persönlich also ein Beispiel für den Pauperismus,  wollte er nach außen hin immer den Schein bürgerlich-wohlhabender Verhältnisse wahren, qualmte teure Zigarren, soff von Engels geschenkten Wein und beschäftigte z.B. jahrelang zwei Hausangestellte bzw. besuchte auf dem Rückweg von Algier (1882) natürlich auch die Spielbank von Monaco. Mit seinen Aktienspekulationen konnte er die Diskrepanz zwischen Einkommen und Ausgaben nicht mindern. Vier der sieben Kinder des Ehepaares Karl und Jenny verstarben im Kindesalter, auch der von ihm so geliebte Stammhalter.
 
Nach Karls Tod war es Engels, der den Nachlaß unter Hintanstellung eigener literarischer, politischer und philosophischer Interessen ordnete und sicherte. Er habe sein Leben lang die 2. Violine gespielt und glaube auch seine Sache ganz passabel gemacht zu haben - und er sei froh gewesen, so eine famose 1. Violine gehabt zu haben wie Karl Marx. Engels hat nach seinen Erfahrungen im kapitalistischen Manchester seinen intellektuellen Partner mit der Arbeitswelt, mit den Verhältnissen und Arbeitsbedingungen des industriellen Proletariats der Zeit , mit dem Elend der Lage der arbeitenden Klasse bekannt gemacht, wovon der Schreibtischtäter und Theoretiker des wissenschaftlichen Sozialismus Marx persönlich keine Anschauung hatte. Engels sind u.a. der 2. und der 3. Band des Kapitals zu verdanken, die er mühsam aus dem chaotischen, in Karls eigentlich nicht lesbarer Handschrift verfaßten Nachlaß redigiert hat. Er hielt die Grabrede für den „bestgehaßten und bestverleumdeten Mann seiner Zeit“****, für seinen Freund und Partner im Geist Karl Marx bei dessen Beerdigung auf dem Friedhof zu Highgate am 17.03.1883.


 Otto Bollhagen, Tiegelstahlguss bei Krupp um 1912
 
„Ein Gespenst geht um in Europa - Das Gespenst des Kommunismus“ (Erster Satz des Kommunistischen Manifestes****)
 
Während im Simeonstift also Karls Biografie lebendig wird, kann anhand der Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum nachvollzogen werden, woher er seine von ihm selbst für wissenschaftlich gehaltene Theorie der Nationalökonomie entwickelte, wie es zum Kommunistischen Manifest kam bzw. zu Abrechnung mit der Bourgeoisie, „die die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst …und den Arzt, den Juristen , den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt hat“****. Wenn er dem Kapitalismus bzw. der Bourgeoisie vorwirft, stets neue Bedürfnisse und die Mittel zu ihrer Befriedigung zu erfinden, wenn er schreibt, die Bourgeoisie jage nach einem stets ausgedehnteren Absatz ihrer Produkte über die ganze Erdkugel, erobere ständig neue Märkte, vernichte mit periodisch auftretenden Handelskrisen immer wieder Produktivkräfte, fragt sich der Leser, ob dieser Text tatsächlich schon 1848 geschrieben wurde. Seine Aktualität leuchtet bei der heute fortgeschrittenen so fatalen Durchökonomisierung der gesamten Gesellschaft mit  Finanzkrisen als Folge der Fetische „Gewinnmaximierung“, „Wachstum“ und „Globalisierung“ unmittelbar ein. Karl Marx kam über seine Religionskritik („Opium fürs Volk“) im Gefolge von Ludwig Feuerbach, über Hegels „Weltgeist“ auf dem Weg zu mehr Selbsterkenntnis, mehr Rationalität und mehr Freiheit sowie über von der Französischen Revolution gespeisten radikaldemokratischen Ideen im Laufe der Geschichte zu seinem Kommunismus und zum revolutionären Terrorismus. Tatsächlich heißt es bei ihm nicht mehr „Alle Menschen sind Brüder“ sondern „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ **** Erstaunlich und bemerkenswert ist es, daß im Kommunistischen Manifest Karl Marx ein „Lumpenproletariat, der passiven Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft“ mit Neigung zu reaktionären Umtrieben vom revolutionären Proletariat, dem die Zukunft gehört, abgrenzt. Wenn er „von der Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse mittels despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse“ spricht, kündigt er die Diktatur des Proletariats an, welches viel später die DDR, die Sowjetunion und China für sich zu verwirklichen glaubten?  Von individuellen Rechten, von Meinungs- und Pressefreiheit ist in diesem berühmten und wirkmächtigen Text jedenfalls keine Rede. 
 

Karl Marx, Friedrich Engels und die Töchter Jenny, Eleanor und Laura Marx, 1864
 © International Institute of Social History Amsterdam

In der Rezension des umfangreichen Kataloges zur Großen Landesausstellung kann die Fülle der Informationen, Gedanken und Ideen nur angedeutet werden. Sachkundige Essays ausgewiesener Autoren informieren über die Biografie von Karl Marx, über die Philosophie- und Sozialgeschichte des 19. Jahrhundert, über die Epoche des Vormärz, über die Revolution 1948/49, über die Situation von Kunst und Literatur in der wachsenden Industrialisierung, über die politische Ökonomie, über die Arbeiterbewegung, die 1. Internationale, bis hin zu Globalisierung und Weltkrieg. Ein Essay zur Musik, zu ihrer Rolle in Revolution und Marxismus, zur Rolle des Revolutionärs Richard Wagners 1849 fehlt allerdings. Marx hielt nicht viel vom „Staatsmusikanten Wagner“ ** und dem „Bayreuther Narrenfest“ **. Überhaupt scheint Marx an Musik weniger interessiert gewesen zu sein als an anderen Künsten, hat aber immerhin als 20jähriger für sein „süßes Herzens-Jennychen“ *** Volkslieder gesammelt. Karls Reisen und die von ihm besuchten Städte werden im Katalog beschrieben. Wegbegleiter und Kontrahenten (u.a. Ludwig Feuerbach, Georg Wilhelm Hegel, natürlich Friedrich Engels, Wilhelm Weitling, Wilhelm Liebknecht) werden biografisch bzw. philosophisch abgehandelt. Mit umfangreichem Bildmaterial - manche Bilder erscheinen sogar zweimal - mit Literaturverzeichnis und Leseempfehlungen ermöglicht dieses Handbuch zu Marx und seiner Zeit dem Interessierten weitergehende Studien.
 
Beatrix Bouvier, Rainer Auts (Hg) – „Karl Marx 1818-1883 Leben. Werk. Zeit.“
Katalog zur Großen Landesausstellung Trier 05.05.-21.10.2018. Rheinisches Landesmuseum Trier, Stadtmuseum Simeonstift Trier.
© 2018 Konrad Theiss Verlag (WBG), 382 Seiten, zahlreiche Abbildungen - ISBN 978-3-8062-3702-3
50.- €
Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der Wissenschaftl. Buchgesellschaft ermöglicht.
 
Zitate:
*Katalog Karl Marx 1838 Leben. Werk. Zeit,
**Karl Marx. Die Biographie von Gareth Stedman Jones (S. Fischer 2017),
***Karl Marx Gesammelte Lieder (Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH 2018,
**** Kommunistisches Manifest u.a. (Marx Engels: Ausgewählte Schriften, Dietz Verlag Berlin 1972). Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Verlags.